„Unsere Daten gehören uns“: Wie eine Zürcher Genossenschaft die Macht der Tech-Konzerne bricht
Roger Fischer besass kein Auto. In Kalifornien, im Herzen des Silicon Valley, erlebte der Schweizer die Schattenseiten der digitalen Welt hautnah. „Mir ist das erste Mal so richtig klar geworden, dass wir überhaupt kein Mitspracherecht in dieser digitalen Welt haben“, sagt er heute. „Alle wollen Geld mit Daten verdienen, doch die Menschen, die die Daten generieren, bleiben aussen vor“ (Perspective Daily, 2024). Zurück in Zürich beschloss Fischer, etwas zu ändern. 2018 gründete er mit Gleichgesinnten Posmo – eine Datengenossenschaft, die beweisen will, dass es anders geht (Perspective Daily, 2024).
Die Idee ist radikal und einfach zugleich: Statt dass grosse Tech-Konzerne mit unseren Bewegungsdaten Milliarden verdienen, sollen die Bürgerinnen und Bürger selbst bestimmen, was mit ihren Informationen passiert. Posmo sammelt Mobilitätsdaten – wo fahren wir Velo, wo gehen wir zu Fuss, wo nutzen wir den ÖV – und stellt diese Daten anonymisiert für gesellschaftliche Zwecke zur Verfügung (BFH, 2023). „Wir sind ethische Datenbroker“, erklärt Roger Fischer. „Das Geld fliesst in den Aufbau der Genossenschaft – und wenn wir Gewinn machen, zurück an die Mitglieder“ (Tsüri, 2023).
Das Besondere am Modell von Posmo ist die genossenschaftliche Struktur. Jeder, der Daten spendet, kann Mitglied werden und mitentscheiden, was mit den Daten passiert. Ein Ethikrat wacht darüber, dass nur Projekte genehmigt werden, die dem Gemeinwohl dienen (BFH, 2023). „Wir haben keine Kontrolle über unsere Daten. Egal, was du mit deinem Handy machst, konstant werden deine Daten geplündert. Mit der Genossenschaft wollen wir diese Macht zurückbekommen“ (Tsüri, 2023).
Wusstest du?
Alle zehn Sekunden setzt die Posmo-App einen GPS-Datenpunkt. Das ergibt extrem genaue Bewegungsprofile – doch keine Rohdaten verlassen den Datenpool, sondern nur anonymisierte und aggregierte Ergebnisse. Die BFH entwickelte dafür das Prinzip des „Datenknäuels“: Kein einzelner Datenpunkt darf ausserhalb eines schützenden Knäuels identifizierbar sein (BFH, 2023).
Die Stadt Zürich als Partnerin
Die Stadt Zürich erkannte früh das Potenzial. In einem Pilotprojekt von August 2022 bis Ende 2023 sammelte Posmo für die Stadt Mobilitätsdaten – mit beachtlichem Erfolg. 432 Zürcherinnen und Zürcher beteiligten sich und generierten 6860 Datentage (NZZ, 2022; Tsüri, 2023). Besonders der VelObserver, eine Funktion zur Bewertung von Velorouten mit Smileys, wurde rege genutzt: Über 53’000 Bewertungen kamen allein in Zürich zusammen (Oltner Tagblatt, 2023). Im Oktober 2023 erhielt der VelObserver den Deutschen Mobilitätspreis in der Kategorie International (Oltner Tagblatt, 2023).
David Weber, Leiter der Smart-City-Abteilung Zürichs, betont den Wert dieser Zusammenarbeit: „Die Daten liefern Erkenntnisse für eine bedarfsgerechte Verkehrsplanung“ (Tsüri, 2023). Anders als bei herkömmlichen Mobilitätsdaten, die stark auf den Autoverkehr fokussieren, liefert Posmo erstmals verlässliche Informationen über Velo- und Fussverkehr (Smart City Dialog, 2023).
Ein neues Geschäftsmodell für die Datenökonomie
Posmo wird vom Migros-Pionierfonds unterstützt (Migros, o.J.) und arbeitet eng mit der Berner Fachhochschule zusammen. Die Forscherin Annett Laube entwickelt dort die Anonymisierungsverfahren weiter – mit einem klaren Ziel: „Die ethische Governance muss eingehalten werden, Daten dürfen auf keinen Fall missbraucht werden“ (BFH, 2023).
Das Geschäftsmodell basiert auf der Idee des „ethischen Datenmarkts“. Gemeinden, Forschende und politische Entscheidungsträger können auf den Datenpool gegen Bezahlung zugreifen. Die Erlöse fliessen in den Erhalt der Genossenschaft und sollen künftig an die Mitglieder ausgeschüttet werden – bemessen nach ihrem Beitrag, gemessen in einer internen Währung namens „Ostrom“ (Perspective Daily, 2024).
Was bleibt
Heute zählt Posmo 54 Mitglieder und sechs laufende Projekte (Perspective Daily, 2024). Ein deutscher Ableger ist in Planung, die Technologieplattform wird stetig weiterentwickelt. Doch der eigentliche Erfolg liegt woanders: Posmo hat gezeigt, dass eine demokratische, transparente und gemeinwohlorientierte Datenwirtschaft möglich ist. „Was ich an der Genossenschaft so spannend fand, ist nicht nur, dass sie Daten zurück an die Menschen bringt“, sagt Ethikrätin Roberta Fischli. „Sondern dass es gleichzeitig nicht ums Profitmachen geht. Die Genossenschaft versucht etwas Nachhaltiges umzusetzen, was wirklich der ganzen Bevölkerung dient“ (Perspective Daily, 2024).
Quellen:
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BFH. 2023. „Daten spenden für mehr Nachhaltigkeit“. [online]
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Migros. o.J. „POSMO: Daten sammeln, Innovationen ermöglichen“. [online]
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NZZ. 2022. „Zürich bittet um Datenspende bei Stadtbewohnern“. [online]
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Oltner Tagblatt. 2023. „Können bald alle Velofahrer mit dem Handy die Limmattaler Velorouten bewerten?“ [online]
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Perspective Daily. 2024. „Diese Menschen lassen sich für die Verkehrswende freiwillig digital verfolgen“. [online]
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Smart City Dialog. 2023. „The cooperative as an emerging model for the data economy“. [online]
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Tsüri. 2023. „Sicherer Veloverkehr: Zürcher:innen spenden Bewegungsdaten“. [online]
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