Bücher für alle – Wie eine ausrangierte Telefonzelle in Bonn zur meistbesuchten Bibliothek der Stadt wurde

Mitten auf der Borsigallee am Bonner Brüser Berg, in Höhe der Sparkasse, steht ein leuchtend rotes Schmuckstück. Was früher einmal als Telefonzelle dem kommunikativen Austausch diente, ist heute ein Ort der ganz anderen Begegnung. Hier drängen sich keine Wartenden mit Telefonkarten, sondern Menschen aller Altersgruppen, die in Kisten stöbern, überraschende Funde machen und manchmal sogar ins Gespräch kommen. Die umgebaute Telefonzelle ist zur meistbesuchten Bibliothek des Viertels geworden – und das, obwohl sie nie ein Buch gekauft hat (brueser-berg.de).

Die Geschichte der öffentlichen Bücherschränke in Deutschland beginnt nicht in Bonn, aber sie findet hier ihre vielleicht schönste Ausprägung. Der Ursprung der Idee liegt weiter zurück: 1991 installierten die US-amerikanischen Künstler Michael Clegg und Martin Guttmann in Graz erstmals offene Bücherschränke als künstlerischen Akt – ein Konzept, das sie wenig später auch in Mainz und Hamburg realisierten (Wikipedia 2024; welt.de 2011). Damals waren es noch ausgediente Stromschaltkästen, die zu kleinen öffentlichen Bibliotheken umfunktioniert wurden.

Doch erst der Bonner Beitrag machte die Idee wirklich salonfähig. 2002 schrieb die Bürgerstiftung Bonn einen Wettbewerb aus, bei dem die Innenarchitekturstudentin Trixy Royeck mit einem Entwurf für eine umgebaute Telefonzelle gewann (Wikipedia 2024; buergerstiftung-bonn.de). Die Deutsche Telekom stellte ausgemusterte Zellen zur Verfügung, lokale Berufsschulen halfen beim Umbau, und Umweltinitiativen unterstützten das Projekt. Aus dieser Zusammenarbeit entstand die erste „BücherboXX“ – und ein Modell, das Schule machen sollte (brueser-berg.de).

Wusstest du? Der Bonner Architekt Hans-Jürgen Greve entwickelte aus Royecks Entwurf ein wetterfestes Modell aus Stahl und Acrylglas. Mehrere hundert dieser „BOKX“-Bücherschränke stehen heute in ganz Deutschland (Wikipedia 2024; buergerstiftung-bonn.de).

Von der Idee zur Bewegung

Die Bonner Bücherboxx erwies sich als Volltreffer. Das Prinzip war denkbar einfach: Jeder kann Bücher hineinstellen, jeder kann sie mitnehmen – kostenlos, anonym, ohne Formalitäten. Kein Bibliotheksausweis, keine Rückgabefrist, keine Mahngebühren. Ein System, das auf Vertrauen basiert und funktioniert, weil es von der Gemeinschaft getragen wird (Wikipedia 2024).

Heute, über zwanzig Jahre später, steht in Bonn an 27 Standorten ein öffentlicher Bücherschrank – vom Frankenbad in der Altstadt bis zum Rheinufer in Beuel, vom Brüser Berg bis nach Bad Godesberg (buergerstiftung-bonn.de). Jeder Schrank fasst etwa 250 Bücher und ist rund um die Uhr zugänglich. Und jeder hat seine eigene Geschichte.

Besonders lebendig ist die Bücherbox am Brüser Berg. Heidi Möller, eine der treibenden Kräfte hinter vielen Stadtteilprojekten, kümmert sich seit Jahren um den Bestand. Sie zeigt regelmäßig die „Schätze im Bücherschrank“ und sorgt dafür, dass das Angebot attraktiv bleibt (brueser-berg.de). „Das Engagement der Brüser Berger macht den Unterschied“, heißt es auf der Stadtteilseite. „Hier werden aus einfachen Ideen gelebte Gemeinschaftsprojekte, die den Alltag der Bewohner bereichern und das nachbarschaftliche Miteinander stärken“ (brueser-berg.de).

Wusstest du? Eine Studie der Universität Bonn aus dem Jahr 2008 ergab, dass öffentliche Bücherschränke eine bemerkenswerte Alternative zum klassischen Buchhandel darstellen. Die Nutzer befürworteten sogar ähnliche Versorgungssysteme für andere Waren (Wikipedia 2024).

Was in den Schränken landet

Wer durch die Bonner Bücherschränke stöbert, macht oft überraschende Entdeckungen. Anke Vogel vom Institut für Buchwissenschaften der Universität Mainz hat das Phänomen wissenschaftlich untersucht. Ihr Fazit: „Es ist oft so, dass die Bestseller ganz schnell verschwinden. Was bleibt, sind die romantischen Schmöker – Rosamunde Pilcher zum Beispiel“ (SWR Kultur 2024).

Doch genau das macht den Reiz aus. „Es ist auch eine Trüffeljagd“, sagt Vogel. „Man kommt an den Schrank und findet Schätzchen. Das kann was ganz Aktuelles sein, wenn jemand viel Bücher kauft und wieder loswerden will. Das können auch alte Schätze sein, wenn jemand das Bücherregal der Oma aussortiert hat“ (SWR Kultur 2024).

Die Bücherschränke sind nicht nur nachhaltig, weil sie Bücher vor der Mülltonne retten. Sie sind auch demokratisch. Jeder kann mitmachen, jeder kann profitieren. Und sie schaffen Begegnung. In Bonn wie in vielen anderen Städten sind sie zu sozialen Treffpunkten geworden, an denen Nachbarn ins Gespräch kommen und neue Kontakte entstehen.

Was bleibt

Von Bonn aus hat die Idee ihren Siegeszug angetreten. In Hannover gibt es inzwischen über 30 Bücherschränke, in Hamburg fahren Bücherregale sogar in Bussen mit (Wikipedia 2024). In Salzburg wurden ausgediente Telefonzellen zu „Büchertankstellen“ umfunktioniert – im ersten Jahr wurden dort 10.000 Bücher getauscht (Wikipedia 2024). Und in Graz gibt es heute mehr als 90 offene Bücherregale.

Die Bonner Bücherboxx steht am Anfang dieser Bewegung. Sie zeigt, was möglich ist, wenn Bürgerinnen und Bürger die Dinge selbst in die Hand nehmen. Wenn aus einer ausrangierten Telefonzelle ein Ort der Begegnung wird. Und wenn ein Stadtteil seinen Bücherschrank adoptiert und pflegt. Vielleicht ist das die schönste Geschichte, die man über einen Bücherschrank erzählen kann.

Quellen:

  • Wikipedia 2024. „Öffentlicher Bücherschrank“. [online]

  • brueser-berg.de o.J. „Bücherbox – Eine alte Telefonzelle mit neuem Leben“. [online]

  • buergerstiftung-bonn.de o.J. „Offene Bücherschränke“. [online]

  • welt.de 2011. „Der erste öffentliche Bücherschrank“. [online]

  • SWR Kultur 2024. „Nachhaltig lesen: Bücherschränke erobern Bürgersteige“. [online]


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