Eine Stunde, die zählt – Wie Lesepaten in Augsburg Grundschülern die Welt der Bücher öffnen

Es ist Dienstagvormittag, die zweite Stunde an der Wittelsbacher Grundschule in Augsburg. Während im Klassenzimmer der dritten Klasse der reguläre Unterricht läuft, sitzt die achtjährige Lena mit einem älteren Herrn in einer ruhigen Ecke des Flurs. Vor ihnen liegt das Buch „Die kleine Hexe“. Der Mann heißt Klaus, ist 72 Jahre alt und seit fünf Jahren ehrenamtlicher Lesepate. Lena liest langsam, stockt hier und da, doch Klaus wartet geduldig, hilft ihr über schwierige Wörter hinweg und lobt nach jedem Satz. Nach einer halben Stunde ist das Kapitel geschafft. Lena strahlt – nicht nur, weil sie heute besonders gut gelesen hat, sondern weil sie spürt: Da ist jemand, der sich Zeit nimmt. Nur für sie (Freiwilligen-Zentrum Augsburg 2025a).

Diese Szene spielt sich jeden Tag hunderte Male in deutschen Grundschulen ab. Lesepaten sind Ehrenamtliche, die regelmäßig in Schulen kommen, um mit Kindern eins zu eins zu lesen. Sie helfen nicht nur beim Lesenlernen, sondern vermitteln vor allem eines: Freude am Lesen und das Verständnis von Texten (Freiwilligen-Zentrum Augsburg 2025a). In Augsburg gibt es dieses Projekt bereits seit über 20 Jahren – mit beeindruckendem Erfolg.

Wusstest du? In Augsburg engagieren sich über 250 Lesepatinnen und Lesepaten an fast allen Grundschulen der Stadt. Das Projekt läuft seit 2004 und wurde mehrfach ausgezeichnet – unter anderem als eine der „Vorlesestädte 2023“ (Freiwilligen-Zentrum Augsburg 2025a).

Die Geburtsstunde einer Idee

Angestoßen vom Seniorenbeirat der Stadt Augsburg und seit 2005 in der Koordination des Freiwilligen-Zentrums Augsburg, ist die Zahl der Engagierten stetig gewachsen. Unterstützt wird das Projekt von der Stadtsparkasse Augsburg, dem Lions Club Augsburg-Raetia, dem Bildungs- und Schulreferat sowie dem Schulamt. Diese breite Basis macht das Projekt nachhaltig und erfolgreich (Freiwilligen-Zentrum Augsburg 2025a).

Im Oktober 2025 feierten die Augsburger Lesepaten ein besonderes Jubiläum: 20 Jahre Engagement für die Leseförderung. Mit einem Festakt im Gymnasium bei St. Anna wurde die Arbeit der vielen Freiwilligen gewürdigt. Augsburgs Bürgermeisterin und Bildungsreferentin Martina Wild würdigte das Projekt als „nachhaltig“ – nicht nur wegen der langen Zeit, sondern vor allem wegen der kontinuierlichen Unterstützung der Kinder für eine bessere Zukunft (Freiwilligen-Zentrum Augsburg 2025a).

Wusstest du? Laut Vorlesemonitor 2023 bekommen vier von zehn Kindern zu Hause nicht oder nur sehr selten vorgelesen. Ehrenamtliche Lesepaten schließen genau diese Lücke und legen die Grundlage dafür, dass Kinder selbst gut lesen lernen (Freiwilligen-Zentrum Augsburg 2025a).

Ein Prinzip mit Qualität

Was die Augsburger Lesepaten auszeichnet, ist die professionelle Begleitung. Das Freiwilligen-Zentrum Augsburg berät Interessierte, vermittelt sie an Schulen und Kindergärten und bietet regelmäßige Austauschtreffen und Fortbildungen an. So wird sichergestellt, dass die Ehrenamtlichen nicht allein gelassen werden, sondern sich weiterentwickeln und vernetzen können (Freiwilligen-Zentrum Augsburg 2025a).

Die Lesepaten arbeiten in Kleingruppen mit ein bis drei Kindern, mancherorts sogar im 1:1-Prinzip. Sie lesen vor, üben das Lesen und sprechen über das Gelesene. Entscheidend ist nicht die schulische Nachhilfe, sondern die Freude am Buch. Wenn Kinder erkennen, wie wichtig und schön Lesen sein kann, dann haben die Lesepaten ihr Ziel erreicht (Freiwilligen-Zentrum Augsburg 2025a).

Im Juli 2025 fand an 14 Augsburger Grundschulen ein großer Vorlesetag statt. Zahlreiche Lesepaten und Mitarbeitende der Firma Hilti, die an diesem Tag ihren sozialen Tag absolvierten, lasen in rund 70 Klassen Bücher und Geschichten vor. Die Kinder belohnten die Leserinnen und Leser mit großer Begeisterung und leuchtenden Augen (Freiwilligen-Zentrum Augsburg 2025a).

Was Lesepaten mitbringen sollten

Wer Lesepate werden möchte, braucht keine pädagogische Ausbildung – aber die richtige Einstellung. Das Freiwilligen-Zentrum Augsburg sucht Menschen, die gerne vorlesen, geduldig sind und Freude am Umgang mit Kindern haben. Wichtig ist vor allem Verlässlichkeit: Die Kinder sollen sich darauf verlassen können, dass ihr Lesepate jede Woche kommt (Freiwilligen-Zentrum Augsburg 2025a).

In vielen Städten gibt es ähnliche Angebote. Der Landkreis Aschaffenburg hat mit dem Projekt „LesepatenschaftPLUS“ ein erweitertes Programm entwickelt, bei dem geschulte Ehrenamtliche Grundschulkinder beim Lesenlernen unterstützen. Die Freiwilligen verpflichten sich zu etwa zwei bis drei Stunden pro Woche und werden durch regelmäßige Fortbildungen begleitet (Landkreis Aschaffenburg 2025).

Der MENTOR-Bundesverband ist mit 11.000 ehrenamtlichen Mentoren in 270 Orten der größte Anbieter für individuelle Leseförderung. Auch hier gilt das bewährte 1:1-Prinzip: Ein Mentor fördert ein Kind – eine Stunde pro Woche – mindestens ein Jahr lang (MENTOR Bundesverband 2025; Deutscher Bildungsserver 2018).

Wusstest du? Die MENTOR-Leselernhelfer in Dortmund waren 2025 für den Deutschen Engagementpreis nominiert – eine Anerkennung für ihre wertvolle Arbeit mit Grund- und Förderschulkindern (Deutscher Engagementpreis 2025).

Was bleibt

Wenn Lena nach der Lesestunde zurück in ihre Klasse geht, hat sie mehr gelernt als nur ein paar neue Wörter. Sie hat erfahren, dass ein Erwachsener sich Zeit für sie nimmt, dass sie wichtig ist und dass Lesen etwas Schönes sein kann. Vielleicht wird sie später selbst einmal Lesepatin. Vielleicht gibt sie das weiter, was sie bekommen hat: die Freude an Büchern und das Gefühl, dass eine Stunde manchmal viel mehr zählt als ein ganzer Schultag.

Quellen:


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