Nonni Line – Wie ein Dorf in der Toskana Kinder und Großeltern übers Telefon verbindet

Es ist Dienstagnachmittag in einem kleinen Dorf in der Toskana. Die achtjährige Sofia sitzt am Küchentisch, neben sich ihre Hausaufgaben, vor sich das Telefon. Gleich wird sie ihre „Nonni“ anrufen – keine leibliche Großmutter, sondern eine 83-jährige Witwe, die allein in einem Haus am anderen Ende des Dorfes lebt. Zwei Mal pro Woche plaudern sie über den Schulausflug, über das Wetter, über die Katze, die sich im Garten versteckt hat. Was wie ein privater Besuch klingt, ist Teil eines Projekts, das in ganz Italien Schule macht: „Nonni Line“ – eine Telefonverbindung zwischen Generationen, die Einsamkeit vertreibt und Freundschaften stiftet.

Die Idee entstand in einer kleinen Gemeinde in der Toskana, wo der demografische Wandel besonders deutlich zu spüren war. Immer mehr junge Menschen zogen in die Städte, immer mehr Alte blieben zurück – allein, oft ohne regelmäßigen sozialen Kontakt. Gleichzeitig suchten Familien nach sinnvollen Beschäftigungen für ihre Kinder, die nach der Schule oft allein vor dem Fernseher saßen. Eine Gruppe engagierter Mütter und der örtliche Sozialdienst taten sich zusammen und entwickelten ein simples, aber geniales Konzept: Kinder rufen regelmäßig bei alleinstehenden Senioren an – und erhalten dafür eine kleine Aufwandsentschädigung.

Das Prinzip ist denkbar einfach. Die Kinder sind zwischen acht und zwölf Jahren alt, die Senioren meist über 75. Nach der Schule, wenn die Kinder ihre Hausaufgaben erledigt haben, wählen sie die Nummer ihrer „Telefon-Großeltern“. Das Gespräch dauert etwa 20 bis 30 Minuten – mal länger, wenn viel zu erzählen ist. Die Kinder erhalten dafür eine kleine Aufwandsentschädigung, die oft direkt in ihr Taschengeld fließt. Vor allem aber lernen sie etwas, das keine Schule vermitteln kann: Geduld, Zuhören, Verantwortung.

Wusstest du? In Bologna geht das Projekt „Kleinkinderen te Huur“ („Enkel zum Ausleihen“) noch einen Schritt weiter. Hier helfen Jugendliche Senioren nicht nur am Telefon, sondern auch bei technischen Problemen – vom Smartphone bis zum Computer. 32 Senioren werden dort von zwölf Jugendlichen betreut, das Budget beträgt 25.000 Euro für zwei Jahre (Global Health Connector 2024).

Die stillen Heldinnen des Alltags

Besonders berührend ist die Geschichte von Elena, neun Jahre alt, und ihrer „Telefon-Oma“ Giuseppina. Giuseppina, 87, war früher Grundschullehrerin und hat ihr Leben lang Kinder unterrichtet. Nach dem Tod ihres Mannes vor drei Jahren zog sie sich immer mehr zurück. „Ich hatte das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden“, erzählt sie leise. Seit Elena sie anruft, hat sich das geändert. Die beiden sprechen über Mathe-Hausaufgaben, über die Bäume vor Giuseppinas Fenster und manchmal auch über ganz persönliche Dinge. „Elena fragt mich, wie es früher war, als ich jung war. Das hat mir gezeigt, dass meine Geschichten noch jemanden interessieren.“

Elenas Mutter berichtet, wie sehr das Telefonat auch ihre Tochter verändert hat: „Sie ist geduldiger geworden, fragt mehr nach, hört genauer zu. Und sie hat gelernt, dass alte Menschen nicht langweilig sind, sondern spannende Geschichten zu erzählen haben.“

In manchen Dörfern hat sich das Projekt längst verselbstständigt. Aus den wöchentlichen Telefonaten werden manchmal echte Besuche. Wenn ein Kind mit seinen Eltern zu Besuch kommt, wird aus der Telefon-Oma eine echte Freundin der Familie. Es entstehen Beziehungen, die weit über das ursprüngliche Konzept hinausgehen.

Wusstest du? Die italienische Regierung fördert solche Projekte gezielt. Mit einem Budget von 2,5 Millionen Euro unterstützt sie interkommunale Initiativen, die den Dialog zwischen den Generationen fördern und die digitale Kluft überwinden helfen (InformaGiovani 2025).

Ein Modell mit Zukunft

Das Besondere an der Nonni Line ist ihre Einfachheit. Sie braucht keine teure Technik, keine komplizierte Infrastruktur – nur ein Telefon, ein offenes Ohr und die Bereitschaft, regelmäßig Zeit zu investieren. In Zeiten, in denen überall nach High-Tech-Lösungen für soziale Probleme gesucht wird, erinnert sie daran, dass die besten Ideen oft die einfachsten sind.

In Italien hat das Projekt inzwischen viele Nachahmer gefunden. Von der Toskana aus hat es sich in andere Regionen ausgebreitet – nach Apulien, Kampanien, in die Lombardei und nach Sizilien (Global Health Connector 2024). Jedes Dorf, jede Stadt passt das Konzept an ihre eigenen Bedürfnisse an. Mal sind es Grundschulkinder, die anrufen, mal Jugendliche, die auch bei technischen Fragen helfen. Das Grundprinzip bleibt: eine Brücke zwischen den Generationen, getragen von Menschlichkeit und der Erkenntnis, dass Alt und Jung voneinander profitieren können.

Was bleibt

Wenn Sofia nach ihrem Telefonat den Hörer auflegt, ist sie oft noch ganz erfüllt von den Geschichten, die Giuseppina ihr erzählt hat. Vielleicht geht sie dann zu ihrer Mutter und fragt: „Weißt du eigentlich, wie Opa seine Oma kennengelernt hat?“ Die Nonni Line hat nicht nur zwei Menschen verbunden – sie hat eine Kette des Erzählens und Zuhörens in Gang gesetzt, die weit über das Telefonat hinausreicht. Und das ist vielleicht das Schönste an dieser einfachen, wunderbaren Idee.

Quellen:

  • Global Health Connector 2024. „Grandchildren for Rent: Supporting Elderly with Tech and Care“. [online]

  • InformaGiovani 2025. „Jugendprojekte für selbstständige Senioren“. [online]


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