Schrauben für alle – Wie eine Berliner Fahrradwerkstatt die Stadt mobil hält

Es war ein geklautes Fahrrad, das Sofian Hamouda zur Fahrrad-Selbsthilfe brachte. Als dem Lehramtsstudenten im November 2020 sein Rad gestohlen wurde, bekam er von einem Freund eine sogenannte Fahrradleiche – ein Schrottrad, dem unter anderem Sattel und Lenker fehlten. Weil ihm als Student das Geld für eine Fachwerkstatt fehlte, brachte er es in die Fahrrad-Selbsthilfewerkstatt an seiner Uni, der Freien Universität Berlin. Bei „FUrad“ halfen ihm andere Studierende, das Schrottrad aufzubereiten und wieder fahrtauglich zu machen. Die Idee hinter der Werkstatt – „Hilfe zur Selbsthilfe“ – gefiel ihm so gut, dass er der studentischen Initiative einige Monate später selbst beitrat (Tagesspiegel 2023). Heute, zwei Jahre später, hilft er nun selbst anderen, runtergerittene Bremsbeläge auszuwechseln oder Gangschaltungen richtig einzustellen (Tagesspiegel 2023).

Die Werkstatt an der Freien Universität Berlin ist nur eine von vielen in Deutschland. Seit den 1980er Jahren gibt es diese Selbsthilfewerkstätten, damals meist unter dem Dach von Vereinen und Verbänden (RP Online 2012). In den letzten Jahren sind es kontinuierlich mehr geworden, vor allem in Großstädten. Der Drahtesel hat sich als ernstzunehmende Alternative zum Auto etabliert – und entsprechend groß ist der Reparaturbedarf (RP Online 2012). Allein in Berlin gibt es inzwischen mehrere solcher Initiativen, an der TU, der HU und eben der FU, wo FUrad 2017 von mehreren Studierenden als fachschaftsfreie Initiative gegründet wurde (FU-Berlin 2021).

Wusstest du? Viele Fahrradläden flicken heute keine Schläuche mehr, sondern bauen gleich neue ein. Das kann am Ende schon mal zehn Euro Preisunterschied ausmachen. Wer sein Rad in einer Selbsthilfewerkstatt repariert, spart nicht nur Geld, sondern wird mit dem Fahrrad vertraut und kann kleine Reparaturen unterwegs selbst erledigen (RP Online 2012).

Hilfe zur Selbsthilfe – Das Prinzip der offenen Werkstatt

Das Konzept ist denkbar einfach: In einem offenen Raum steht professionelles Werkzeug bereit – von Konusschlüsseln über Kettennieter bis zu Montierständern. Ehrenamtliche mit Schraubererfahrung sind vor Ort, geben Tipps und helfen, wenn es klemmt. Doch repariert wird immer selbst. „Reparaturen am Rad kann man so einfach vornehmen, wenn man nur weiß, wie. Mit dem Wissen kann man vielen Leuten das Leben erleichtern“, sagt Sofian Hamouda (Tagesspiegel 2023).

Bei FUrad können Besucher für das Nutzen der Werkzeuge und für gebrauchte Ersatzteile nichts zahlen, über Spenden freut sich das Team aber immer. Nur neuwertige Ersatzteile wie Schläuche, Birnchen oder Bremsbacken haben klare Preise (FU-Berlin 2021). „Bevor ich der Werkstatt beigetreten bin, wusste ich höchstens, wie man Luft in einen Reifen pumpt und das war auch völlig in Ordnung“, sagt Hamouda. Gerade das sei das Schöne: „Learning by doing macht so viel mehr Spaß, als sich irgendwelche Anleitungen reinzuprügeln“ (Tagesspiegel 2023).

Die Werkstatt ist aber mehr als nur ein Ort zum Schrauben. „Vor allem während des Lockdowns war ich sehr glücklich darüber, ein Stück vom Student:innen-Leben mitzubekommen und mich mit anderen austauschen zu können“, erzählt Hamouda (Tagesspiegel 2023). Dieser soziale Aspekt prägt viele dieser Initiativen.

Wusstest du? Das Angebot der FUrad richtet sich nicht nur an Studierende der Universität. „Alle sind hier herzlich willkommen – auch als Mitglied ohne Vorwissen“ (Tagesspiegel 2023). Diese Offenheit ist typisch für die Selbsthilfewerkstatt-Bewegung.

Weit mehr als nur Reparatur – Integration und Gemeinschaft

In der Gemeinde Weyhe bei Bremen hat sich die Fahrrad-Selbsthilfewerkstatt zu einem unverzichtbaren Mosaikstein lokaler Integrationsarbeit entwickelt (Kreiszeitung 2025). Seit 2016 reparieren Ehrenamtliche gespendete Räder für Menschen in schwierigen Lebenslagen. Tausende Fahrräder wurden seither repariert, aufbereitet und verschenkt – an Geflüchtete, Bedürftige, Familien mit wenig Einkommen, Menschen mit unsichtbaren Hürden (Kreiszeitung 2025).

„Mobilität ist ein Schlüssel zur Integration“, sagt Sebastian Kelm, bei der Gemeinde unter anderem für Integration und Inklusion zuständig (Kreiszeitung 2025). „Wer mobil ist, kann teilhaben.“ Gerade in ländlicheren Städten macht das Fahrrad einen spürbaren Unterschied. „Ein Rad kann darüber entscheiden, ob jemand einen Sprachkurs besucht oder ob ein Kind pünktlich in der Schule ist“ (Kreiszeitung 2025).

Seit dem ersten Tag war Erwin Irmer dabei, inzwischen 84 Jahre alt, ausgestattet mit jahrzehntelanger Schraubererfahrung und einem Herzen, das für diese Aufgabe schlägt (Kreiszeitung 2025; Weser Kurier 2025). Schätzungsweise mehr als 700 Stunden hat er an gespendeten Drahteseln geschraubt, die Zahl der Zweiräder, die durch seine Hände gingen, dürfte im vierstelligen Bereich liegen (Weser Kurier 2025). Bei seiner Verabschiedung sagte Bürgermeister Frank Seidel: „Ich kann es immer wieder sagen: Jedes Ehrenamt ist unbezahlbar“ (Weser Kurier 2025).

In Soest betreibt André Heumüller die ehrenamtliche Fahrradwerkstatt „Klapprador“. Seine Mission: Fachmännische Hilfe zur Selbsthilfe anbieten und eine Gemeinschaft von Radfahrern aufbauen (Soester Anzeiger 2025). Jeden Sonntag von 14 bis 18 Uhr bieten er und seine Mitstreiter im „Alten Schlachthof“ eine Fahrradwerkstatt im Stile eines Repair-Cafés an. Neben der Werkstatt organisiert die Community einmal im Monat eine gemeinsame Fahrradtour, bei der die Freude am Radfahren im Mittelpunkt steht (Soester Anzeiger 2025). Die Berufswerkstätten sind ihnen sogar dankbar: „Die haben reichlich zu tun, die Wartelisten sind lang. Daher sind die uns sogar dankbar“, betont Heumüller (Soester Anzeiger 2025).

In Buxtehude feierte die Fahrradwerkstatt 2025 ihr zehnjähriges Bestehen. Angefangen hatte alles 2015 in zwei kleinen Kellerräumen einer Flüchtlingsunterkunft – mit steiler Treppe hinab und spärlicher Ausstattung. Heute zählt das Team rund 14 Ehrenamtliche unter anderem aus Venezuela und Afghanistan (Kreiszeitung Wochenblatt 2025). „Alle sind gleich, es gibt hier keine Unterschiede, jede und jeder ist willkommen, vorausgesetzt in friedlicher Absicht dabei“, sagt Torsten Mäckelmann vom Team (Kreiszeitung Wochenblatt 2025). Aus der Werkstatt ist längst ein Treffpunkt geworden, Menschen kommen aus Buxtehude, dem Alten Land oder Neu Wulmstorf, um ihr Rad zu reparieren oder einfach dabei zu sein.

Was bleibt

Die Fahrrad-Selbsthilfewerkstätten in Deutschland sind mehr als nur Orte, an denen Schläuche geflickt und Bremsen eingestellt werden. Sie sind soziale Treffpunkte, Integrationsmotoren und Beweise dafür, dass Hilfe zur Selbsthilfe funktioniert. Sie leben von Menschen wie Sofian Hamouda, der weitergibt, was er gelernt hat. Von Erwin Irmer, der mit 84 Jahren noch immer schraubt. Von André Heumüller, der neben der Werkstatt gleich noch eine Fahrradtour-Community gründet. Und von all denen, die kommen, um ihr Rad zu reparieren – und am Ende vielleicht ein Stück Gemeinschaft finden.

Quellen:


guteideenblog.org sollte ein interner Link sein. guteideenblog.org © 2025 by Gute Ideen ist lizenziert unter CC BY 4.0. Kurz erklärt: Nutze alles und verlinke auf diesen Artikel.

Ähnliche Beiträge

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert