Unser Laden – Wie ein Dorf in Hessen seinen letzten Supermarkt selbst übernahm und rettete
Es ist Markttag im kleinen Mehrstetten auf der Schwäbischen Alb. Draußen vor dem Dorfladen stehen zwei große Holzkisten mit Äpfeln – rote Boskop und grüne. Ein Landwirt aus der Nachbarschaft hat sie frisch geerntet und direkt hierhergebracht. Drinnen duftet es nach Kaffee aus der kleinen Café-Ecke, an der Käsetheke wird diskutiert, und wer ein Paket abgeben will, kann das gleich nebenan erledigen. Was heute selbstverständlich wirkt, war vor ein paar Jahren noch undenkbar. Der letzte Laden im Ort hatte geschlossen – und die Bürgerinnen und Bürger beschlossen, ihn selbst zu retten (SWR 2024).
Die Geschichte wiederholt sich in unzähligen Dörfern in ganz Deutschland. Immer mehr kleine Läden verschwinden, weil sich kein Nachfolger findet. Die Menschen müssen weite Strecken fahren, um einzukaufen. Ältere, die nicht mehr mobil sind, werden abhängig von Nachbarn oder Angehörigen. Die Dörfer verlieren nicht nur ihre Versorgung, sondern auch einen sozialen Treffpunkt. Doch es gibt eine Gegenbewegung. Immer mehr Gemeinden nehmen die Sache selbst in die Hand – und gründen eine Genossenschaft (tagesschau.de 2026).
In Mehrstetten, einem 1.500-Seelen-Ort auf der Schwäbischen Alb, war es so weit. Der letzte Laden schloss aus Altersgründen. Die Bürger taten sich zusammen und gründeten eine Genossenschaft. Heute gibt es dort nicht nur ein vollwertiges Sortiment mit Käsetheke und Kühlregalen, sondern auch eine Poststelle und ein kleines Café. Die Genossenschaftsmitglieder arbeiten ehrenamtlich, treffen Entscheidungen gemeinsam und lernen dabei, Kompromisse zu schließen – eine Fähigkeit, die sie auch in der großen Politik gerne sehen würden (SWR 2024).
Wusstest du? In Bernitt in Mecklenburg wird der Dorfladen seit 2016 von einer Bürgergenossenschaft mit etwa 50 Mitgliedern betrieben. Jedes Mitglied zahlt einmalig 200 Euro. Sechs feste Mitarbeiterinnen und viele Ehrenamtliche halten den Laden am Laufen – und kochen sogar einen täglichen Mittagstisch (tagesschau.de 2026).
Mehr als nur Einkaufen
Was diese Läden auszeichnet, ist ihre soziale Funktion. Sie sind längst mehr als reine Verkaufsstellen. In Bernitt können die Kunden nicht nur Lebensmittel kaufen, sondern auch Pakete abgeben, Mittagessen bekommen oder Hilfe beim Ausfüllen von Behördenbriefen erhalten. „Gemeinsam seien hier schon Wohngeldanträge ausgefüllt worden“, erzählen die Mitarbeiterinnen (tagesschau.de 2026). Einmal im Jahr organisieren sie einen Burger-Abend, um die Umsatzflaute zu überbrücken – und die Dorfgemeinschaft feiert zusammen.
In Moltzow in Mecklenburg-Vorpommern haben Sophie Junghans und Robert Bluhm den alten DDR-Konsum nach zwei Jahren Umbau wiedereröffnet. Ihr Motto: „Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht“ (bauernzeitung.de 2026). Die beiden wollten etwas für ihre Heimat tun und zeigen: „Hier sind auch coole junge Leute!“ Heute ist ihr Laden „Bluhms Delikat“ Treffpunkt einer ganzen Region – für Vereine, Pendler und Nachbarn.
In Potzlow in Brandenburg sprang ein Milchbauer ein, als die beiden Schwestern, die den „Landmarkt“ betrieben, aus Altersgründen aufhören wollten. Heino Tietje übernahm – gegen anfängliche Bedenken seiner Frau. Inzwischen stehen beide dahinter. Mit Fördermitteln baut er jetzt eine neue Frischetheke und einen Café-Bereich ein (bauernzeitung.de 2025; agrarheute.com 2025).
Wusstest du? Das Tante-Enso-Modell funktioniert nach einem klaren Prinzip: Mindestens 300 Teilhaber müssen je 100 Euro in eine Genossenschaft einzahlen, dann wird der Laden gebaut. Rund um die Uhr geöffnet, oft ohne Personal – gesteuert per App und Kamera (az-online.de 2025).
Vom Scheitern lernen
Doch nicht alle Projekte haben Erfolg. In Kirchheim in Baden-Württemberg musste der genossenschaftliche Dorfladen nach fast neun Jahren schließen. Die Umsätze waren rückläufig, die Kosten stiegen, und trotz vieler Aktionen kamen zuletzt an guten Tagen nur noch 160 bis 240 Kunden. Bürgermeister Uwe Seibold, der ehrenamtlich in der Geschäftsführung tätig war, sagt: „Die Euphorie und Unterstützung aus der Anfangszeit haben sich letztlich nur bei einem Drittel der Bürger gehalten“ (stimme.de 2025).
Die Gründe sind vielfältig: jahrelange Bauarbeiten vor der Tür vertrieben Kunden, gestiegene Energie- und Personalkosten drückten, und nicht alle kehrten nach Abschluss der Arbeiten zurück. Die Genossenschaft hatte über die Jahre einen sechsstelligen Verlust angehäuft, den die Gesellschafter durch private Darlehen abdeckten. Für die fünf Gesellschafter war es ein schwerer Schritt – aber sie wollten niemanden im Regen stehen lassen und vermieden eine Insolvenz.
Was bleibt
Die erfolgreichen Beispiele zeigen: Ein Dorfladen kann funktionieren – wenn die Gemeinschaft dahintersteht. Wenn Menschen bereit sind, sich ehrenamtlich zu engagieren, wenn sie Kompromisse finden zwischen Bio und konventionell, zwischen regional und günstig. Und wenn sie verstehen, dass ein solcher Laden mehr ist als ein Geschäft. Er ist das Herzstück des Dorfes.
Bernd Schiller, einer der Genossenschaftsgründer in Mehrstetten, bringt es auf den Punkt: „Man lernt dadurch Kompromissbereitschaft und Toleranz“ (SWR 2024). Und vielleicht ist das die wichtigste Lektion, die von den Dorfläden ausgeht – nicht nur für die Menschen auf dem Land, sondern für die ganze Gesellschaft.
Quellen:
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SWR 2024. „Dorfladen auf der Schwäbischen Alb – ein Vorbild für die Berliner Politik?“. [online]
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tagesschau.de 2026. „Ein Dorf hält seinen Laden am Laufen“. [online]
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bauernzeitung.de 2026. „DDR-Konsum 3.0: Wie ein Dorf in MV seinen alten Dorfladen neu erfand“. [online]
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bauernzeitung.de 2025. „Milchbauer rettet alten Konsum in Brandenburg – Dorf glücklich“. [online]
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agrarheute.com 2025. „Landwirt rettet alten DDR-Konsum – Dorfbewohner happy“. [online]
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az-online.de 2025. „Supermarkt-Schließung in Jübar: Tante Enso als Hoffnungsträger“. [online]
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stimme.de 2025. „Kirchheimer Dorfladen schließt – ‚Schritt fällt uns alles andere als leicht‘“. [online]
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prisma.de 2024. „Gemeinsam für unser Dorf – Anpacken mit Herz und Hand“. [online]
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