Wollige Wesen – Eine schwedische Filzkünstlerin bringt die nordische Tierwelt in Wolle

In einem kleinen Atelier irgendwo in Schweden liegt Wolle in allen Grautönen auf dem Tisch. Hellgrau, silbern, fast schwarz. Daneben eine Filznadel, eine Schaumstoffunterlage, und auf einem Regal eine Reihe kleiner Tiere: ein Elch, ein Fuchs, ein Häschen. Alles aus Wolle. Alles von Hand. Gunilla, eine schwedische Filzkünstlerin, sticht die Nadel in ein Wollbüschel und formt dabei, Stich für Stich, einen neuen Bewohner für ihr Regal.

(Fit to be loved 2025) Gunilla lebt und arbeitet in Schweden und teilt ihre Leidenschaft für das Nadelfilzen online – mit Tutorials, Einblicken in ihren Prozess und einer Gemeinschaft von Filzbegeisterten aus aller Welt. Ihr Material ist so schwedisch wie die Landschaft, die sie inspiriert: Wolle von einheimischen Schafrassen, gesponnen, kardiert, in Naturfarben belassen.

Was sie betreibt, heißt auf Deutsch Trockenfilzen oder Nadelfilzen. Keine Maschine, kein Wasser, kein Leim. Nur Wolle, Nadel und Geduld.

Ein uraltes Material, neu entdeckt

Wolle hat in Skandinavien eine Geschichte, die weit über das Handwerk hinausgeht. (Felting and Fiber Studio 2015) Schwedische Landrassen sind bekannt dafür, dass ihre Wolle sich besonders leicht filzen lässt – die Finull-Wolle mit ihren feinen, kurzen Fasern gilt als ideal für weiche Oberflächen und figürliche Arbeiten, die grobere Gotlandswolle eignet sich für robustere Stücke.

(Gotlandsull / Klippan Yllefabrik 2024) Die Gotlandschafrasse wird seit der Wikingerzeit auf der schwedischen Insel Gotland gehalten. Ihre Wolle hat eine natürliche Palette von Grautönen bis fast Schwarz und eine ungewöhnliche Seide, die sie für Kunstschaffende besonders attraktiv macht. Was als Rohstoff für Kleidung und Decken diente, wird heute auch zur Skulptur.

Das Nadelfilzen als Technik ist vergleichsweise jung – (Talu.de 2024) die Filznadeln aus Stahl mit feinen, harpunenartig angeordneten Widerhaken wurden ursprünglich für industrielle Prozesse entwickelt, bevor Textilkünstlerinnen begannen, sie für dreidimensionale Figuren zu nutzen. Sticht man die Nadel immer wieder in die Wolle, verhaken sich die einzelnen Fasern miteinander – bis eine feste, formbare Masse entsteht.

Wusstest du? (Felting and Fiber Studio 2015) Schwedische Finull-Wolle schrumpft beim Filzen auf etwa 50 Prozent ihrer ursprünglichen Fläche – grobere Gotlandswolle sogar auf 42 Prozent. Je nach Wollsorte entstehen völlig unterschiedliche Oberflächen: weich und dicht oder robust und leicht zottig.

Stich für Stich zur Form

Gunillas Figuren sind keine dekorativen Nippes. Sie haben Charakter: ein Elch mit leicht gesenktem Kopf, ein Fuchs, der aussieht, als hätte er gerade etwas Interessantes gewittert. (Fit to be loved 2025) Das Geheimnis liege, sagt sie, im Detail – in der richtigen Wollmischung, im geduldigen Schichten und Trimmen der Fasern, die Schicht für Schicht das Fell eines Tieres nachahmen.

Der Prozess beginnt einfach: Ein Wollbüschel wird grob in Form gedrückt, dann mit der Nadel von allen Seiten bearbeitet. (Talu.de 2024) Dreht und wendet man das Werkstück regelmäßig und sticht auch von außen nach innen, entsteht langsam die gewünschte Form. Wird der Widerstand zu groß, wechselt man von der groben zur feinen Nadel. Zum Schluss legt man eine dünne Wollschicht auf und arbeitet sie mit der feinsten Nadel ein – für eine glatte, lebendige Oberfläche.

Was Gunillas Tiere von einfachen Bastelprojekten unterscheidet, ist die Kenntnis des Tieres selbst. (Fit to be loved 2025) In ihren ausführlichen Tutorials fließen Aspekte der Tieranatomie ein – wie sitzt der Hals auf dem Körper, wo liegt das Gewicht, wie verlaufen die Proportionen. Wer ein realistisches Filztier bauen will, muss zuerst das echte Tier verstehen.

(Hemslöjden / Levande kulturarv 2024) In Schweden ist die Tradition des Wollhandwerks tief verankert. Die Hemslöjd – die schwedische Volkskunstbewegung – fördert bis heute Kurse, Workshops und Treffen rund um traditionelle Textiltechniken. Trockenfilzen hat in diesem Kontext in den letzten Jahren stark an Popularität gewonnen, weil es ohne großes Werkzeug auskommt und sich besonders für figürliches Arbeiten eignet.

Wusstest du? (Fit to be loved 2025) Für eine besonders stabile Tierfigur wird im Inneren oft ein Drahtgestell aus Pfeifenputzerdraht verwendet – so lassen sich Beine und Hals frei positionieren, und die Figur behält dauerhaft ihre Haltung.

Gunilla filzt weiter. Der Elch auf dem Regal bekommt Gesellschaft. Draußen ist Schweden – grau, still, weitläufig. Drinnen: Wolle, Nadel, und eine Welt in Miniatur.

Quellen

Fit to be loved 2025. „Needle Felted Animals – Tutorials, Tips and More.“ [online] Verfügbar unter: https://fittobeloved.com/

Felting and Fiber Studio 2015. „Different Types of Wool, From a Swedish Felter’s Perspective.“ [online] Verfügbar unter: https://feltingandfiberstudio.com/2015/11/25/different-types-of-wool-from-a-swedish-felters-perspective/

Talu.de 2024. „Trockenfilzen – Anleitung zum Filzen und Filz-Ideen.“ [online] Verfügbar unter: https://www.talu.de/trockenfilzen-anleitung-zum-filzen/

Levande kulturarv 2024. „Nålbindning.“ [online] Verfügbar unter: https://levandekulturarv.se/forteckningen/element/nalbindning

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