Bildung

Weltschulhaus: Wenn Geflüchtete zu Lehrenden werden

(Berlin/Deutschland) – In einem umgebauten Industriegebäude in Berlin-Wedding sitzen an einem Novemberabend zwölf Menschen um einen großen Holztisch. Neben deutschen Studenten diskutiert ein syrischer Ingenieur über nachhaltige Stadtplanung in Damaskus, eine eritreische Lehrerin erklärt traditionelle Konfliktlösungsstrategien ihres Landes. Was hier passiert, dreht das deutsche Bildungssystem um: Das Weltschulhaus macht Geflüchtete zu Lehrenden und stellt die Frage, wer eigentlich von wem lernen sollte.

Das 2019 gegründete Projekt ist mehr als ein gut gemeintes Integrationsprogramm. Es ist der Versuch, das westliche Bildungsmonopol zu durchbrechen und Wissen aus dem globalen Süden in deutsche Lehrpläne zu integrieren. „Wir wollen weg von der Defizitperspektive“, erklärt Projektleiterin Dr. Sarah Diehl. „Statt Menschen zu beschulen, lassen wir uns von ihnen beschulen.“

Revolution im Klassenzimmer

Die Idee ist radikal einfach: Menschen, die als Schutzsuchende nach Deutschland kommen, bringen enormes Wissen mit – Sprachen, Kulturen, Berufserfahrungen, Überlebensstrategien. Doch das deutsche System behandelt sie systematisch als Unwissende, die erst „fit für den Arbeitsmarkt“ gemacht werden müssen.

Das Weltschulhaus dreht diese Logik um. In experimentellen Workshops lehren Geflüchtete deutsche Teilnehmer alles von arabischer Kalligrafie über regenerative Landwirtschaft bis hin zu Friedensarbeit. Ein afghanischer Arzt erklärt traditionelle Heilkunde, eine kongolesische Mutter vermittelt mehrsprachige Erziehungsmethoden.

Wusstest du? In Deutschland leben Menschen aus über 190 Ländern – ein Wissenspotenzial, das weitgehend ungenutzt bleibt, weil die Bildungssysteme nur in eine Richtung funktionieren.

Die Resonanz ist beeindruckend: Über 1.200 Menschen haben seit Projektstart an den Workshops teilgenommen. Deutsche Lehrer berichten von völlig neuen Perspektiven auf globale Zusammenhänge, Geflüchtete erleben zum ersten Mal Wertschätzung für ihr mitgebrachtes Wissen.

Institutionelle Unterstützung mit Fragezeichen

Das Projekt wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert und kooperiert mit renommierten Institutionen wie der Stiftung Bauhaus Dessau. Diese Unterstützung verleiht dem Weltschulhaus Glaubwürdigkeit, birgt aber auch Risiken. Kritiker fragen, ob das Projekt als „progressives Feigenblatt“ dient, während die grundlegenden Bildungsstrukturen unverändert bleiben.

Tatsächlich operiert das Weltschulhaus bewusst außerhalb des regulären Schulsystems. Die Kultusministerkonferenz zeigt bisher wenig Interesse daran, transkulturelle Ansätze in die Lehrpläne zu integrieren. „Wir schaffen Prototypen für eine andere Bildung“, sagt Diehl. „Aber der Transfer in die Regelschulen ist die eigentliche Herausforderung.“

Grenzen des Experimentierfelds

Die größte Schwäche des Projekts liegt in seiner akademischen Sprache. Begriffe wie „transkulturelle Bildungslandschaft“ oder „dekoloniale Pädagogik“ erschweren den Zugang für viele Zielgruppen. Noch problematischer: Bisher erreicht das Weltschulhaus hauptsächlich bereits sensibilisierte, gut gebildete Teilnehmer aus der Berliner Bildungsszene.

Für eine echte Systemveränderung müsste das Projekt den Sprung in Brennpunktschulen schaffen, wo kulturelle Vielfalt oft als Problem statt als Ressource gesehen wird. Erste Pilotprojekte an Berliner Gesamtschulen laufen seit 2024, die Ergebnisse sind vielversprechend aber noch nicht systematisch ausgewertet.

Das Weltschulhaus zeigt: Eine andere Bildung ist möglich. Es macht sichtbar, wie eurozentrisch unser Wissensbegriff ist und wie viel wir verpassen, wenn wir nur in eine Richtung denken. Ob aus dem Experiment echter Systemwandel wird, entscheidet sich in den nächsten Jahren. Die Initiative hat den wichtigsten Schritt bereits getan: Sie stellt die richtigen Fragen.

Quellen:

– Weltschulhaus 2024. „Über uns“. [online] Verfügbar unter: https://weltschulhaus.org/

– Stiftung Bauhaus Dessau 2024. „Kooperationen“. [online] Verfügbar unter: https://www.bauhaus-dessau.de/

– Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) 2024. „Integration durch Bildung – Qualifikationen von Schutzsuchenden in Deutschland“. Nürnberg: BAMF.

– Mecheril, P. &Quehl, T. 2015. „Die Macht der Sprachen: Englische Perspektiven auf die mehrsprachige Schule“. Münster: Waxmann Verlag.

– UNESCO 2021. „Reimagining our futures together: A new social contract for education“. Paris: UNESCO Publishing.

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