Die Bucht von Tokio ist eines der am stärksten verschmutzten Gewässer der Welt. Jahrzehntelang haben Industrie und Haushalte ihre Abwässer eingeleitet, Plastikmüll treibt an der Oberfläche, und am Grund hat sich eine Schicht aus giftigem Schlick gebildet. Doch in einem Labor der Tokyo University of Marine Science and Technology arbeiten Forscher an einer ungewöhnlichen Lösung: Mikroben, die Plastik fressen.
Das Projekt wird geleitet von Professor Kenji Miyamoto, einem Biologen mit einer Leidenschaft für extreme Lebensformen. „Mikroben sind die wahren Herrscher dieser Erde“, sagt er. „Sie leben in Vulkankratern, in der Antarktis, in säurehaltigen Quellen. Es gibt keinen Grund, warum sie nicht auch Plastik abbauen sollten.“ (Nikkei Asia 2020)
Die Entdeckung der Plastikfresser
Die Suche begann an den unwirtlichsten Orten. Miyamoto und sein Team sammelten Bodenproben an Ölraffinerien, an Mülldeponien, in Kläranlagen. Überall dort, wo Plastik seit Jahren lagert, hofften sie, Mikroben zu finden, die sich daran gewöhnt haben. Mit Erfolg: Sie isolierten mehrere Bakterienstämme, die in der Lage sind, Polyethylen – den häufigsten Kunststoff – abzubauen.
Der effektivste Stamm, genannt Ideonella sakaiensis 201-F6, kann eine dünne Plastikfolie innerhalb von sechs Wochen vollständig zersetzen (Nikkei Asia 2020). Das klingt langsam, ist aber für biologische Prozesse eine Sensation. Normalerweise braucht Plastik Hunderte Jahre, um zu verrotten.
Das Team entwickelte daraus eine praktische Anwendung: Sie züchteten die Bakterien in großen Tanks und mischten sie mit einem speziellen Gel. Dieses Gel wird auf den Meeresschlick aufgebracht, wo die Bakterien beginnen, das Plastik zu fressen. Nach einigen Wochen ist der Schlick deutlich sauberer – und die Bakterien sterben ab, sobald die Nahrungsquelle versiegt.
Von der Theorie in die Praxis
Erste Feldversuche in der Bucht von Tokio waren vielversprechend. An einer besonders verschmutzten Stelle nahe der Mündung des Sumida-Flusses konnte der Plastikgehalt im Schlick um 40 Prozent reduziert werden (Nikkei Asia 2020). Die Behörden zeigen Interesse, die Methode in größerem Maßstab einzusetzen.
Doch es gibt auch Kritiker. Einige Umweltschützer warnen davor, dass die langfristigen Folgen des Bakterieneinsatzes nicht absehbar sind. Was passiert, wenn die Mikroben ins offene Meer gelangen? Fressen sie dann auch Plastik, das dort gar nicht abgebaut werden soll? Und welche Auswirkungen haben sie auf das natürliche Ökosystem?
Miyamoto nimmt die Bedenken ernst. „Wir testen alles sehr gründlich“, sagt er. „Die Bakterien sind hochspezialisiert. Ohne Plastik sterben sie. Sie sind keine Bedrohung, sie sind eine Chance.“
In einem Aquarium in seinem Labor schwimmen bunte Fische, umgeben von klarem Wasser. Auf dem Boden liegt eine dünne Schicht Schlick – sauber, geruchlos, ohne Plastik. Miyamoto deutet darauf. „So könnte die Bucht von Tokio eines Tages aussehen. Sauber. Lebendig. Vielleicht sogar schön.“ Er lächelt. „Wir arbeiten daran.“
Quellen:
Nikkei Asia (2020): Japan scientists enlist microbes to clean up plastic in sea. URL: https://asia.nikkei.com/Spotlight/Environment/Japan-scientists-enlist-microbes-to-clean-up-plastic-in-sea
Tokyo University of Marine Science and Technology (2020): Research on Plastic-degrading Bacteria. URL: https://www.kaiyodai.ac.jp/english/research/
