Pilzleder aus Madagaskar – Wenn Myzel die Mode revolutioniert

Die Gerbereien in Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars, sind keine Orte für Zartbesaitete. Hier wird gegerbt, gefärbt, gehobelt – mit Chemikalien, die bei uns längst verboten wären. Das Abwasser fließt in die Flüsse, die Arbeiter tragen keinen Schutz, und die Luft riecht nach Lösungsmitteln (FALTER 2022).

Doch seit einiger Zeit geschieht in einer kleinen Werkstatt am Stadtrand etwas völlig anderes. Hier wird nicht gegerbt, sondern gezüchtet. Nicht mit Chemikalien, sondern mit Pilzen. Und am Ende kommt etwas heraus, das aussieht wie Leder, sich anfühlt wie Leder – aber kein Tier dafür sterben musste.

Die Idee: Leder aus dem Labor

Pilzleder klingt nach Zukunftsmusik, ist aber uraltes Handwerk. Schon unsere Vorfahren wussten, dass man aus dem Zunderschwamm, einem Baumpilz, eine lederartige Masse gewinnen kann – den sogenannten Zunder (DGfM 2018). In Rumänien und Osteuropa wurde diese Technik über Jahrhunderte bewahrt.

Was damals Handarbeit war, wird heute High-Tech. In Madagaskar experimentieren junge Forscher mit verschiedenen Pilzarten, um Materialien mit unterschiedlichen Eigenschaften herzustellen. Das Prinzip ist immer gleich: Pilze bestehen zu großen Teilen aus Chitin – dem gleichen Stoff, aus dem auch die Panzer von Insekten sind. Dieses Chitin kann man extrahieren und zu einer festen, lederähnlichen Masse verarbeiten (FALTER 2022).

Die Menschen dahinter

Einer, der sich mit Pilzleder auskennt, ist Alexander Bismarck, Materialwissenschaftler an der Universität Wien. Er forscht seit Jahren an Pilzmaterialien und erklärt, wie einfach die Grundidee ist:

„Unser Labor ist eigentlich eine größere Küche. Was wir brauchen, sind ein Topf, ein Küchenblender und Kaffeefilter. Wir waschen die Pilze und lassen sie vom Küchenblender zerkleinern. Dieses Pilz-Smoothie wird dann in einer Natriumhydroxidlösung gekocht, um den Großteil der Proteine zu extrahieren. Die Masse waschen wir abermals. So entsteht eine dicke Paste – und zwar aus Chitin und Glucan“ (FALTER 2022).

In Madagaskar wird diese Technik an die lokalen Gegebenheiten angepasst. Statt teurer Laborgeräte verwendet man einfache Kochtöpfe, statt importierter Chemikalien natürliche Hilfsstoffe. Die Paste wird auf Bambusmatten gestrichen und in der Sonne getrocknet – genau wie früher die Zunderbahnen in den Karpaten.

Was man daraus machen kann

Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. Pilzleder kann dick oder dünn, weich oder fest, glatt oder rau sein – je nachdem, welche Pilzart man verwendet und wie man sie verarbeitet.

„Aktuell ist das Material zwar so zugfest und zäh wie Tier- oder Kunstleder, aber noch nicht so ausrissfest. Also kann man nicht gut damit nähen. Wir experimentieren zudem, welche Pilzarten wir kombinieren können, um Textilien mit unterschiedlichen Eigenschaften herzustellen. Baumpilze enthalten beispielsweise sehr viel zähes Glucan, dafür aber weniger steifes Chitin“ (FALTER 2022).

In Madagaskar entstehen aus Pilzleder kleine Taschen, Geldbörsen, Gürtel und sogar Schuhe. Noch sind es Einzelstücke, aber die Nachfrage wächst. Vor allem Touristen schätzen die exotischen Accessoires, die ohne Tierleid und ohne Chemie hergestellt werden.

Die Herausforderungen

So vielversprechend die Idee ist, so groß sind auch die Hürden. Pilze bestehen zu 90 Prozent aus Wasser. Die Ausbeute ist gering: Aus einem Kilo Pilzen wird vielleicht eine Handvoll Material.

„Eine Möglichkeit ist, jene Teile zu verwenden, die übrig bleiben, wenn beispielsweise aus Pilzen Kosmetika hergestellt werden“ (FALTER 2022). In Madagaskar arbeitet man deshalb mit lokalen Pilzfarmen zusammen, die ihre Abfälle liefern.

Ein weiteres Problem ist die Haltbarkeit. Pilzleder verträgt keine Nässe, und es muss vor Schimmel geschützt werden. In den Tropen eine besondere Herausforderung. Die madagassischen Tüftler experimentieren deshalb mit natürlichen Imprägnierungen – aus Bienenwachs, Ölen und Harzen.

Ein Modell für die Zukunft

Trotz aller Schwierigkeiten: Das Potenzial ist enorm. Die Modebranche sucht händeringend nach Alternativen zu Leder, das unter fragwürdigen Bedingungen produziert wird. Und Kunstleder aus Erdöl ist auch keine Lösung.

Pilzleder könnte die Antwort sein. Es wächst auf Abfällen, braucht keine Chemie, und am Ende ist es kompostierbar. Eine echte Kreislaufwirtschaft.

In Madagaskar ist man stolz auf das, was entstanden ist. Aus einer kleinen Experimentierwerkstatt ist ein Forschungszentrum geworden, das junge Leute ausbildet und neue Ideen entwickelt. Vielleicht werden bald nicht nur Taschen und Gürtel aus Pilzleder gemacht, sondern ganze Kollektionen.

Alexander Bismarck ist jedenfalls zuversichtlich: „Bis wir Schuhe aus Pilzleder tragen können, müssen aber noch einige Probleme gelöst werden“ (FALTER 2022). Aber der Anfang ist gemacht – in einer kleinen Werkstatt in Antananarivo.


Hast du Lust, etwas Ähnliches selbst zu machen? Du kannst kein Pilzleder im Labor züchten, aber vielleicht ein kleines Experiment mit Pilzen aus dem Supermarkt. Hier findest du die Schritt-für-Schritt-Anleitung.

👉 [Zur Bauanleitung: Dein eigenes Pilzmaterial – ein Experiment für zuhause]


Quellen

FALTER (2022): Wie stellen Sie Leder und Papier aus Pilzen her, Herr Bismarck? URL: https://www.falter.at/zeitung/20220622/wie-stellen-sie-leder-und-papier-aus-pilzen-her-herr-bismarck

Deutsche Gesellschaft für Mykologie (2018): Leder aus Zunderschwamm – Forum der DGfM. URL: https://forum.dgfm-ev.de/thread/1465-leder-aus-zunderschwamm/


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