Smarte Fischernetze melden Beifang in Echtzeit in Norwegen

Der Kutter der Familie Hansen ist seit vier Generationen in der Nordsee unterwegs. Ola Hansen, 58 Jahre alt, Fischer aus Ålesund, kennt das Meer wie seine Westentasche. Er weiß, wo der Kabeljau steht, wann die Makrele kommt und wie man einen Sturm übersteht. Aber eines weiß er nicht: Was in seinen Netzen landet, bevor er sie an Bord holt.

„Manchmal haben wir stundenlang geschleppt, und dann ist der halbe Fang wertlos“, sagt Hansen. „Weil wir zu viel Beifang hatten, zu kleine Fische, die falsche Art. Dann müssen wir alles zurückwerfen – tot. Eine Sauerei“ (SINTEF 2025).

Diese Frustration teilen Fischer auf der ganzen Welt. Der Beifang – Fische, die nicht gezielt gefangen wurden, Meeresschildkröten, Delfine, Seevögel – ist eines der größten Umweltprobleme der Fischerei. Schätzungen zufolge landen jedes Jahr etwa zehn Millionen Tonnen Meerestiere als Beifang in den Netzen und werden tot zurückgeworfen (WWF 2025).

Die Idee: Netze, die sehen können

Forscher des norwegischen Instituts SINTEF haben eine Lösung entwickelt, die das Problem an der Wurzel packt. Sie nennen sie Smart Net – ein Fischernetz, das mit Sensoren ausgestattet ist und in Echtzeit meldet, was sich darin verfängt (SINTEF 2025).

Die Technologie ist ebenso raffiniert wie simpel. In die Netze werden kleine, wasserdichte Sensoren eingewebt. Sie erkennen anhand von Größe, Form und Bewegung, welche Fischart ins Netz gegangen ist. Diese Information wird per Unterwasserfunk an ein Display auf dem Boot gesendet. Der Fischer sieht auf einen Blick: Jetzt sind 30 Kabeljau im Netz, aber auch fünf Schollen und zwei kleine Dorsche, die noch nicht ausgewachsen sind (SINTEF 2025).

Auf Knopfdruck kann er das Netz öffnen und den unerwünschten Beifang freilassen – bevor er überhaupt an Bord kommt. Die Fische schwimmen unverletzt davon, das Netz bleibt im Wasser, und der Fischer spart Zeit und Mühe.

Die Menschen hinter dem Projekt

Entwickelt wurde das Smart Net in enger Zusammenarbeit mit den Fischern selbst. Die Forscher von SINTEF sind wochenlang mit auf Fangfahrten gegangen, haben zugehört, gefragt, beobachtet. Sie wollten verstehen, was die Fischer wirklich brauchen – und was sie bereit sind zu akzeptieren.

„Die Fischer sind keine Feinde der Umwelt“, sagt Projektleiterin Ingrid Måren. „Sie leben vom Meer, sie wollen, dass es gesund bleibt. Aber sie müssen auch wirtschaftlich arbeiten. Unsere Lösung muss beides ermöglichen“ (SINTEF 2025).

Ola Hansen war einer der ersten, der das System getestet hat. „Am Anfang war ich skeptisch“, gibt er zu. „Noch mehr Technik an Bord, noch mehr Bildschirme. Aber das hier ist anders. Es ist einfach. Ich seh auf einen Blick, was los ist, und kann entscheiden. Das spart mir Zeit, Geld und schont den Fischbestand“ (SINTEF 2025).

Wie es funktioniert

Die Sensoren im Netz arbeiten mit einer Kombination aus Kameras und künstlicher Intelligenz. Sie sind klein, robust und wasserdicht. Ihre Energie beziehen sie aus einer Batterie, die für eine ganze Fangreise reicht.

Die Datenübertragung erfolgt über ein spezielles Unterwasser-Funksystem. Normales WLAN funktioniert unter Wasser nicht, aber die SINTEF-Forscher haben eine Lösung entwickelt, die mit Schallwellen arbeitet – ähnlich wie U-Boote kommunizieren. Die Signale werden an eine Boje auf der Wasseroberfläche gesendet, die sie per Funk an das Boot weiterleitet (SINTEF 2025).

Auf dem Boot angekommen, werden die Daten auf einem einfachen Display angezeigt. Keine komplizierten Diagramme, keine Zahlenwüsten. Einfache Symbole zeigen: Fischart, Größe, Menge. Und die alles entscheidende Frage: Ist dieser Fisch marktfähig oder soll er freigelassen werden?

Erste Erfolge

In ersten Tests vor der norwegischen Küste hat das System seine Funktionsfähigkeit bewiesen. Die Sensoren erkannten mit 95-prozentiger Genauigkeit, welche Fischart ins Netz gegangen war. Der Beifang konnte um bis zu 70 Prozent reduziert werden (SINTEF 2025).

Für Ola Hansen bedeutet das nicht nur ein besseres Gewissen, sondern auch mehr Geld. „Wenn ich nur das an Land bringe, was ich wirklich verkaufen kann, spar ich mir die Sortierarbeit, spar ich mir den Müll, und ich hab bessere Qualität. Die Fische, die ich freilasse, sind unverletzt und können weiterwachsen. Davon hab ich nächstes Jahr auch was“ (SINTEF 2025).

Ein Modell für die Welt

Das Problem des Beifangs ist nicht auf Norwegen beschränkt. In der Nordsee, im Mittelmeer, vor der Küste Afrikas – überall auf der Welt kämpfen Fischer mit demselben Dilemma. Die EU hat sich verpflichtet, die Beifänge drastisch zu reduzieren. Die neue Technologie könnte dabei helfen.

In Deutschland läuft bereits ein ähnliches Projekt. Das Thünen-Institut für Ostseefischerei testet mit Partnern aus der Industrie ein Kamerasystem, das Beifänge in Echtzeit erkennt und meldet. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend (Thünen-Institut 2025).

Die SINTEF-Forscher arbeiten bereits an der nächsten Generation ihrer Sensoren. Sie sollen noch kleiner werden, noch länger halten und noch mehr Daten liefern. Vielleicht können sie in ein paar Jahren sogar erkennen, ob ein Fisch schon gelaicht hat oder nicht – eine wichtige Information für den Artenschutz.

Ein neues Verhältnis zum Meer

Für Ola Hansen hat die neue Technologie noch etwas anderes verändert. „Früher war das Meer für mich einfach da. Ich bin rausgefahren, hab gefischt, bin heimgekommen. Jetzt seh ich es mit anderen Augen. Ich seh, was unten passiert, während ich oben stehe. Es ist, als hätte ich eine Verbindung zum Meer, die ich vorher nicht hatte“ (SINTEF 2025).

Vielleicht ist das der größte Erfolg des Smart Net: Dass es die Fischer nicht entmündigt, sondern ihnen hilft, bessere Entscheidungen zu treffen. Dass es Technologie nicht als Gegensatz zur Erfahrung begreift, sondern als Ergänzung. Dass es zeigt, dass Umweltschutz und wirtschaftlicher Erfolg kein Widerspruch sein müssen.


Hast du Lust, etwas Ähnliches selbst zu machen? Du kannst keine smarten Fischernetze bauen, aber vielleicht ein einfaches Modell für ein Schulprojekt oder einen Arduino-Sensor, der erkennt, wenn etwas ins Netz geht. Hier findest du die Schritt-für-Schritt-Anleitung.

👉 [Zur Bauanleitung: Einfacher Netzsensor fürs Aquarium oder Teich]


Quellen Hauptartikel

SINTEF (2025): Smarte Fischernetze reduzieren Beifang. URL: https://www.sintef.no/siste-nytt/2025/smarte-fiskegarn-reduserer-bifang/

WWF (2025): Beifang – Das große Sterben in den Netzen. URL: https://www.wwf.de/themen-projekte/meere-kuesten/fischerei/beifang

Thünen-Institut (2025): Kameragestützte Erkennung von Beifängen in der Ostseefischerei. URL: https://www.thuenen.de/de/fachinstitute/ostseefischerei/projekte/kameraerkennung-beifaenge


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