Korallen-Aufzuchtstation rettet Great Barrier Reef [Australien]

Das Wasser ist glasklar, die Sonne taucht die Riffe in türkisblaues Licht. Doch unter der Oberfläche sieht es oft anders aus. Wo einst bunte Korallengärten wogten, erstrecken sich heute weiße, leblose Kalkskelette – die stummen Zeugen der Korallenbleiche. Das Great Barrier Reef vor der Küste Australiens, das größte lebende Gebilde der Erde, steht unter massivem Stress. Doch seit einigen Jahren wächst Hoffnung inmitten der Zerstörung. Auf Fitzroy Island, einer kleinen Insel vor Cairns, betreiben Wissenschaftler eine Unterwasser-Baumschule. Hier wird gepflanzt, gezüchtet und geträumt – von der Rückkehr der Farben.

[WUSSTEST DU? – Das Great Barrier Reef ist so groß, dass man es aus dem Weltall sehen kann. Mit mehr als 2300 Kilometern Länge und über 3000 Einzelriffen ist es das größte von Lebewesen erschaffene Bauwerk der Erde. Es beherbergt rund 400 verschiedene Korallenarten und etwa 1500 Fischarten.]

Ein Riff unter Dauerstress

Die Lage ist dramatisch. Im vergangenen Jahr hat das Great Barrier Reef so viele Korallen verloren wie seit Beginn der Messungen vor fast vierzig Jahren nicht mehr . In manchen Regionen sank die Korallenbedeckung um ein Drittel. Die Hauptursache: eine durch den Klimawandel ausgelöste Massenkorallenbleiche. Wenn das Wasser zu warm wird, stoßen die Korallen die bunten Algen ab, die in ihnen leben und sie ernähren. Sie werden weiß, bleiben geschwächt zurück. Wenn die Hitze anhält, sterben sie .

Doch die Wissenschaftler des Australian Institute of Marine Science (AIMS) beobachten noch etwas anderes. „Wir sehen mittlerweile eine zunehmende Volatilität bei der Bedeckung mit Hartkorallen“, sagt Mike Emslie, Leiter des Langzeitüberwachungsprogramms. Die Werte schwanken inzwischen stark – zwischen Rekordtiefs und Rekordhochs in kürzester Zeit. Das weise auf „ein Ökosystem unter Stress“ hin .

[WUSSTEST DU? – Nicht nur die Hitze setzt den Korallen zu. Auch der Dornenkronenseestern, ein mit giftigen Stacheln besetzter Räuber, kann ganze Riffe kahlfressen. Wenn diese Tiere in großer Zahl auftreten, bleiben nur noch weiße Korallenskelette zurück.]

Wie eine Unterwasser-Baumschule funktioniert

Die Reef Restoration Foundation auf Fitzroy Island hat einen ungewöhnlichen Ansatz gewählt. Hier werden Korallen nicht einfach nur gepflanzt – sie werden gezielt gezüchtet. 2018 brachten Meeresbiologen und Freiwillige Fragmente von Korallen in einer Unterwasser-Baumschule aus. Das Besondere: Die verwendeten Fragmente stammten von einer Koralle, die eine Massenbleiche überlebt hatte. Die Hoffnung: Diese Tiere könnten widerstandsfähiger sein gegen die nächste Hitzewelle .

Vier Jahre später kam die Bestätigung: Die nachgezüchteten Korallen haben zum ersten Mal gelaicht. Meeresbiologe Azri Saparwan vom Team der Reef Restoration Foundation bezeichnete dies als „Meilenstein im Kampf für die Erholung der Korallenriffe“ . Die gezüchteten Korallen pflanzen sich fort – ein Zeichen, dass sie gesund sind und dass die Methode funktionieren könnte.

Parallel dazu wird mit verschiedenen Techniken experimentiert. Das australische Forschungsinstitut AIMS entwickelt derzeit „ReefSeed“, eine mobile Korallen-Gärtnerei in Schiffscontainern, die bis zu 100.000 Korallen pro Jahr züchten und ausbringen kann . Und die sogenannte Coral IVF-Methode sammelt Koralleneier und -spermen während der jährlichen Massenlaiche, zieht Millionen von Larven in schwimmenden Becken groß und setzt sie auf keramischen Trägern wieder im Riff aus .

Die Wiedergeburt in der zweiten Generation

Dr. Peter Harrison von der Southern Cross University gehört zu den Pionieren dieser Technik. Seine Ergebnisse sind spektakulär. Auf den Philippinen und am Great Barrier Reef hat er Larven von Korallen ausgesetzt, die zuvor eine Bleiche überlebt hatten. Nach drei Jahren waren sie bereits einen halben Meter groß – ein Rekordwachstum. Und dann passierte etwas Unerwartetes: „In der zweiten Generation von Korallen haben wir noch schnellere Wachstumsraten“, berichtet Harrison. „Wir haben jetzt das weltweit schnellste Wachstum im Brutalter.“

Das bedeutet: Nicht nur die Korallen selbst überleben, sie geben ihre Widerstandsfähigkeit offenbar an die nächste Generation weiter. Der Lebenszyklus wurde direkt am Riff in nur zwei Jahren abgeschlossen – normalerweise dauert das deutlich länger .

Altes Wissen und neue Partnerschaften

Die Rettungsversuche sind längst nicht mehr reine Wissenschaftssache. Immer mehr werden die traditionellen Besitzer des Landes einbezogen. Sechs der über siebzig indigenen Gruppen, die mit dem Great Barrier Reef verbunden sind, arbeiten heute mit Wissenschaftlern zusammen . Tshinta Barney, Rangerin der Woppaburra, hilft bei der kulturellen Kartierung des Meeresgebiets. Manche Zonen sind tabu – Männerplätze, Frauenplätze, Bestattungsgebiete. Die Wissenschaftler lernen, diese Grenzen zu respektieren, und die Ranger lernen, Korallenlarven zu züchten und auszubringen. „Es ist sehr wichtig, weil es die Lücke zwischen kulturellem Wissen und westlicher Wissenschaft schließt“, sagt Barney .

Jordan Ivey, Koordinator für indigene Zukunftsfragen bei AIMS, bringt es auf den Punkt: „Wenn wir einen Teil des Riffs verlieren, verlieren wir auch einen Teil unserer Identität.“

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Alle diese Projekte sind ein Wettlauf gegen die Uhr. Seit 2016 gab es fünf großflächige Korallenbleichen am Great Barrier Reef – die letzte war die flächenmäßig größte . Die Abstände zwischen den Hitzewellen werden kürzer, die Erholungsphasen knapper. „Diese Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Ozeanerwärmung infolge des Klimawandels weiterhin tiefgreifende und schnelle Auswirkungen auf die Korallen des Riffs hat“, sagt AIMS-Direktorin Selina Stead .

Dennoch geben die Forscher nicht auf. Mike Emslie, der die düsteren Zahlen kennt, sagt: „Es lohnt sich weiter, dafür zu kämpfen. Wir können nicht den Kopf in den Sand stecken und aufgeben.“


Was du über Korallenriffe wissen solltest – Kleine Wunderwelt im Meer

Korallen sehen aus wie bunte Steine oder Pflanzen, aber sie sind etwas ganz anderes: Jede Koralle ist eine Kolonie aus Hunderten oder Tausenden winziger Tiere, den Korallenpolypen. Jeder Polyp hat einen Kranz von Tentakeln, mit denen er Plankton fängt. Doch die meisten Korallen beziehen ihre Energie gar nicht allein aus dem Fang von Beute – sie leben in einer raffinierten Symbiose mit einzelligen Algen, den Zooxanthellen.

Diese Algen sitzen im Gewebe der Polypen, betreiben Photosynthese und liefern bis zu 95 Prozent der Nährstoffe. Im Gegenzug bieten die Korallen ihnen Schutz und Nährstoffe. Die Algen sind es auch, die den Korallen ihre leuchtenden Farben geben. Wenn das Wasser zu warm wird, stoßen die Korallen ihre Algen ab – sie bleichen aus. Bleibt die Hitze, verhungern sie.

Korallenriffe sind die Regenwälder der Meere. Obwohl sie nur 0,2 Prozent der Meeresfläche bedecken, beherbergen sie ein Viertel aller marinen Arten. Fische, Krebse, Schnecken, Seeigel – unzählige Lebewesen sind auf sie angewiesen. Riffe schützen Küsten vor Erosion und Stürmen, liefern Nahrung für Millionen Menschen und sind Einnahmequelle für den Tourismus. Das Great Barrier Reef allein trägt jährlich 6,4 Milliarden Dollar zur australischen Wirtschaft bei .


DIY: Mini-Korallen-Riff im Aquarium – Einblicke in eine verborgene Welt

Du kannst kein Great Barrier Reef in dein Wohnzimmer stellen. Aber du kannst ein kleines Stück Riff-Ökologie zu dir holen und dabei beobachten, wie diese faszinierenden Tiere leben – und wie empfindlich sie auf Veränderungen reagieren. Ein Mini-Riff-Aquarium ist anspruchsvoller als ein Süßwasserbecken, aber mit Geduld und der richtigen Pflege gelingt es auch Anfängern.

Was du über Meerwasseraquaristik wissen solltest, bevor du loslegst

Ein Korallenriff nachzubilden ist anspruchsvoller als ein normales Aquarium. Meerwasser ist ein komplexes Gemisch aus über 60 chemischen Verbindungen. Die wichtigsten Werte, die du im Auge behalten musst: Salzgehalt (Dichte etwa 1.023-1.025), pH-Wert (8,0-8,4), Kalzium (für das Korallenwachstum) und Nitrat (nicht zu viel, nicht zu wenig). Die Temperatur sollte konstant bei 24-26 Grad liegen – schon zwei Grad mehr können Stress bedeuten.

[WUSSTEST DU? – Die meisten Korallen im Aquarium stammen nicht aus der Natur, sondern aus Nachzuchten. In vielen Ländern gibt es inzwischen Korallenfarmen, die Ableger gesunder Tiere züchten und verkaufen. Das schont die natürlichen Riffe.]

Materialien – was du brauchst:

  • Aquarium: Mindestens 60 Liter, besser 100 Liter oder mehr. Kleine Wassermengen kippen schneller.

  • Meerwasser oder Meerwassersalz: Fertig angemischtes Meerwasser vom Fachhändler oder selbst angesetzt mit Osmosewasser und hochwertigem Salz.

  • Filtertechnik: Außenfilter oder besser einen Eiweißabschäumer, der organische Stoffe entfernt bevor sie sich zersetzen.

  • Strömungspumpe: Korallen brauchen Bewegung – ohne Strömung sterben sie ab.

  • Heizung: Mit Thermostat, um konstante Temperatur zu halten.

  • Beleuchtung: Spezielle LED-Leuchten für Meerwasseraquarien, die das Lichtspektrum der Sonne nachahmen.

  • Lebendgestein: Poröse Kalksteine aus dem Meer, voller nützlicher Bakterien und kleiner Lebewesen. Sie sind die biologische Basis deines Riffs.

  • Testsets: Für Salzgehalt, pH, Kalzium, Nitrat, Phosphat.

  • Korallen: Für den Anfang eignen sich weiche Korallen wie Lederkorallen oder Krustenanemonen. Sie sind pflegeleichter als Steinkorallen.

Schritt für Schritt – dein Mini-Riff

  1. Aquarium einrichten: Bodengrund (Korallensand oder Kies) einfüllen, Lebendgestein dekorativ aufschichten – mit Höhlen und Überhängen, wie im echten Riff. Strömungspumpe und Heizung anbringen.

  2. Wasser ansetzen: Aquarium mit Osmosewasser füllen, Meerwassersalz nach Herstellerangabe einrühren. Dichte mit Aräometer messen. Es dauert oft Tage, bis sich alle Salze gelöst haben.

  3. Einfahrphase: Jetzt heißt es warten. Die Bakterien auf dem Lebendgestein müssen sich vermehren, das biologische Gleichgewicht muss sich einstellen. Das dauert vier bis acht Wochen. Regelmäßig Wasserwerte testen. Keine Korallen einsetzen!

  4. Erste Bewohner: Wenn die Werte stabil sind, können die ersten robusten Korallen einziehen. Achte beim Kauf auf gesunde Tiere – keine braunen Schleimhäute, keine ausgefransten Ränder. Setze sie vorsichtig auf das Gestein, mit etwas Spezialkleber oder indem du sie in kleine Spalten klemmst.

  5. Pflege und Beobachtung: Täglich kurz kontrollieren, wöchentlich Wasserwerte testen, alle zwei Wochen einen kleinen Wasserwechsel (etwa 10 Prozent). Futter brauchen die meisten Korallen nicht, wenn die Beleuchtung stimmt – sie leben von ihren symbiotischen Algen.

Was du beobachten wirst:

Nach einigen Wochen entdeckst du vielleicht, wie sich winzige Scheibenanemonen oder kleine Krebse zwischen den Steinen ansiedeln – sie kamen als blinde Passagiere mit dem Lebendgestein. Die Korallen öffnen ihre Polypen, besonders wenn das Licht angeht. Vielleicht siehst du sogar, wie eine Koralle einen kleinen Ableger bildet.

Du wirst lernen, wie empfindlich dieses System ist: Ein zu warmer Tag, und die Korallen ziehen ihre Polypen ein. Zu wenig Strömung, und Algen wachsen. Du verstehst, warum die Ozeanerwärmung die Riffe weltweit bedroht – und warum es so wichtig ist, sie zu schützen.

[WUSSTEST DU? – Manche Korallen laichen einmal im Jahr synchron, oft nach Vollmond. In den Riffen steigen dann Milliarden von Eiern und Spermien zur Wasseroberfläche auf – ein Naturschauspiel, das Taucher aus aller Welt anzieht.]

Wichtiger Hinweis zum Artenschutz

Kaufe nur Korallen aus Nachzucht. Der Handel mit wild gefangenen Korallen schädigt die natürlichen Riffe zusätzlich. Seriöse Händler können dir sagen, woher ihre Tiere stammen. Und informiere dich vorab genau – Meerwasseraquaristik ist kein Hobby für Ungeduldige, aber eines, das dich für die Wunder der Riffe begeistern wird.


Quellen:

Reef Restoration Foundation (2023): Erste Laich-Erfolge in Korallen-Aufzuchtstation auf Fitzroy Island. https://www.oe24.at/tierschutz/australiens-korallen-vermehren-sich/542265533

Australian Institute of Marine Science (2025): Jahresbericht zur Korallenbedeckung am Great Barrier Reef. https://www.n-tv.de/wissen/Great-Barrier-Reef-verliert-so-viele-Korallen-wie-seit-39-Jahren-nicht-article25947871.html

Spiegel (2025): Schäden am Great Barrier Reef durch Korallenbleiche erreichen neuen Rekord. https://www.spiegel.de/wissenschaft/australien-schaeden-am-great-barrier-reef-durch-korallenbleiche-erreichen-neuen-rekord-a-70f877c3-f415-4bb4-9e42-c80f4649f812

Southern Cross University / Reef Resilience Network (2025): Interview mit Dr. Peter Harrison zur Coral IVF-Methode. https://reefresilience.org/de/coral-restoration-using-larval-propagation-in-the-philippines-australia/

Australian Broadcasting Corporation (2025): Indigenous Rangers und Wissenschaftler arbeiten gemeinsam an Riff-Restaurierung. https://newsapp.abc.net.au/news/2025-11-26/ceramics-and-floating-pools-used-in-battle-to-save-reef/106018712

Great Barrier Reef Foundation / Qantas (2025): Reef Restoration Fund Projekte. https://www.qantas.com/en-au/about-us/in-the-community/sustainability-at-qantas/great-barrier-reef-foundation

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