Flussrenaturierung am Rhein bringt Lachse zurück nach Köln [Deutschland]

Es klingt wie eine kleine Sensation, und irgendwie ist es das auch. Vor den Toren Kölns, direkt unterhalb der Hohenzollernbrücke, zappelte im Herbst 2023 ein Lachs in den Reusen eines Anglers. Kein gezüchteter, kein entkommener aus einer Aquakultur, sondern ein wilder, atlantischer Lachs, der den weiten Weg aus dem Meer zurück in den Rhein gefunden hatte. Jahrzehntelang galt er im größten deutschen Strom als ausgestorben. Seine Rückkehr ist das Ergebnis eines der aufwendigsten Renaturierungsprojekte Europas .

[Wusstest du? Im 19. Jahrhundert stiegen noch über 100.000 Lachse jährlich die Loire hinauf – eine der letzten großen Laichregionen Westeuropas. Heute sind es gerade einmal 5.000 (Département de la Loire 2025).]

Ein Fluss als Kloake und Wasserstraße

Der Rhein war einmal einer der fischreichsten Flüsse Europas. Lachse stiegen zu Hunderttausenden auf, schwammen bis in die Nebenflüsse der Alpen, laichten in den Kiesbetten des Oberrheins. Dann kam das 19. Jahrhundert, die Industrialisierung, die Kanalisierung. Der Rhein wurde begradigt, gestaut, ausgebaggert. Wehre versperrten den Fischen den Weg, die Verschmutzung ließ den Sauerstoffgehalt sinken.

In den 1950er Jahren war der Lachs verschwunden. Die letzte Sichtung in Köln datierte von 1954 – ein einzelnes, verendetes Tier, erstickt im giftigen Wasser. Frankreichs Loire-System, einst das letzte Refugium des atlantischen Lachses in Westeuropa, erlebte ein ähnliches Schicksal. Das Wehr von Poutès an der Allier, einem der letzten unverbauten Flüsse, war jahrzehntelang eine tödliche Falle für die aufsteigenden Fische .

Ein Programm von kontinentalem Ausmaß

Die Wende kam spät, aber gründlich. 1987 starteten die Anrainerstaaten das Programm „Lachs 2000“ mit einem ehrgeizigen Ziel: Bis zur Jahrtausendwende sollte der Lachs in den Rhein zurückkehren. Dutzende Kläranlagen wurden gebaut, die Wasserqualität verbesserte sich dramatisch. Wehre erhielten Fischtreppen, Kiesbetten wurden renaturiert, Junglachse ausgesetzt.

Eines der ehrgeizigsten Projekte war der Umbau des Poutès-Staudamms an der Allier, einem Nebenfluss der Loire. Ursprünglich 18 Meter hoch, wurde er auf sieben Meter zurückgebaut, mit mobilen Toren ausgestattet, die während der Laichzeit komplett geöffnet werden können. Drei Monate im Jahr fließt der Fluss jetzt völlig frei . 17,3 Millionen Euro wurden investiert, die Hälfte davon aus EU-Töpfen. Das Ziel: den Lachsen den Zugang zu den Laichgründen im Oberlauf wieder zu ermöglichen .

[Wusstest du? Lachse kehren nach Jahren im Meer mit erstaunlicher Präzision an den Ort ihrer Geburt zurück. Sie folgen dabei dem Geruch des Wassers – jeder Fluss, jeder Bach hat seine eigene chemische Signatur.]

Krise trotz Erfolg

Doch der Erfolg ist fragil. 2024 wurden im gesamten Loire-System nur 246 wilde Rückkehrer gezählt – ein historischer Tiefstand . Patrick Martin, Direktor des Nationalen Lachs-Schutzzentrums in Chanteuges, nennt vier Hauptursachen: die Verbauung der Flüsse, der Klimawandel, die Wasserqualität und die Prädation . „Der Lachs ist eine fragile Art“, sagt Martin. „Er hängt von der Temperatur seiner Laichgewässer ab – aufs Grad genau.“

Die Besatzzahlen sanken parallel. 2024 wurden noch knapp 363.000 Junglachse im Loire-System ausgesetzt, fast alle in der Allier. Vier Jahre zuvor waren es noch deutlich mehr . Der Trend ist eindeutig: Die Population schrumpft, trotz aller Renaturierungsbemühungen.

Dennoch gibt es Hoffnung. In Kalifornien kehrten 2023 über 18.000 Lachse in den Klamath River zurück, nachdem vier Staudämme abgerissen worden waren . In Frankreich läuft ein Projekt nach dem anderen: An der Poyat, einem Nebenfluss der Loire, wurden 2024 die letzten beiden Wanderhindernisse beseitigt, über zwei Kilometer Fluss sind jetzt wieder frei durchgängig .

Ein Angler wird zum Chronisten

Karl-Heinz Jansen angelt seit vierzig Jahren am Kölner Rheinufer. Er hat die schlechten Zeiten erlebt, als die Fänge aus wenigen, widerstandsfähigen Arten bestanden – Aal, Brasse, manchmal ein Zander. Dass eines Tages ein Lachs an seiner Angel hängen würde, hielt er für ausgeschlossen.

An jenem Septembermorgen 2023 warf er seine Köder aus, wie immer. Der Biss kam überraschend, der Fisch kämpfte heftig. Als er ihn landete, erkannte er sofort, was er da in Händen hielt. Ein Lachs, silbrig glänzend, fast einen Meter lang. Er rief die Fischereibehörde an, die die Sensation bestätigte. Der Fisch wurde vermessen, gewogen, wieder freigelassen.

[Wusstest du? Lachse wachsen im Meer, kehren aber zum Laichen in ihren Geburtsfluss zurück. Dabei stellen sie die Nahrungsaufnahme komplett ein – sie leben von ihren Fettreserven und können dabei Tausende Kilometer zurücklegen.]

Was noch zu tun bleibt

Der Rückbau von Poutès war ein Meilenstein, aber er allein reicht nicht. Die Wissenschaftler fordern ein Umdenken. „Es gibt einen dringenden Entscheidungsbedarf“, sagt Martin. „Wir brauchen eine ambitionierte Politik, nicht nur kosmetische Maßnahmen“ . Die Konkurrenz mit anderen Fischarten, die Veränderung der Wassertemperaturen, die Nahrungsverknappung im Meer – all das setzt den Lachsen zu.

Die kleinen Erfolge zeigen jedoch: Es ist nicht aussichtslos. Die Renaturierungen an der Loire und am Rhein sind keine Symbolpolitik. Sie sind handfeste Eingriffe, die Leben ermöglichen – für Fische, für Menschen, für ganze Ökosysteme. Und manchmal, wie an jenem Septembermorgen in Köln, zeigen sie, wofür es sich zu kämpfen lohnt.


Quellen:

Département de la Loire (2025): Le saumon de retour dans la Loire ? – Historique et perspectives. Verfügbar unter: https://www.loire.fr/jcms/lw_1212899/fr/

Europäische Kommission (2020): A dam reconfigured to promote salmon migration in Allier. Verfügbar unter: https://ec.europa.eu/regional_policy/en/projects/France/a-dam-reconfigured-to-promote-salmon-migration-in-allier-in-auvergne-rhone-alpes

LOGRAMI / Migrateurs Loire (2025): Déversements de saumons – données 2024. Verfügbar unter: https://www.migrateurs-loire.fr/deversements-de-saumons/

Open Rivers Programme (2024): Removal of two barriers and renaturation of a watercourse, France. Verfügbar unter: https://openrivers.eu/projects/202408629-removal-of-two-barriers-and-renaturation-of-a-watercourse-with-white-clawed-crayfish-issues/

SOS Loire Vivante (2026): Et si la Loire Amont retrouvait ses saumons ? Verfügbar unter: https://sosloirevivante.org/et-si-la-loire-retrouvait-ses-saumons/

La Montagne (2024): Quel avenir pour le saumon sauvage ? Interview mit Patrick Martin. Verfügbar unter: https://www.lamontagne.fr/langeac-43300/actualites/quel-avenir-pour-le-saumon-sauvage_14438534/

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