Seegraswiesen als Klimaretter vor Mallorcas Küste [Spanien]

Die Bucht von Pollença im Norden Mallorcas ist ein Bild der Ruhe. Türkisblaues Wasser, sanfte Hügel, Pinienwälder bis ans Ufer. Doch unter der Oberfläche liegt ein Schatz, der unsichtbar bleibt – und einer der wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen den Klimawandel ist. Auf dem Meeresboden wächst hier das Neptungras (Posidonia oceanica), eine Pflanze, die doppelt so viel CO₂ pro Hektar speichert wie der Amazonas-Regenwald (WWF 2025). Seit 2012 arbeiten Wissenschaftler, ein spanischer Energiekonzern und die Regionalregierung daran, dieses Unterwasserwunder zu retten und wiederherzustellen.

[Wusstest du? Das Neptungras ist eine der ältesten lebenden Organismen der Erde. Vor Ibiza wurde ein Klon entdeckt, dessen Samen vor über 200.000 Jahren keimte – als Neandertaler noch durch Europa zogen (Duarte & Marbà 2025).]

Der Unterwasserwald, der langsamer wächst als eine Eiche

Das Neptungras ist eine Blütenpflanze, die vor Millionen von Jahren vom Land ins Meer zurückkehrte. Es bildet dichte Wiesen auf dem Meeresboden, die wie Unterwasserwälder aussehen. Diese Wiesen sind Kinderstuben für Fische, bieten Lebensraum für tausende Arten und filtern Schadstoffe aus dem Wasser (WWF 2025). Ihre wichtigste Eigenschaft aber ist die Fähigkeit, Kohlenstoff zu speichern – in den Blättern, in den Wurzeln und im Sediment, für Jahrhunderte, manchmal Jahrtausende.

Das Problem: Neptungras wächst extrem langsam. Ein bis drei Zentimeter pro Jahr, mehr ist nicht drin (N-TV 2018). Was über Jahrtausende gewachsen ist, kann ein einziger Anker in Sekunden zerstören. Eine Yacht, die in einer geschützten Bucht ankert, reißt mit ihrer Kette büschelweise Pflanzen aus dem Boden. Der Schaden eines einzigen Ankers kann tausend Jahre brauchen, um sich zu regenerieren (GeoGarage 2025).

[Wusstest du? Zwischen 2008 und 2012 verschwanden vor Formentera 44 Prozent der Seegraswiesen – hauptsächlich durch Anker von Freizeitbooten. Eine einzige beschädigte Stelle braucht Jahrhunderte zur Erholung (GeoGarage 2025).]

Ein Pionierprojekt entsteht

2012 begann der spanische Netzbetreiber Red Eléctrica mit einem ehrgeizigen Forschungsprojekt. Zusammen mit dem Mittelmeer-Institut für fortgeschrittene Studien (IMEDEA) suchte das Unternehmen nach Wegen, zerstörte Seegraswiesen wiederherzustellen (Redeia 2025). Die Idee: Pflanzen zu retten, die von Stürmen ausgerissen wurden, und sie an geschützten Stellen neu zu setzen.

Nach Jahren der Forschung startete 2017 die Umsetzung. In der Bucht von Pollença wurden auf zwei Hektar Meeresboden insgesamt 12.800 Pflanzenfragmente und 400 Setzlinge von Tauchern per Hand gepflanzt (Maritime Forum 2022). Die Methode war aufwendig: Jedes Fragment musste einzeln gesammelt, in Aquarien zwischengelagert und dann am neuen Standort befestigt werden.

Die Ergebnisse geben Hoffnung. Nach viereinhalb Jahren hatten über 95 Prozent der gepflanzten Fragmente überlebt (Maritime Forum 2022). Die Setzlinge waren mit 45 Prozent Überlebensrate etwas anfälliger. Das Projekt gewann mehrere Preise, darunter den European Business Award for the Environment 2018 (Redeia 2025).

Meeresgärtner für alle

Doch die Wissenschaft allein kann die Seegraswiesen nicht retten. Deshalb gibt es seit 2024 ein Citizen-Science-Projekt namens „Die Meeresgärtner“. Die Deutsche Stiftung Meeresschutz und Project Manaia haben ein Netzwerk aus Tauchzentren aufgebaut, in dem Einheimische und Touristen lernen, Seegras anzupflanzen (UN-Dekade 2024). Wer einen ausgerissenen Pflanzenrest findet, kann ihn an einer der Stationen abgeben – zur späteren Wiederherstellung.

Auch in Marbella entsteht gerade eine 1 Hektar große Seegras-Baumschule, in Zusammenarbeit mit der Universität Málaga (Conservation Collective 2025). Zehn Jahre soll sie betreut werden, mit Hilfe von Freiwilligen, die am Strand nach angespülten Pflanzenresten suchen.

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Trotz aller Erfolge: Die Bedrohungen wachsen. Die Mittelmeer-Wassertemperatur steigt, und Neptungras verträgt nicht mehr als 28 Grad. „In etwa der Hälfte der Sommer seit dem Jahr 2000 wurde diese Grenze überschritten“, sagt Dr. Núria Marbà vom IMEDEA (GeoGarage 2025). Es tötet die Pflanzen nicht sofort, aber es stresst sie – und in diesem geschwächten Zustand können sie sich nicht erholen.

Die Schutzbemühungen der Balearenregierung wurden verstärkt. Fünf Kontrollboote patrouillieren täglich, weisen Jachten neue Ankerplätze zu, dokumentieren Verstöße. Allein 2024 wurden über 17.000 Boote kontrolliert, 2.800 Mal wurde ein neuer Ankerplatz zugewiesen (N-TV 2018). Für Jorge Terrados, der die Pflanzungen in Pollença leitet, ist Geduld das Wichtigste: „Das kann Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte dauern.“ Aber es lohnt sich.


Quellen:

Conservation Collective (2025): Malaga Province Environment Foundation – Grant Announcements. Verfügbar unter: https://conservation-collective.org/malaga-province-environment-foundation-grant-announcements/

GeoGarage (2025): Climate change: ‚Forever plant‘ seagrass faces uncertain future. Verfügbar unter: https://blog.geogarage.com/2025/02/climate-change-forever-plant-seagrass.html

Maritime Forum (2022): Red Eléctrica Marine Forest. Verfügbar unter: https://maritime-forum.ec.europa.eu/node/4981_en

N-TV (2018): Mallorcas Unterwasser-Wälder bedroht. Verfügbar unter: https://www.n-tv.de/panorama/Mallorcas-Unterwasser-Waelder-bedroht-article20643317.html

Redeia (2025): The Marine Forest: the recovery of Posidonia oceanica seagrass meadows. Verfügbar unter: https://www.redeia.com/en/sustainability/nature/projects/posidonia-oceanica

UN-Dekade (2024): Seegraswiesen-Renaturierung im Mittelmeer: Die Meeresgärtner. Verfügbar unter: https://www.undekade-restoration.de/projekte/die-meeresgaertner/

WWF Österreich (2025): Seegraswiesen mit Superkräften: Warum sie so wichtig sind. Verfügbar unter: https://www.wwf.at/artikel/seegraswiesen-mit-superkraeften-warum-sie-so-wichtig-sind/

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