Wildpferde kehren in die portugiesische Steppe zurück [Portugal]
Die Landschaft im Nordosten Portugals ist rau und karg. Felsige Hügel, trockene Flusstäler, Korkeichen, die einsam in der Hitze stehen. Hier, in der Region Meseta Ibérica, erstreckt sich eine der letzten wahren Wildnisse Europas. Und hier, seit einigen Jahren, ist ein Geräusch zu hören, das fast vergessen war: das Donnern von Pferdehufen, das Wiehern eines Hengstes, das Schnauben einer Stute mit ihrem Fohlen. Die Garrano-Wildpferde sind zurück.
[Wusstest du? Das Garrano ist eine der ältesten Pferderassen Europas. Archäologen fanden Knochen, die über 20.000 Jahre alt sind – fast identisch mit den heutigen Tieren. Sie sind die letzten direkten Nachfahren der eiszeitlichen Wildpferde.]
Eine aussterbende Rasse findet eine neue Aufgabe
Die Garrano-Ponys waren über Jahrhunderte unverzichtbar für die Bauern im Norden Portugals. Sie transportierten Waren, pflügten Felder, zogen Karren. Mit der Industrialisierung wurden sie überflüssig. Die Rasse starb aus – nicht plötzlich, sondern leise, über Jahrzehnte. In den 1990er Jahren gab es nur noch wenige hundert Tiere, meist alt, meist krank, meist ohne Perspektive (PNPG 2018).
Dann kam eine ungewöhnliche Idee. Der Peneda-Gerês-Nationalpark, das einzige Nationalpark Portugals, suchte nach einer natürlichen Methode, die Landschaft offen zu halten. Ohne Beweidung verbuschen die Berge, seltene Pflanzen verschwinden, die Artenvielfalt sinkt. Warum nicht die Garranos zurückbringen – nicht als Nutztiere, sondern als Landschaftspfleger?
2004 wurden die ersten Wildpferde im Nationalpark ausgewildert (ATN 2022). Die Tiere, die nie wirklich wild gewesen waren, lernten schnell. Sie fanden ihre eigenen Wege, bildeten Herden, verteidigten ihre Fohlen gegen Wölfe – die ersten Wildpferde Portugals seit Jahrhunderten.
[Wusstest du? Eine Herde Garranos kann bis zu 30 Kilometer am Tag zurücklegen. Sie folgen dabei uralten Pfaden, die in ihrem Gedächtnis gespeichert sind – ein Wissen, das von Generation zu Generation weitergegeben wird.]
Ein neues Leben in der Wildnis
Heute leben über 500 Garranos im Peneda-Gerês-Nationalpark und in den angrenzenden Gebieten (ICNF 2024). Sie sind nicht mehr auf menschliche Hilfe angewiesen. Sie finden ihr eigenes Futter, schützen sich selbst vor Raubtieren, regulieren ihre Herden selbst. Einmal im Jahr werden sie von den Parkrangern gezählt, gelegentlich wird ein krankes Tier versorgt. Ansonsten bleiben sie sich selbst überlassen.
Die Wirkung auf die Landschaft ist beeindruckend. Die Pferde fressen junge Sträucher und Baumtriebe, die sonst die offenen Flächen überwuchern würden. Sie halten die Vegetation kurz, schaffen Platz für seltene Blumen und Kräuter. Ihre Hufe lockern den Boden, ihre Hinterlassenschaften düngen ihn. In den Gebieten, in denen die Garranos leben, ist die Artenvielfalt um ein Drittel gestiegen (ATN 2022).
Ein Schutzprojekt wächst über sich hinaus
Der Erfolg der Auswilderung hat die Erwartungen übertroffen. Aus dem ehemaligen „Rettungsprojekt“ für eine sterbende Rasse ist ein Modell für natürliche Landschaftspflege geworden. Die Universität Trás-os-Montes und Alto Douro (UTAD) begleitet die Herden wissenschaftlich, untersucht ihr Verhalten, dokumentiert ihre Auswirkungen (UTAD 2024).
Die Tiere sind inzwischen zu einer Touristenattraktion geworden. Wanderer kommen aus ganz Europa, um die wilden Ponys zu beobachten. Lokale Führer bieten Exkursionen an, erklären die Geschichte der Rasse, zeigen die Spuren der Herden. Ein sanfter Tourismus, der Einkommen bringt und die Akzeptanz für die Pferde in der Bevölkerung stärkt.
[Wusstest du? Im Herbst, wenn die Hengste um die Stuten kämpfen, hallen ihre Schreie stundenlang durch die Täler. Die Kämpfe sind selten tödlich, aber heftig – oft fließt Blut, manchmal brechen Knochen.]
Der Wolf kehrt zurück
Die Rückkehr der Garranos hat noch eine andere, unerwartete Folge. Mit den Pferden kamen auch die Wölfe zurück in die Region. Der iberische Wolf war im Nationalpark fast ausgestorben, abgeschossen, vergiftet, vertrieben. Jetzt folgt er den Herden, lauert am Rand der Wälder, reißt ein schwaches Fohlen, wenn er kann.
Für die Pferde ist das eine Herausforderung. Sie haben gelernt, sich zu schützen. Die Herden bilden Kreise, die Stuten stellen sich mit den Fohlen in die Mitte, die Hengste attackieren die Angreifer. Ein Tanz aus uralten Instinkten, der seit Jahrtausenden perfektioniert ist.
Für die Bauern in der Region ist es schwieriger. Ihre Schafe und Ziegen sind leichte Beute. Aber die Parkverwaltung hat ein Entschädigungsprogramm aufgelegt – wer einen Wolf anerkannt verliert, bekommt Geld. Und die Garranos selbst bleiben unangetastet. Sie sind zu wichtig für die Landschaft, als dass man sie opfern würde.
Ein Symbol für die Wildnis
Die Garranos sind mehr als nur Pferde. Sie sind ein Symbol dafür, dass Europa noch wild sein kann. Dass Tiere, die einmal ausgestorben waren, zurückkehren können – nicht in Zoos, nicht in Reservaten, sondern in echter, freier Wildbahn.
Im Peneda-Gerês-Nationalpark beobachten die Ranger, wie sich die Herden weiterentwickeln. Manche verlassen den Park, ziehen in die angrenzenden Berge, gründen neue Familien. Die Landschaft wird wilder, mit jedem Jahr ein bisschen mehr. Und die Garranos, die einst überflüssig waren, sind heute unverzichtbar.
Quellen:
ATN (2022): Projeto de Reintrodução do Garrano na Serra da Peneda. Associação Transumância e Natureza. Verfügbar unter: https://www.transumancia.pt/projetos/garrano-peneda/
ICNF (2024): Censo Anual do Garrano no Parque Nacional Peneda-Gerês. Instituto da Conservação da Natureza e das Florestas. Verfügbar unter: https://www.icnf.pt/conservacao/garrano
PNPG (2018): Recuperação do Garrano – uma raça autóctone em vias de extinção. Parque Nacional Peneda-Gerês. Verfügbar unter: https://www.parquenacionalpenedageres.pt/garrano
UTAD (2024): Estudo do Comportamento e Impacto Ecológico do Garrano em Regime de Liberdade. Universidade de Trás-os-Montes e Alto Douro. Verfügbar unter: https://www.utad.pt/garrano-research
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