Meeresschildkröten-Schutz durch Nachtpatrouillen in Costa Rica [Costa Rica]
Die Taschenlampen leuchten nur schwach, rotes Licht, das die Tiere nicht stört. Leise bewegen sich die Schatten über den Strand von Tortuguero, die Füße sinken ein in den feuchten Sand. Es ist zwei Uhr morgens, die Flut steigt, und irgendwo vor der Küste wartet sie: eine Meeresschildkröte, die den Weg an Land sucht, um ihre Eier abzulegen. Seit über sechzig Jahren patrouillieren hier Wissenschaftler und Freiwillige, Nacht für Nacht, um die größte Grüne-Schildkröten-Population der westlichen Hemisphäre zu schützen (STC 2024).
[Wusstest du? Die Grüne Meeresschildkröte, die in Tortuguero nistet, legt bis zu 100 Kilometer zurück, um zu ihren Futtergründen zu gelangen. Mit Satellitensendern wurden Tiere verfolgt, die bis nach Nicaragua, Panama und sogar Kolumbien schwammen – und Jahre später wieder genau an denselben Strand zurückkehrten.]
Ein Strand, der Leben rettet
Tortuguero Nationalpark an der Karibikküste Costa Ricas ist das zweitgrößte Nistgebiet für Grüne Meeresschildkröten weltweit (STC 2024). Seit 1959 arbeitet die Sea Turtle Conservancy (STC) hier, das älteste kontinuierliche Meeresschildkröten-Forschungsprogramm der Erde. Was als kleine Initiative des Biologen Archie Carr begann, ist heute ein Modellprojekt für den globalen Artenschutz.
Jede Nacht während der Nistsaison patrouillieren Teams den 35 Kilometer langen Strand. Sie zählen Spuren, markieren Nester, sammeln Daten und schützen die Tiere vor Wilderern. Die Zahlen sind beeindruckend: Jährlich werden zwischen 80.000 und 180.000 Nester gezählt, jedes mit etwa 100 Eiern (STC 2024). Doch die neuesten Daten zeigen auch eine beunruhigende Entwicklung: Nach Jahrzehnten des Wachstums gehen die Nestzahlen seit 2008 langsam zurück – ein Warnsignal für die gesamte Karibik-Population (Restrepo et al. 2023).
Wenn der eigene Schüler die Arbeit fortsetzt
Manuel Sanchez, Feldkoordinator beim Amazon Conservation Team, erinnert sich an seine erste Begegnung mit einer Meeresschildkröte. Er war ein Kind, fischte nachts mit seinem Vater an der Pazifikküste der Osa-Halbinsel. Sein Vater zeigte ihm eine Oliv-Bastardschildkröte, die im Sand nistete. „Es hat mich damals schockiert – das Tier zu sehen, all die Mühe, die es machte“, erzählt Sanchez (Amazon Conservation Team 2025).
Damals war das Sammeln von Schildkröteneiern in Costa Rica noch legal. Heute patrouilliert Sanchez selbst die Strände, schützt Nester, koordiniert Freiwillige. Seine Kollegen nennen ihn „den Schildkrötenflüsterer“. Seit 2019 hat sein Programm „Ancestral Tides“ fast 1.600 Nester geschützt und über 150.000 Jungtiere sicher ins Meer gebracht – eines der effektivsten Schutzprojekte im östlichen Pazifik (Amazon Conservation Team 2025).
*[Wusstest du? Die Osa-Halbinsel bedeckt nur 0,001 Prozent der Erdoberfläche, beherbergt aber 2,5 Prozent aller Arten weltweit. Vier Schildkrötenarten nisten hier: Oliv-Bastardschildkröte, Lederschildkröte, Echte Karettschildkröte und die Grüne Meeresschildkröte.]*
Ein Ort, an dem das Meer den Wald trifft
Max Villalobos, Regionaldirektor von Ancestral Tides, beschreibt die Philosophie des Projekts: „Die Frontlinie ist wirklich hier, an der Küste, mit den Menschen, die ihr ganzes Leben hier verbracht haben und weiterleben wollen. Das ist unser Unterschied und unsere Mission – mit diesen Gemeinschaften zu arbeiten, um verschiedene Szenarien zu schaffen, in denen alle gedeihen können“ (Amazon Conservation Team 2025).
Die Arbeit ist vielfältig: In Tortuguero betreibt STC Umweltbildungsprogramme für Schulkinder, schult lokale Führer und Ranger, arbeitet mit der Parkverwaltung zusammen (STC 2025). An der Pazifikküste hat die Corcovado Foundation 2025 über 126 Umweltbildungsaktivitäten mit mehr als 250 Kindern durchgeführt, Strandreinigungen organisiert und 2,5 Tonnen Müll gesammelt – davon 1,6 Tonnen Plastik (GlobalGiving 2025).
Ein Schüler, der zur Meeresbiologin wurde
Allison Centeno war 15 Jahre alt, als sie zum ersten Mal eine Lederschildkröte sah. Sie nahm an einem Programm der Ecology Project International (EPI) im Pacuare-Reservat teil, einer Schildkröten-Schutzstation an der Karibikküste. „Teil der Erfahrung zu sein, eine Schildkröte zum ersten Mal zu sehen, zu arbeiten und Meeresbiologen zu unterstützen, die bereits das taten, wovon ich träumte – das war wirklich inspirierend“, erzählt sie (EPI 2025).
Heute macht Allison einen Master in Meereswissenschaften an der Florida Atlantic University mit einem Fulbright-Stipendium. Sie betreibt den Wissenschaftsblog „Bióloga Ilustrada“ unter dem Motto: „Wissen, um zu schützen“. Alles begann mit einer Schildkröte, in einer Nacht am Strand von Pacuare.
EPI hat seit 2000 über 200 Schüler und Lehrer aus der Karibikregion in seine Programme eingebunden. Randy Porras, ein Schüler des Liceo de Guácimo, sagt: „EPI war eine sehr schöne Erfahrung, weil wir hochqualifizierte Ausbilder haben, die mit uns über alles sprechen, was uns interessiert: Biologie, Tiere und besonders Schildkröten“ (EPI 2025).
Die Bedrohung bleibt
Trotz aller Erfolge ist die Arbeit nie zu Ende. Eine Studie von 2023 dokumentierte zwischen 2005 und 2021 mindestens 735 illegal getötete Schildkröten in Tortuguero – hauptsächlich Grüne Meeresschildkröten (Rojas-Cañizales et al. 2022). Befragungen zeigten, dass der Konsum von Schildkrötenfleisch in der Region Tradition hat, auch wenn es heute als beschämend gilt. Die meisten Tiere werden außerhalb des Dorfes gehandelt.
Die Forscher fordern strengere Kontrollen und mehr Personal im Nationalpark. Der Klimawandel verschärft die Lage: Steigende Meeresspiegel bedrohen die Niststrände, wärmere Temperaturen verändern das Geschlechterverhältnis der Jungtiere. In Sand gebrütet, hängt das Geschlecht von der Temperatur ab – wärmer bedeutet mehr Weibchen. Ein Überschuss an Weibchen gefährdet die genetische Vielfalt.
Ein globales Netzwerk lokaler Helden
Die Arbeit in Costa Rica ist Teil eines größeren Ganzen. Ancestral Tides arbeitet mit 18 indigenen Gruppen von Mexiko bis Kolumbien zusammen – ein Austausch von wissenschaftlichem Wissen und traditioneller Erfahrung. „Ökosysteme, besonders marine, überschreiten internationale Grenzen“, sagt Villalobos. „Sie erfordern regionale Zusammenarbeit“ (Amazon Conservation Team 2025).
Ob in Tortuguero, an der Osa-Halbinsel oder im Pacuare-Reservat – überall sind es Menschen wie Manuel Sanchez, Allison Centeno oder die vielen Freiwilligen, die Nacht für Nacht die Strände patrouillieren, Nester schützen und Jungtiere ins Meer begleiten. Sie alle arbeiten daran, dass die Schildkröten auch in sechzig Jahren noch an diese Strände zurückkehren.
Quellen:
Amazon Conservation Team (2025): Where the forest meets the sea: connecting Osa to the Amazon. Verfügbar unter: https://www.amazonteam.org/where-the-forest-meets-the-sea-connecting-osa-to-the-amazon/
EPI (2025): EPI Costa Rica: Conservation with Local Roots. Ecology Project International. Verfügbar unter: https://www.ecologyproject.org/post/epi-costa-rica-conservation-with-local-roots
GlobalGiving (2025): Sea Turtle Conservation & Environmental Education – 2025 Impact Report. Corcovado Foundation. Verfügbar unter: https://www.globalgiving.org/projects/seaturtle-conservation-and-environmental-education/reports/?subid=295157
Restrepo, J., Webster, E.G., Ramos, I. & Valverde, R.A. (2023): Recent decline of green turtle Chelonia mydas nesting trend at Tortuguero, Costa Rica. Verfügbar unter: https://conserveturtles.org/education-resource/recent-decline-of-tortuguero-green-turtles/
Rojas-Cañizales, D. et al. (2022): Illegal take of nesting sea turtles in Tortuguero. Verfügbar unter: https://conserveturtles.org/education-resource/illegal-take-of-nesting-sea-turtles-in-tortuguero/
STC (2024): Tortuguero, Costa Rica – Sea Turtle Research and Conservation. Sea Turtle Conservancy. Verfügbar unter: https://conserveturtles.org/project/stc-programs-research-tortuguero-costa-rica/
STC (2025): Community Outreach in Tortuguero. Sea Turtle Conservancy. Verfügbar unter: https://conserveturtles.org/program-activity/community-outreach-tortuguero/
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