AGROFORSTWIRTSCHAFT REGENERIERT BÖDEN IN TANSANIA [TANSANIA]
Der Boden unter ihren Füßen war lange ihr Feind. In der Region um den Mahale-Mountains-Nationalpark im Westen Tansanias kämpfen Kleinbauern seit Jahren mit schwindender Ernte, ausgelaugter Erde und unberechenbaren Regenfällen. „Ich habe früher nur eine einzige Sorte angebaut und die Erträge waren niedrig“, erinnert sich Iddy Haruna Majeka aus dem Dorf Kalya. „Dank der Bäume und der Schulungen bin ich jetzt zuversichtlich, dass ich mein Einkommen diversifizieren kann“ (EF 2025). Iddy ist einer von Hunderten Bauern, die in einem neuen Agroforstprojekt lernen, ihre Felder mit Bäumen zu bereichern – und damit nicht nur den Boden retten, sondern auch ihre Existenz.
[Wusstest du? Agroforstwirtschaft ist keine Erfindung der Neuzeit. In vielen Kulturen Afrikas war sie jahrhundertelang selbstverständlich, bevor Monokulturen sie verdrängten. Heute kehren die Bauern zu ihren Wurzeln zurück – mit wissenschaftlicher Unterstützung.]
Ein Paradies in Gefahr
Die Region um den Mahale-Mountains-Nationalpark ist eine der artenreichsten Tansanias. Hier leben Schimpansen, seltene Vögel und unzählige Pflanzenarten. Doch rund 95 Prozent der Menschen in der Gegend sind auf Landwirtschaft angewiesen – und der Druck auf die Böden wächst. Klimawandel, unregelmäßige Niederschläge und jahrelange Monokultur haben die Erde ausgelaugt (EF 2025).
Das internationale Bildungsunternehmen EF hat sich mit der Organisation WeForest zusammengetan, um das zu ändern. Ihr Ziel: Drei Millionen einheimische Bäume pflanzen, 1.500 Bauern unterstützen, die Bodengesundheit wiederherstellen (EF 2025). Die Idee ist einfach, aber wirkungsvoll: Bäume und Nutzpflanzen werden gemeinsam angebaut – sie ergänzen sich, statt zu konkurrieren.
Vier Bauern, vier Geschichten
Dismas Albankulu aus Kashagulu hatte viele Probleme: Rinder zerstörten seine Felder, die Erträge waren niedrig, das Einkommen schrumpfte. Dann kam die Schulung. „Ich habe gelernt, wie man Bäume pflanzt und pflegt. Agroforstwirtschaft wird mir Früchte und Holz bringen, die meiner Familie nutzen“, sagt er. Heute bewirtschaftet er ein halbes Acre mit Nutzholz, ein weiteres mit Obstbäumen und 1,5 Acre mit Erbsen zwischen seinen Erdnüssen und Mais (EF 2025).
Dayness Nocolaus, Mutter von vier Kindern, war schon immer unternehmerisch tätig – sie verkaufte getrockneten Fisch, Palmöl und Gemüse. Doch die Landwirtschaft machte ihr Sorgen: „Es mangelte an Wissen und Fähigkeiten, der Klimawandel setzte uns zu, die Erträge waren niedrig.“ Heute hat sie gelernt, Kompost herzustellen, ihren Betrieb zu planen und Tierfutter selbst anzubauen. „Ich habe so viel gelernt, um meinen Hof produktiver zu machen und mehr Einkommen zu erzielen“ (EF 2025).
[Wusstest du? Kompost aus Baumblättern und Ernterückständen kann die Bodenfruchtbarkeit innerhalb weniger Jahre verdoppeln. In Tansania lernen die Bauern, ihre eigenen Komposthaufen anzulegen – kostenlos, natürlich, effektiv.]
Juma Swagala Mwanumwe aus Lufubu hat sieben Kinder. Früher wirtschaftete er ohne Plan, manche Jahre war die Ernte katastrophal klein. „Ich habe gelernt, wie ich meinen Hof organisiere, Bäume und Pflanzen kombiniere, Kompost herstelle und Krankheiten vorbeuge.“ Seine Akazien dienen jetzt als lebende Zäune, die seine Felder vor Tieren schützen (EF 2025).
Wissenschaftliche Begleitung
Die Arbeit von WeForest und EF ist kein Einzelfall. In ganz Tansania entstehen ähnliche Projekte. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) koordiniert gemeinsam mit dem Weltagroforstzentrum ICRAF und Sustainable Agriculture Tanzania (SAT) das Projekt SCARF, das von der Internationalen Klimaschutzinitiative gefördert wird (IKI 2026). In acht Dörfern wurden Demonstrationsparzellen angelegt, über 350 Bauern beteiligten sich, 49 Berater wurden geschult, 10.749 Baumsetzlinge gepflanzt.
Die Forschung zeigt: Bauern bevorzugen integrierte Praktiken, besonders Agroforstsysteme in Kombination mit Boden- und Wasserschutz. Sie schätzen die positiven Effekte auf Bodenfeuchte, Ertragsstabilität und Widerstandsfähigkeit gegen Dürre (IGZ 2026). Doch es gibt Hürden: Arbeitskräftemangel, unsichere Landrechte, fehlende Kredite. Vor allem Frauen haben seltener Zugang zu den neuen Methoden – nicht aus mangelndem Interesse, sondern wegen struktureller Barrieren (IGZ 2026).
Vom Konflikt zur Kooperation
In der Region Morogoro gingen die Konflikte sogar so weit, dass es Tote gab. Viehhalter und Bauern kämpften um Weideland, besonders in der Trockenzeit. Salma Yassin von Sustainable Agriculture Tanzania (SAT) erzählt: „Die Konflikte um Weideland waren so intensiv, dass sie manchmal zu Verletzungen oder sogar Todesfällen führten“ (Biovision 2024).
Das Projekt führte neue Praktiken ein: Weideanbau, natürliche Grasbewirtschaftung, Lagerung von geerntetem Futter. Die Ergebnisse waren beeindruckend. Die Bauern tauschten Ernterückstände gegen tierischen Dünger, die Viehhalter erhielten sicheres Futter. Anfangs gab es Widerstand, aber dann stand eine Bäuerin auf und sagte: „Ich habe einst die Ankunft der Viehhalter auf meinem Land gefürchtet, aber nun heiße ich sie als Partner willkommen“ (Biovision 2024).
Ein Modell für die Zukunft
Die Erfolge sprechen für sich. In den Projekten von Brot für die Welt im Tarime-Distrikt haben Familien wie die von Isaya Mwita ihre Ernährung grundlegend verbessert. „Früher konnten wir uns nur ein oder zwei Mahlzeiten am Tag leisten“, sagt er. „Heute haben wir drei abwechslungsreiche Mahlzeiten – und sogar Überschüsse für den Markt“ (Brot für die Welt 2025).
Seine Frau Grace legt jeden Monat Geld in eine fest vernagelte Sparbüchse. „Da kommen nur Scheine rein“, lacht sie. Das Geld ist für die Zukunft der Kinder – vielleicht können sie Lehrer oder Ärztin werden (Brot für die Welt 2025).
Die Agroforstwirtschaft in Tansania zeigt: Bäume sind keine Konkurrenten der Bauern, sondern ihre besten Verbündeten. Sie schützen den Boden, speichern Wasser, liefern Früchte und Holz und machen die Landwirtschaft widerstandsfähig gegen den Klimawandel. Und sie verwandeln ehemalige Feinde in Partner – ob Viehhalter oder Bäuerin.
Quellen:
Biovision (2024): Die Wirkungsstudie hat uns gezeigt: Wir tun das Richtige! Interview mit Salma Yassin, Sustainable Agriculture Tanzania. Verfügbar unter: https://www.biovision.ch/story/die-wirkungsstudie-hat-uns-gezeigt-wir-tun-das-richtige/
Brot für die Welt (2025): Mit Öko-Landbau gegen den Hunger – Projekterfahrungen in Tansania. Verfügbar unter: https://www.brot-fuer-die-welt.de/projekte/tansania-hunger/
EF (2025): Meet the farmers benefiting from our partnership with WeForest in Tanzania. EF Impact Stories. Verfügbar unter: https://impact.ef.com/stories/weforest-farmers-tanzania/
IKI (2026): Skalierung von Agroforstwirtschaft für ganzheitliche Stärkung der Klimaresilienz im ländlichen Tansania (SCARF). Internationale Klimaschutzinitiative. Verfügbar unter: https://www.international-climate-initiative.com/projekt/skalierung-von-agroforstwirtschaft-fuer-ganzheitliche-staerkung-der-klimaresilienz-im-laendlichen-tansania-scarf-img2021-ii-012-tza-scarf/
IGZ (2026): Mahlet Degefu Awoke schließt Promotion zu klimaresilienter Landwirtschaft in Tansania erfolgreich ab. Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau. Verfügbar unter: https://igzev.de/aktuelles/news/2026-02-02-mahlet-degefu-awoke-schliesst-promotion-zu-klimaresilienter-landwirtschaft-tansania-erfolgreich-ab
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