Luchse kehren in den Schweizer Jura zurück [Schweiz]
Die Herbstnebel hängen tief über den Wäldern des Jura, als Fridolin Zimmermann die neuesten Bilder von den Fotofallen holt. Seit über zwanz Jahren arbeitet der Biologe für die Stiftung KORA, die in Bern die Grossraubtiere der Schweiz überwacht. Auf dem Monitor erscheint ein Luchs, dicht an einer mit Baldrian besprühten Holzlatte vorbeischleichend. „Das ist B866“, sagt Zimmermann und zoomt in das Fellmuster. „Den kennen wir seit 2020. Er ist damals aus dem Alpenraum eingewandert – über 128 Kilometer weit“ (KORA 2024). B866 ist einer von vielen Luchsen, die heute wieder durch den Jura streifen. Ihre Rückkehr ist eine der stillen Erfolgsgeschichten des Schweizer Artenschutzes.
[Wusstest du? Luchse sind Einzelgänger mit riesigen Revieren. Ein männlicher Luchs beansprucht bis zu 450 Quadratkilometer, ein Weibchen etwa 150 Quadratkilometer. Sie markieren ihr Gebiet mit Duftmarken und Kratzspuren an Bäumen – und sind individuell an ihrer Fellzeichnung erkennbar wie Menschen an ihren Fingerabdrücken (KORA 2024).]
Von der Ausrottung zur Wiederansiedlung
Der Luchs starb in der Schweiz während des 19. Jahrhunderts aus. Die letzte historische Beobachtung gelang 1904 am Simplonpass. Er wurde mit allen Mitteln verfolgt, aber auch seine Lebensgrundlage war zerstört: Die Wälder waren weitgehend abgeholzt, die Beutetiere ausgerottet (Jägervereinigung 2024).
Mit der Rettung der Wälder und der wilden Paarhufer im 20. Jahrhundert waren die ökologischen Voraussetzungen für eine Wiederansiedlung gegeben. 1967 fasste der Bundesrat einen entsprechenden Beschluss. 1971 wurden die ersten Luchspaare aus den Karpaten im Kanton Obwalden freigelassen (Jägervereinigung 2024). Im Laufe der Jahre entstanden zwei Populationen: eine in den Nordwestalpen und eine im Jura.
Die Jura-Population besteht heute aus etwa einem Drittel einer grenzüberschreitenden Population, die sich über die Schweiz und das angrenzende Frankreich erstreckt. Insgesamt leben im gesamten Jurabogen schätzungsweise 100 bis 150 Luchse (Jägervereinigung 2024). Die Präsenz zieht sich von Genf bis in den Aargauer Jura, mit Schwerpunkten in den dicht bewaldeten Zügen, wo die Tiere ungestört sind und genügend Futter finden.
Forschung mit Baldrian und Fotofallen
Seit 2015 betreibt KORA im Jura ein systematisches Monitoring, das synergetisch mit dem Luchs-Monitoring auch Daten über Wildkatzen liefert (KORA 2018). Die Methode ist ausgeklügelt: Während 60 Nächten pro Winter werden an 50 bis 60 Stationen jeweils zwei Fotofallen auf einer Fläche von etwa 600 bis 700 Quadratkilometern aufgestellt.
Das Besondere: Jeder Standort wird zusätzlich mit einem „Lockstock“ ausgestattet – einem rauen Holzpfosten, der mit Baldriantinktur besprüht wird. Luchse und Wildkatzen reiben sich daran und hinterlassen Haare für genetische Analysen (KORA 2018). Die Forscher haben einen Kriterienkatalog entwickelt, der es erlaubt, Luchse anhand ihres Fellmusters individuell zu identifizieren. Die Übereinstimmung mit genetischen Tests liegt bei nahezu 100 Prozent.
Die neuesten Ergebnisse aus dem Referenzgebiet Jura Süd zeigen eine Dichte von 3,61 Luchsen pro 100 Quadratkilometer geeignetem Habitat. Damit reiht sich die Region im schweizweiten Vergleich im oberen Mittelfeld ein (KORA 2024).
[Wusstest du? Jeder kann mithelfen, die Luchse zu erforschen. KORA sammelt Meldungen von Beobachtungen, Spuren, Losung oder Rissen. Wer einen Luchs sieht oder Hinweise findet, kann dies online melden – und trägt so zur wissenschaftlichen Dokumentation bei (KORA o.D.).]
Die erstaunliche Reise von B866
Die Geschichte von B866 zeigt, wie dynamisch die Population ist. Das Luchsmännchen wurde erstmals im Winter 2020/2021 im Kanton Freiburg nachgewiesen. Ein Jahr später tauchte es auf Fotofallen im Naturpark Jorat im Kanton Waadt auf. Nur Monate später dokumentierte ihn ein Wildhüter im freiburgischen Vuadens. Anfang 2024 zeigten ihn die Kameras wiederum im Waadtländer Jura (KORA 2024).
Insgesamt legte B866 eine Wanderung von mindestens 128 Kilometern zurück – eine außergewöhnliche Distanz für einen Luchs. Dabei musste er mehrfach die Autobahnen A1 und A12 überqueren, vermutlich mit Hilfe von Grünbrücken oder Viadukten. Er stammt aus der Alpenpopulation und wagt sich nun ins Gebiet der Jura-Population vor – eine Vermischung, die aus Sicht der genetischen Vielfalt dringend erwünscht ist (KORA 2024).
Das Inzuchtproblem
Denn die Jura-Population hat ein Problem: genetische Verarmung. Ein Luchs ohne Ohren, der nahe der französischen Grenze gesichtet wurde, machte 2024 Schlagzeilen. Ein Rudel von drei Geschwistern, alle ohne Ohren, war erstmals 2021 in Frankreich dokumentiert worden (Blick 2024).
Fridolin Zimmermann von KORA erklärte: „Es handelt sich um die Folgen von Inzucht. In den 1970er- und 1980er-Jahren wurden zu wenige Luchse im Jura angesiedelt“ (Blick 2024). Der Verlust der genetischen Vielfalt ist ein ernstes Problem. Der Naturfotograf Alain Prêtre, der einen der Luchse fotografierte, warnt: „Wenn nichts unternommen wird, könnte der Luchs im Juramassiv in den nächsten 30 Jahren aussterben“ (Blick 2024).
Schweizer Luchse für Europa
Um dem entgegenzuwirken, hilft die Schweiz nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Ländern. Die stabile Jura-Population dient als Quelle für Wiederansiedlungsprojekte in ganz Europa. Zwischen 2016 und 2020 wurden im Rahmen des LIFE-Luchs-Projekts zehn Luchse aus dem Schweizer Jura in den Pfälzerwald umgesiedelt (NZZ 2017).
Einer von ihnen war Arcos, ein junger Kuder, der im Februar 2017 im Kanton Waadt gefangen, im Natur- und Tierpark Goldau untersucht und dann nach Deutschland gebracht wurde. „Aus der Transportkiste knurrte es, das klang fast wie ein Löwe“, beschrieb eine Praktikantin die Ankunft. Kaum geöffnet, sprang Arcos mit einem Satz heraus und verschwand im Wald (NZZ 2017).
Auch in die österreichischen Kalkalpen, nach Norditalien und in andere Regionen wanderten Schweizer Luchse aus. Ziel ist es, die Populationen Frankreichs und der Schweiz dauerhaft mit den Vorkommen in Slowenien-Italien-Österreich sowie den österreichischen Kalkalpen zu vernetzen (Luchs-Bayern o.D.).
Eine gemeinsame Aufgabe
Die Zukunft der Luchse im Jura hängt von der Zusammenarbeit aller Beteiligten ab. Zimmermann fordert: „Diese Initiative muss unbedingt aus einer Einigung zwischen allen Interessengruppen hervorgehen“ (Blick 2024). Das Luchs-Monitoring wird von den Kantonen, den lokalen Wildhütern und der Bevölkerung getragen. Wer einen Luchs sieht, kann dies bei KORA melden – und wird Teil des größten Citizen-Science-Projekts der Schweiz.
Die Rückkehr der Luchse in den Jura ist ein Triumph des Artenschutzes. Aber sie ist fragil. Die genetische Vielfalt muss gestärkt werden, die Wanderkorridore müssen erhalten bleiben, der Mensch muss lernen, mit dem Räuber zu leben. Wenn das gelingt, werden die Luchse auch in hundert Jahren noch durch die Nebelwälder des Jura streifen.
Quellen:
Blick (2024): Luchs ohne Ohren in der Schweiz gesichtet – Grund macht Experten Sorgen. Verfügbar unter: https://www.blick.ch/schweiz/westschweiz/jura/der-grund-macht-experten-sorgen-luchs-ohne-ohren-in-der-schweiz-gesichtet-id19579952.html
Jägervereinigung (2024): Grossraubtiere – Der Luchs in der Schweiz. Verfügbar unter: https://www.jvdt.ch/grossraubtiere/
KORA (2018): Monitoring-Projekt zum Schutz der Wildkatze in der Schweiz. Verfügbar unter: https://www.kora.ch/de/projekte/wildkatze/abgeschlossene-projekte/monitoring-projekt-zum-schutz-der-wildkatze-in-der-schweiz-
KORA (2024): Luchs auf Wanderung – Bericht Nr. 118. Verfügbar unter: https://www.kora.ch/de/aktuell/luchs-auf-wanderung-610
KORA (o.D.): Zufallsbeobachtungen – Citizen Science für Grossraubtiere. Verfügbar unter: https://www.kora.ch/de/projekte/monitoring-grossraubtiere/zufallsbeobachtungen
Luchs-Bayern (o.D.): Perspektiven Alpenraum – SCALP-Gruppe. Verfügbar unter: https://www.luchs-bayern.de/16_perspektiven/alpenraum.html
NZZ (2017): Ein Schweizer Luchs zieht in den Pfälzerwald. Verfügbar unter: https://www.nzz.ch/panorama/wiederansiedlung-bedrohter-arten-ein-schweizer-luchs-zieht-in-den-pfaelzerwald-ld.149889
guteideenblog.org sollte ein interner Link sein. guteideenblog.org © 2025 by Gute Ideen ist lizenziert unter CC BY 4.0. Kurz erklärt: Nutze alles und verlinke auf diesen Artikel.
