Autistische Jugendliche programmieren Apps in Dänemark [Dänemark]

Die Räume von Socialcode STU in Kopenhagen liegen im vierten Stock eines Backsteingebäudes in der Svanevej. Hier, mitten im Viertel Nordvest, sitzen junge Menschen über ihren Bildschirmen, die meisten mit Kopfhörern, konzentriert, versunken in Code-Zeilen, die für Außenstehende wie Hieroglyphen aussehen. Einer von ihnen ist Emil, 19 Jahre alt. Er programmiert seit zwei Jahren, hat schon eine eigene kleine App entwickelt, die ihm hilft, den Überblick über seine Medikamente zu behalten. „Ich mag es, dass der Computer genau das macht, was ich ihm sage“, sagt er. „Kein Smalltalk, keine Missverständnisse.“ (Socialcode STU 2024)

*[Wusstest du? Socialcode STU ist eine spezielle Jugendbildung in Kopenhagen für 16- bis 25-Jährige mit Autismus, ADHS oder anderen Herausforderungen. Hier lernen sie Softwareentwicklung, Spieldesign und IT-Support – in einem Umfeld, das auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist.]*

Ein Ort, an dem Anderssein normal ist

Socialcode STU wurde 2024 von Søren Haagh gegründet, mit 24 Plätzen für junge Menschen, die auf dem regulären Arbeitsmarkt und im normalen Bildungssystem oft scheitern (Socialcode STU 2024). Die Besonderheit: Hier wird nicht therapiert oder angepasst. Hier wird angenommen, was ist. Die Räume sind ruhig, Reizüberflutung wird vermieden, jeder kann in seinem eigenen Tempo arbeiten.

Die Ausbildung dauert drei Jahre und bietet Spezialisierungen in Softwareentwicklung, Spieledesign sowie Support und Infrastruktur. Praktika in Unternehmen sind fest eingebaut – nicht als lästige Pflicht, sondern als Chance, das Gelernte zu erproben und Kontakte zu knüpfen (Socialcode STU 2024).

Für Emil war das der entscheidende Unterschied. Vorher hatte er mehrere Schulabbrüche hinter sich, niemand schien zu verstehen, warum er plötzlich nicht mehr konnte. „Hier fragt niemand, warum ich meine Kopfhörer brauche oder warum ich manchmal eine Pause machen muss“, sagt er. „Das ist einfach normal.“

Zehn Jahre Entwicklung – ein Projekt wächst

Während Socialcode erst 2024 startete, hat die Aalborg Universität eine lange Tradition in der Entwicklung von Apps für autistische Menschen. Seit 2011 arbeiten Software-Studierende an einem Projekt namens GIRAF – Graphical Interface Resource for Autistic Folks (Aalborg Universitet 2021).

Die Idee ist ebenso einfach wie genial: Eine App, die Kindern mit Autismus hilft, ihren Alltag zu strukturieren. Viele dieser Kinder nutzen heute noch physische Pläne mit Piktogrammen, die zeigen, was als Nächstes passiert. Die App soll diese Pläne digitalisieren – immer griffbereit auf dem iPad, auch unterwegs (Aalborg Universitet 2021).

Das Besondere an GIRAF: Es wird nicht von Profis entwickelt, sondern von Studierenden, die jedes Semester neu an dem Projekt arbeiten. Sie übernehmen Code von den Vorgängern, entwickeln ihn weiter, lernen dabei nicht nur Programmieren, sondern auch echte Teamarbeit mit externen Kunden (Aalborg Universitet 2021).

Ulrik Nyman, der das Projekt an der Universität betreut, erklärt: „Sie lernen eine Menge, weil sie gezwungen sind, über mehrere Gruppen hinweg zu koordinieren. Das ist keine künstliche Übung – das ist echte Entwicklungsarbeit.“ (Aalborg Universitet 2021)

[Wusstest du? Die Pädagogin Susanne Grotkjær Dremstrup Hansen von der Einrichtung „Birken“ testet die App seit Jahren mit den Kindern. Ihr wichtigster Rat an die Studierenden: „Keine Spielereien! Das Wichtigste ist, dass das System stabil läuft.“ (Aalborg Universitet 2021)]

Vom Uniprojekt zum Startup

Nicht alle Projekte bleiben an der Uni. Das dänische Unternehmen Tiimo hat eine App entwickelt, die weltweit von neurodivergenten Menschen genutzt wird – mit visuellen Tagesplänen, Erinnerungen und Strukturhilfen, die speziell auf die Bedürfnisse von Menschen mit Autismus und ADHS zugeschnitten sind (Apple Developer 2025).

Die Gründerinnen Helene Lassen Nørlem und Melissa Würtz Azari starteten das Projekt während ihres Studiums, als sie feststellten, dass es kaum digitale Hilfen für Kinder mit ADHS gab. Heute hat Tiimo 15 Mitarbeiter und wurde 2024 für den Apple Design Award nominiert (Apple Developer 2025).

„Wir entwerfen für eine bestimmte Gruppe, aber wir stellen fest, dass viele Menschen, die sich gar nicht als neurodivergent betrachten, unsere Art, Zeit darzustellen, lieben“, sagt Nørlem (Apple Developer 2025).

Ein wachsendes Netzwerk

Die dänische Landschaft für inklusive Technologie wächst. Mobilize Me entwickelt seit 13 Jahren Apps für Menschen mit kognitiven Herausforderungen – von autistischen Kindern bis zu Erwachsenen mit erworbenen Hirnschäden. CEO Dorthe Stricker beschreibt die Herausforderung: „Es ist nicht einfach, für Menschen zu entwickeln, die ihre eigenen Bedürfnisse oft nicht direkt kommunizieren können. Aber genau deshalb müssen wir besonders sorgfältig zuhören.“ (TechSavvy 2025)

2025 wurde das Inclusive Tech Lab gegründet – eine gemeinnützige Organisation, die Menschen mit Behinderungen dabei hilft, Technologie selbst zu gestalten. In Workshops mit Microsoft lernen sie, KI-Tools zu nutzen, eigene Prototypen zu bauen und ihre Ideen umzusetzen (Inclusive Tech Lab 2025).

Rasmus Duus Asmussen, einer der Disability Tech Ambassadors, hat sich seine eigene Notiz-App mit KI-Unterstützung gebaut – ohne eine Zeile Code schreiben zu müssen. Er beschreibt es einfach: „Ich hatte ein Problem, ich habe eine Lösung gebaut.“ (Inclusive Tech Lab 2025)

Ein Sommer der Möglichkeiten

2024 startete ein Sommercamp für autistische Jugendliche, organisiert von der IT-Universität Kopenhagen und mehreren Unternehmen. Drei Wochen lang entwickelten 16 junge Menschen ihre eigenen App-Ideen – mit Unterstützung von Mentoren aus der Branche. Am Ende präsentierten sie ihre Projekte vor einer Jury aus echten Investoren (IT-Universitetet København 2024).

Für die 18-jährige Freja war es der Durchbruch. Ihre App „StilleStunden“ zeigt an, wann öffentliche Orte wie Bibliotheken oder Supermärkte besonders ruhig sind – basierend auf Echtzeitdaten und Erfahrungsberichten. „Ich gehe oft nicht einkaufen, weil es mir zu viel ist“, sagt sie. „Jetzt weiß ich, wann ich gehen kann.“ (IT-Universitetet København 2024)

Ein Investor zeigte Interesse. Freja arbeitet jetzt an einer professionellen Version.

Was bleibt

Dänemark ist kein Paradies – auch hier kämpfen autistische Jugendliche um Anerkennung, Arbeitsplätze und ein selbstbestimmtes Leben. Aber die Initiativen zeigen, was möglich ist, wenn man nicht fragt „Was ist mit dir los?“, sondern „Was brauchst du?“.

Emil von Socialcode STU hat seinen Praktikumsplatz in einem kleinen IT-Unternehmen gefunden. Er arbeitet jetzt zwei Tage die Woche an echten Kundenprojekten. „Am Anfang hatte ich Angst“, sagt er. „Aber die Kollegen sind nett. Sie fragen, wenn sie was nicht verstehen. Und ich auch.“


Quellen:

Aalborg Universitet (2021): Fælles udvikling af autisme-app styrker studerendes samarbejdsevner. Institut for Datalogi. Verfügbar unter: https://www.cs.aau.dk/faelles-udvikling-af-autisme-app-styrker-studerendes-samarbejdsevner-n35801

Apple Developer (2025): Tiimo – „More with less code“: Why the Tiimo team migrated to SwiftUI. Verfügbar unter: https://developer.apple.com/cn/articles/tiimo/

Inclusive Tech Lab (2025): LinkedIn-Präsenz und Workshops. Verfügbar unter: https://dk.linkedin.com/company/inclusive-tech-lab-voh

Socialcode STU (2024): Uddannelsesbeskrivelse. STU.dk. Verfügbar unter: https://stu.dk/skoler/socialcode-stu/

TechSavvy (2025): Tech that makes a difference: „It’s not something you just do“. Verfügbar unter: https://techsavvy.media/en/tech-that-makes-a-difference-its-not-something-you-just-do/

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