Taubstumme Fischer organisieren sich in Sri Lanka [Sri Lanka]

Das Dorf Pamunugama liegt eingeklemmt zwischen dem Indischen Ozean und der Negombo-Lagune, nur wenige Kilometer nördlich von Colombo. Hier leben die Menschen seit Generationen vom Fischfang. Die Männer stechen im Morgengrauen in See, die Frauen verkaufen den Fang auf dem Markt. Aber in diesem Dorf gibt es eine Besonderheit: Drei seiner Bewohner sind taub. Sie waren lange von der Gemeinschaft ausgeschlossen, konnten nicht am Boot ausmachen teilnehmen, keine Fänge verhandeln. Bis der Rotary Club Pamunugama beschloss, ihnen zu helfen (World Hearing Day 2022).

[Wusstest du? Pamunugama liegt genau an der schmalen Landzunge zwischen Meer und Lagune. Die meisten Familien hier leben ausschließlich vom Fischfang. Wer nicht hören kann, ist doppelt isoliert – von der Gemeinschaft und von der einzigen Einkommensquelle des Dorfes.]

Drei Hörgeräte, die Leben verändern

Die Geschichte ist klein, aber sie zeigt, was möglich ist. Der Rotary Club Pamunugama, der seit über 32 Jahren in der Gemeinde aktiv ist, startete 2024 ein Projekt mit dem schönen Namen „Make them smile“ (World Hearing Day 2022). Ziel war es, drei Menschen mit Hörbehinderungen mit Hörgeräten zu versorgen – Menschen, die in einer Gemeinschaft leben, in der Fischerei die einzige Einkommensquelle ist.

Für die Betroffenen bedeutete das: Zum ersten Mal konnten sie am Austausch teilnehmen, der das Leben im Dorf bestimmt. Die Gespräche am Strand, wenn die Boote einlaufen. Die Verhandlungen mit den Händlern über den Preis des Fangs. Die Warnrufe, wenn ein Sturm aufzieht oder eine Welle höher ist als erwartet.

Das Projekt ist klein – drei Menschen in einem Dorf. Aber es zeigt, dass Inklusion oft mit den einfachsten Mitteln beginnt: einem Hörgerät, einer Schulung, einem offenen Ohr.

Die Tauben von Thinipitiya

Während in Pamunugama einzelne Menschen Hilfe erhielten, gibt es in Sri Lanka auch Dörfer, in denen Taubheit ein Massenphänomen ist. Thinipitiya im Distrikt Anuradhapura wird von den Einheimischen „Golu Gammanaya“ genannt – „das Dorf der Stummen“ (The Free Library 2024). Hier leben 35 Menschen mit angeborener Taubheit, über mehrere Generationen vererbt. Neun von zwölf Familien sind betroffen.

Die meisten von ihnen leben von Fischerei und Landwirtschaft, unter extrem schwierigen Bedingungen. Ihre Hütten sind aus Lehm und Ästen gebaut, mit Plastikplanen als Türen. Der Strom wurde wegen Zahlungsrückständen abgestellt. Toiletten gibt es nicht. Die Kinder gehen nicht zur Schule, weil sie in den speziellen Einrichtungen in Anuradhapura oder Colombo keinen Platz finden – oder weil sie Angst haben vor der Diskriminierung, wenn man erfährt, aus welchem Dorf sie kommen (The Free Library 2024).

Eine Frau namens Nanda Rajapakse hat es geschafft. Sie ist die Einzige aus dem Dorf, die studieren konnte, und heute Universitätsabsolventin. Jahrelang versuchte sie, mit Experten von Universitäten die Sprache der Kinder zu verbessern. Aber die Kinder ahmen ihre Eltern nach, kommunizieren mit Gesten, werden praktisch stumm, obwohl sie hören könnten (The Free Library 2024).

[Wusstest du? In Thinipitiya gibt es Kinder, die hören können, aber trotzdem mit Gebärden aufwachsen – weil ihre Eltern taub sind. Sie sind zweisprachig in einer Welt, die für sie keine Sprache hat.]

Nalanie – eine Kämpferin aus Nilwella

Weiter südlich, im Distrikt Matara, liegt das Fischerdorf Nilwella. Hier lernte die Organisation Southern Fisheries Organization (SFO) eine Frau kennen, deren Geschichte zeigt, wie Empowerment wirklich aussehen kann. K.H. Nalanie war 54 Jahre alt, als sie den Organisatoren erstmals begegnete. Ihre beiden Kinder, damals 18 und 20, waren taub und hatten leichte geistige Behinderungen. Ihr Mann hatte keine feste Arbeit. Die Familie lebte in einer provisorischen Hütte (WODEP 2013).

Als die Organisatoren Nalanie fragten, was sie brauche, sagte sie nicht: „Gebt uns Geld.“ Sie sagte: „Wir wollen ein eigenes Geschäft.“ Ihr Mann wollte nicht zur See fahren – wer würde dann auf die Kinder aufpassen? Also schlug die Organisation eine Alternative vor: Kokosfaserproduktion. In der Region ist das üblich, und die Familie konnte von zu Hause aus arbeiten (WODEP 2013).

Nalanie und ihr Mann wurden in der Herstellung von Kokosfasern geschult, bekamen eine einfache Maschine und begannen zu arbeiten. Bald halfen auch die Kinder mit. Aus dem Geschäft wurde ein stabiles Einkommen. Aus Nalanie wurde eine Anführerin. Sie gründete Frauengruppen, übernahm den Vorsitz im Distriktkomitee der Fischereiorganisation und wurde schließlich in das nationale Komitee der National Fisheries Solidarity Organization (NAFSO) gewählt (WODEP 2013).

2013 wurde Nalanie als eine der hundert führenden ländlichen Frauen Asiens ausgezeichnet. Eine Frau, die nicht hören konnte, die in einer provisorischen Hütte lebte, deren Kinder taub waren – sie wurde zu einer Stimme für Tausende.

[Wusstest du? Nalanie ist heute Sekretärin des Distriktkomitees der Southern Fisheries Organization. Wenn es Probleme im Dorf gibt, ist sie immer die Erste, die sich einschaltet. Eine taube Frau, die für andere kämpft.]

Ein Netzwerk entsteht

Die Southern Fisheries Organization, in der Nalanie aktiv ist, hat heute 1.200 Mitglieder in 25 Dörfern des Matara-Distrikts (WODEP 2013). Sie ist Teil eines größeren Netzwerks, der National Fisheries Solidarity Organization (NAFSO), die sich landesweit für die Rechte von Fischern einsetzt.

Auch die ILO unterstützt mit ihrem LEED+-Projekt Fischergemeinden in der Nordprovinz, mit einem klaren Fokus auf Menschen mit Behinderungen, Jugendliche und weibliche Haushaltsvorstände (ILO 2023). Die Projekte umfassen Instandhaltungsarbeiten an Anlegestellen und Zugangswegen – einfache Maßnahmen, die aber Arbeitsplätze schaffen und die Gemeinschaft stärken.

Was bleibt

Die Geschichten aus Pamunugama, Thinipitiya und Nilwella sind unterschiedlich, aber sie erzählen dasselbe: Menschen mit Behinderungen in Fischergemeinden sind doppelt benachteiligt – durch ihre körperliche Einschränkung und durch die Isolation ihrer Gemeinschaft. Aber sie sind nicht hilflos.

Drei Hörgeräte in Pamunugama haben drei Menschen ein neues Leben geschenkt. In Thinipitiya kämpfen die Bewohner noch immer um Anerkennung. Und Nalanie in Nilwella hat gezeigt, was möglich ist, wenn jemand an sie glaubt und sie die Werkzeuge bekommt, die sie braucht.

In einer E-Mail an ihre Unterstützer schrieb die Organisation, die Nalanie begleitete: „Nalanie ist eine der starken Frauenführerinnen der SFO und NAFSO, die aus dem untersten sozialen Gefüge unserer Gesellschaft hervorgegangen ist und zu einer der hingebungsvollsten, mutigsten Frauenführerinnen geworden ist, die aus einem abgelegenen Dorf in Nilwella kommt“ (WODEP 2013).


Quellen:

ILO (2023): ILO supports crisis-hit Sri Lankan fishers. International Labour Organization. Verfügbar unter: https://www.ilo.org/global/about-the-ilo/multimedia/video/WCMS_874715/lang–en/index.htm

The Free Library (2024): Authorities turn a deaf ear to pleas from ‚Golu Gammanaya‘. Verfügbar unter: https://www.thefreelibrary.com/Authorities+turn+a+deaf+ear+to+pleas+from+%27Golu+Gammanaya%27.-a0807738180

WODEP (2013): Nalanie: A light house in fisheries society which is dark in the bottom of it. Women Development Programmes. Verfügbar unter: http://wodep.blogspot.com/2013/09/v-behaviorurldefaultvmlo.html

World Hearing Day (2022): Global Projects – Make them smile, Sri Lanka. Verfügbar unter: https://worldhearingday.org/detail-global-projects/entry/5658/

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