Blinde Schülerinnen programmieren in Äthiopien [Äthiopien]
Bethlehem Giday sitzt vor einem Laptop in einem Schulungsraum in Addis Abeba. Ihre Finger gleiten über die Tastatur, sie hört konzentriert zu, während eine synthetische Stimme ihr den Text auf dem Bildschirm vorliest. Die frühere Sozialarbeitsstudentin hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, jemals einen Job zu finden. „Es ist ein sehr gutes Training“, sagt sie. „Es wird mir sehr helfen, da ich jetzt in die Arbeitswelt übergehe“ (Anadolu Agency 2021). Bethlehem ist blind, und sie lernt programmieren.
[Wusstest du? In Äthiopien leben Schätzungen zufolge bis zu vier Millionen Menschen mit Sehbehinderung. Mehr als 90 Prozent der blinden Kinder gehen nicht zur Schule – viele von ihnen verlassen nie das Haus ihrer Eltern, weil Behinderung oft als Schande oder Strafe Gottes angesehen wird (TTAF o.D.).]
Ein unsichtbares Leben
Blinde Menschen in Äthiopien gehören zu den am stärksten marginalisierten Gruppen der Gesellschaft. Sie haben kaum Zugang zu Bildung, geschweige denn zu moderner Technologie. Die meisten sind wirtschaftlich völlig abhängig, 80 Prozent können nicht am Arbeitsleben teilnehmen und haben kein eigenes Einkommen (TTAF o.D.). Wer blind ist, wird oft versteckt – als Schande für die Familie, als Strafe Gottes gedeutet, eingesperrt in der eigenen Hütte.
Die wenigen, die eine Schule besuchen, kämpfen mit unüberwindbaren Hürden. Es fehlt an Lehrbüchern in Blindenschrift, an geschulten Lehrkräften, an barrierefreien Gebäuden. Die Universitäten sind seit 2006 zwar gesetzlich zur Inklusion verpflichtet, aber die Praxis sieht anders aus (Kebede 2024). Ohne Assistenz, ohne Hilfsmittel, ohne Perspektive brechen die meisten ab.
[Wusstest du? Die Ethiopian National Association of the Blind (ENAB) wurde bereits 1960 gegründet und vertritt heute über 17.000 Mitglieder. Sie kämpft seit Jahrzehnten für die Rechte blinder Menschen – gegen Stigma, gegen Diskriminierung, gegen Unsichtbarkeit (Kebede 2024).]
Die Organisation, die Hoffnung bringt
Mitten in Addis Abeba, in einem einfachen Gebäude, hat die Organisation „Together!“ ihren Sitz. Gegründet 2012 von einer Gruppe äthiopischer und deutscher Engagierter, hat sie sich zum Ziel gesetzt, blinden Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen (Hilfe für Afrika 2025). Ihr Ansatz ist ganzheitlich: Sie kümmern sich nicht nur um Bildung, sondern auch um Unterkunft, psychologische Betreuung und berufliche Perspektiven.
Besonders wichtig ist die Arbeit mit alleinerziehenden blinden Müttern. Viele von ihnen leben vom Betteln auf der Straße, sind traumatisiert, haben keine Perspektive. Together! bietet ihnen und ihren Kindern Obhut, betreut die Kleinen in einer Tagesstätte und ermöglicht den Müttern eine Berufsausbildung (Hilfe für Afrika 2025). Seit 2016 finanziert der Verein Hilfe für Afrika einen Großteil der Projektkosten, darunter auch die Ausbildungskosten für sehbehinderte Frauen.
Berhanu Belay, der Geschäftsführer von Together!, beschreibt die Herausforderungen: „Da die sehbehinderten Schüler aus benachteiligten Verhältnissen kommen, haben sie keinen Zugang zu Büchern in Blindenschrift und Audiomaterial. Sie bleiben auf sehende Menschen angewiesen, um Tests und Aufgaben zu schreiben, und brechen dann meist frühzeitig ab“ (Anadolu Agency 2021).
Computerunterricht für Blinde
Eine der wichtigsten Initiativen von Together! ist das Computer-Training. In den eigenen Schulungsräumen lernen blinde und sehbehinderte Menschen den Umgang mit Computern – ausgestattet mit spezieller Software, die ihnen den Bildschirm vorliest. JAWS (Job Access With Speech) heißt das Programm, das Text in Sprache umwandelt und den Nutzern erlaubt, E-Mails zu schreiben, im Internet zu surfen und sogar zu programmieren (Anadolu Agency 2021).
Derzeit nehmen 15 blinde Studierende an einem einjährigen Grundkurs teil. Bisher hat noch jeder die Abschlussprüfung bestanden. „Jedes Mal haben unsere Schüler die Prüfung bestanden, niemand ist durchgefallen“, sagt Berhanu Belay stolz (Anadolu Agency 2021).
Das Training ist nicht nur ein Selbstzweck. Es öffnet Türen zu weiterführenden Schulen, zu Universitäten, zu Arbeitsplätzen. Bethlehem Giday, die Absolventin, hat nach ihrer Ausbildung neue Hoffnung geschöpft. Sie kann jetzt selbstständig Informationen suchen, Bewerbungen schreiben, sich auf dem Arbeitsmarkt orientieren.
Inklusive Bildung als Modell
Während Together! vor allem junge Erwachsene erreicht, gibt es auch für Kinder erfolgreiche Modelle. Die German Church School in Addis Abeba ist eine der wenigen Schulen in Äthiopien, die Inklusion von Anfang an lebt (CBM 2023). Gegründet 1966 von der deutschsprachigen evangelischen Kirchengemeinde, werden hier seit 1990 blinde und sehende Kinder gemeinsam unterrichtet. 2019 kamen Kinder mit anderen Behinderungen hinzu.
Die Schule bereitet die blinden Kinder in Spezialkursen auf den gemeinsamen Unterricht vor – sie lernen Blindenschrift, Computerkenntnisse und Kommunikationstechniken. Ein Ressourcenzentrum stellt Lehrmittel für inklusive Bildung bereit, nicht nur für die eigene Schule, sondern für Lehrkräfte im ganzen Land (CBM 2023). Das Ergebnis: Die Kinder machen erfolgreich Abschlüsse, viele schaffen den Sprung auf die Universität.
2019 besuchten 368 Schüler die Schule, darunter 36 Mädchen und 40 Jungen mit Behinderungen. Für die Christoffel-Blindenmission, die das Projekt unterstützt, ist es ein Vorzeigemodell: „Eine Schule, die Schule machen kann!“ (CBM 2023).
Eine digitale Bibliothek für Blinde
Doch was nützt das beste Training, wenn danach keine Bücher und Materialien folgen? Auch hier setzt Together! an. Mit Förderung der Internet Society baute die Organisation die erste digitale Bibliothek für Blinde in Äthiopien auf (Internet Society 2016). „NoVA“ (Non-visual access to digital library) heißt das Projekt, das blinden Studierenden, Berufstätigen und Arbeitssuchenden den Zugang zu Online-Informationen ermöglicht.
Die Bibliothek bietet Bildschirmleseprogramme und -lupen in Amharisch und Englisch. Nutzer können ihre bevorzugte Sprache wählen, in Foren Erfahrungen austauschen und langfristig auch Hörbücher nutzen. Das Projektteam musste bei der Entwicklung Pionierarbeit leisten – die meisten Webentwickler in Äthiopien hatten keinerlei Erfahrung mit barrierefreiem Design. Nach langer Suche fand man eine Firma, die den Preis um 80 Prozent reduzierte, weil sie an die Idee glaubte (Internet Society 2016).
Woubakal Tesfaye, der Projektmanager von NoVA, erklärt die Vision: „NoVA wird nicht nur die erste digitale Bibliothek sein, die ausschließlich für Sehbehinderte in Äthiopien bestimmt ist, sondern sie wird auch ein Forum bieten, um eine Online-Blindengemeinschaft zu schaffen“ (Internet Society 2016).
Was bleibt
Bethlehem Giday hat ihr Training abgeschlossen. Sie sucht jetzt nach einem Job, bewirbt sich, nutzt die Fähigkeiten, die sie gelernt hat. Sie ist eine von wenigen, aber sie ist ein lebender Beweis dafür, dass es möglich ist.
Die Herausforderungen bleiben gewaltig. Die meisten Gebäude in Addis Abeba sind nicht barrierefrei, der Arbeitsmarkt diskriminiert systematisch, die Gesetze werden nicht durchgesetzt. Aber Organisationen wie Together!, die German Church School und die Ethiopian National Association of the Blind arbeiten jeden Tag daran, das zu ändern.
In den Schulungsräumen von Together! sitzen 15 blinde Schüler vor ihren Computern, hören den Stimmen ihrer Bildschirmlesegeräte zu und tippen Code-Zeilen, die sie selbst geschrieben haben. Sie sind die Pioniere einer Generation, die vielleicht eine andere Zukunft haben wird als ihre Eltern. Eine Zukunft, in der sie nicht versteckt werden, sondern sichtbar sind. In der sie nicht betteln, sondern arbeiten. In der sie nicht abhängig sind, sondern programmieren.
Quellen:
Anadolu Agency (2021): Computer-assisted learning helps blind in Ethiopia to seek jobs. Verfügbar unter: https://www.aa.com.tr/en/africa/computer-assisted-learning-helps-blind-in-ethiopia-to-seek-jobs/2437401
CBM (2023): Eine Schule für alle Kinder! – German Church School in Äthiopien. Verfügbar unter: https://www.cbm.de/unser-weltweites-engagement/afrika/hilfsprojekt-german-church-school-aethiopien.html
Hilfe für Afrika (2025): Together – Hilfe für blinde Menschen in Äthiopien. Verfügbar unter: https://hilfefuerafrika.de/alle-projekte/aethiopien/together-hilfe-fur-blinde-menschen-in-athopien/
Internet Society (2016): Case Study: Building the first digital library for visually impaired people in Ethiopia. Verfügbar unter: https://www.internetsociety.org/blog/2016/07/case-study-building-the-first-digital-library-for-visually-impaired-people-in-ethiopia/
Kebede, A. (2024): Educational access for blind individuals in Ethiopia. LinkedIn. Verfügbar unter: https://www.linkedin.com/pulse/educational-access-blind-individuals-ethiopia-abebe-kebede-zpgae
TTAF (o.D.): Secondary education for blind children. Verfügbar unter: https://www.ttaf.org/en/education/secondary-education-for-blind-children/
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