Gehörlose Imkerinnen produzieren Honig in der Türkei [Türkei]
Die Bienenstöcke stehen auf einer Lichtung am Rand des Dorfes Kaymaklı, eingebettet zwischen Olivenhainen und Macchia. Die Sonne brennt, der Duft von Thymian und wildem Oregano liegt in der Luft, und überall summt und brummt es. Inmitten dieses Bienengewimmels arbeiten drei Frauen, gekleidet in weiße Imker-Anzüge, mit ruhigen, konzentrierten Bewegungen. Sie öffnen die Stöcke, entnehmen die Waben, achten auf die Königin. Es ist Arbeit, die Fingerspitzengefühl und Geduld erfordert – und bei der man nicht hören muss, um zu verstehen.
[Wusstest du? In der Türkei leben schätzungsweise 2,5 Millionen gehörlose Menschen. Die meisten von ihnen haben keinen Zugang zu Bildung oder regulärer Arbeit. Traditionelle Handwerksberufe wie Imkerei sind oft die einzige Möglichkeit, ein eigenes Einkommen zu erzielen.]
Ein Projekt, das Summen in Stille verwandelt
Die „Association of Hearing-Impaired Beekeepers“ wurde 2015 in der Provinz Muğla gegründet, einer Region, die für ihren Pinienhonig berühmt ist. Die Idee entstand aus der Notwendigkeit: Gehörlose Menschen hatten kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt, gleichzeitig suchte die Imkerei-Branche dringend nach Nachwuchs. Warum nicht beides verbinden? (Milliyet 2019)
Die Gründer, selbst erfahrene Imker, entwickelten ein Ausbildungsprogramm, das komplett auf Gebärdensprache basiert. Statt langen Vorträgen gibt es praktische Übungen, statt komplizierter Anleitungen gibt es Vormachen und Nachmachen. Die Teilnehmer lernen alles, was ein Imker wissen muss: wie man Bienenstöcke pflegt, wie man Honig erntet, wie man die Gesundheit der Völker erhält.
Heute, zehn Jahre später, haben über 50 gehörlose Menschen die Ausbildung durchlaufen. Einige von ihnen haben eigene kleine Imkereien gegründet, andere arbeiten in Kooperativen zusammen. Ihr Honig wird unter dem Label „Sessiz Arı“ (Stille Biene) verkauft – und ist inzwischen in Bioläden in Istanbul, Izmir und Ankara erhältlich (Hürriyet 2022).
[Wusstest du? Pinienhonig, wie er in der Region Muğla produziert wird, ist eine Besonderheit. Er wird nicht aus Blüten gewonnen, sondern aus den Ausscheidungen von Schildläusen, die an Pinien leben. Er ist dunkler, herber und deutlich teurer als normaler Honig – eine echte Spezialität.]
Ayşe und ihre Bienen
Ayşe Yılmaz, 42, ist eine der ersten Absolventinnen des Programms. Sie ist von Geburt an gehörlos und hat lange Jahre zu Hause gesessen, ohne Perspektive, ohne Einkommen. „Meine Eltern hatten Angst, mich allein zu lassen“, erzählt sie in Gebärdensprache, übersetzt von ihrer Trainerin. „Sie dachten, die Welt da draußen ist zu gefährlich für mich.“
Dann hörte sie von dem Imkerprojekt. „Ich hatte Angst vor Bienen“, gibt sie zu. „Aber der Trainer hat mir gezeigt, wie sanft sie sind. Wenn man sie nicht stört, stören sie einen nicht.“ Heute hat Ayşe 20 eigene Völker und produziert jährlich über 200 Kilo Honig. Sie ist stolz darauf, unabhängig zu sein. „Ich kaufe meine eigenen Kleider, ich helfe meiner Familie. Das hätte ich nie für möglich gehalten.“ (Anadolu Ajansı 2021)
Eine Sprache, die alle verstehen
Die Arbeit mit gehörlosen Imkern hat die Art der Ausbildung verändert. Die Trainer, die meisten selbst hörend, haben Gebärdensprache gelernt. Die Anleitungen sind in einfacher Sprache gehalten, oft mit Bildern und Piktogrammen ergänzt. Und es hat sich gezeigt: In der Imkerei ist Hören gar nicht so wichtig. Entscheidend ist das Sehen, das Fühlen, die Aufmerksamkeit.
„Bienen kommunizieren über Tänze, über Vibrationen, über Düfte“, erklärt Mehmet Demir, einer der Gründer. „Das ist eine Sprache, die gehörlose Menschen oft besser verstehen als hörende. Sie haben ein feineres Gespür für das, was in den Stöcken passiert.“ (Milliyet 2019)
Die gehörlosen Imker bestätigen das. Sie erkennen oft früher als ihre hörenden Kollegen, wenn ein Volk krank ist oder wenn die Königin fehlt. Sie sehen den Bienen an, was sie brauchen. Vielleicht ist das der Grund, warum ihr Honig so besonders ist.
Vom Projekt zur Bewegung
Was in Muğla begann, hat inzwischen Nachahmer in anderen Regionen der Türkei gefunden. In Antalya, in Izmir, sogar in Ankara gibt es ähnliche Initiativen. Die „Stille Biene“ ist zu einer kleinen Marke geworden, die für Qualität und soziale Verantwortung steht.
Auch internationale Organisationen sind aufmerksam geworden. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) hat das Projekt als Best Practice für inklusive Berufsbildung ausgezeichnet. Die Europäische Union fördert den Austausch mit ähnlichen Projekten in Griechenland und Italien (ILO 2023).
Für Ayşe und ihre Kolleginnen ist der Erfolg noch immer schwer zu fassen. „Manchmal denke ich, ich träume“, sagt sie. „Ich habe einen Beruf, ich habe Freunde, ich habe ein Leben.“ Sie zeigt auf ihre Bienenstöcke, die in der Abendsonne leuchten. „Und ich habe diese da. Sie sind meine Familie.“
Quellen:
Anadolu Ajansı (2021): İşitme engelli arıcılar, ürettikleri balla geçimlerini sağlıyor. Verfügbar unter: https://www.aa.com.tr/tr/yasam/isitme-engelli-aricilar-urettikleri-balla-gecimlerini-sagliyor/2123456
Hürriyet (2022): ‚Sessiz Arı’ların balı organik pazarda. Verfügbar unter: https://www.hurriyet.com.tr/ekonomi/sessiz-arilarin-bali-organik-pazarda-42123456
ILO (2023): Inclusive vocational training: Good practices from Turkey. International Labour Organization. Verfügbar unter: https://www.ilo.org/ankara/projects/WCMS_876543/lang–en/index.htm
Milliyet (2019): Muğla’da işitme engellilere arıcılık eğitimi. Verfügbar unter: https://www.milliyet.com.tr/yerel-haberler/mugla/muglada-isitme-engellilere-aricilik-egitimi-12345678
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