Migranten erzählen ihre Geschichten durch Kunst in Mexiko [Mexiko]
Die Grenzstadt Tijuana ist ein Ort der Extreme. Hier treffen Armut und Hoffnung aufeinander, Abschiebung und Neuanfang, Verzweiflung und Widerstandskraft. Täglich kommen Hunderte Migranten an, aus Mittelamerika, aus Haiti, aus aller Welt. Viele von ihnen bleiben im Ungewissen – in einer Stadt, die nicht ihre ist, in einem Land, das sie nicht versteht. Eine Gruppe von Designstudenten des Tecnológico de Monterrey hat sich aufgemacht, ihre Geschichten zu hören. Herausgekommen sind drei interaktive Kunstinstallationen, die Migranten eine Stimme geben – ohne Worte, aber mit umso mehr Gefühl (delaO design studio 2024).
[Wusstest du? Tijuana beherbergt Dutzende Migrantenunterkünfte, in denen Menschen oft monatelang ausharren, während sie auf ihre Asylverfahren warten. Viele von ihnen sind traumatisiert, isoliert und haben keine Möglichkeit, ihre Geschichten zu erzählen.]
Ermittes Kampf mit der Sprache
Ermitte ist Haitianerin. Sie lebt jetzt in Tijuana, aber sie spricht weder Spanisch noch Englisch – nur Kreolisch. In einer Stadt, in der fast niemand ihre Sprache versteht, ist sie täglich mit Barrieren konfrontiert. Sie kann keine Behördenwege erledigen, keine Arbeit finden, keine Freundschaften schließen. Ihre Stimme ist da, aber niemand kann sie hören (delaO design studio 2024).
Die Studenten Alejandra Arano, Daniela Spíndola, Daniela Rodríguez und Samantha Alejandre haben ihr eine Stimme gegeben – in Form einer interaktiven Installation. Die Besucher werden eingeladen, ein verstecktes Gedicht zu entschlüsseln. Sie stoßen dabei auf genau die gleichen Barrieren wie Ermitte: eine Sprache, die sie nicht verstehen, ein System, das sich nicht erschließt. Die Maschine aus MDF, Acetat und 3D-gedruckten Teilen wird zum Spiegelbild ihrer täglichen Frustration (Dezeen 2024).
[Wusstest du? Das Team nutzte Arduinos und hinterleuchteten Druck, um die Installation zum Leben zu erwecken. Die Materialien – Aluminium, Acryl, Holz – wurden bewusst gewählt, um die Kälte und Härte der bürokratischen Maschinerie zu symbolisieren, mit der Migranten täglich konfrontiert sind.]
Marta blüht auf wie eine Iris
Marta ist 62 Jahre alt und kam aus Honduras nach Mexiko – aus Sicherheitsgründen, vor Gewalt geflohen. Mit einem humanitären Visum versucht sie nun, in Tijuana Fuß zu fassen. Aber der Neuanfang ist schwer. Sie ist allein, entwurzelt, einsam (delaO design studio 2024).
Die Studentinnen Daniella del Valle, Aline Cabrera und Illiana Cruz schufen für sie eine Installation namens „Xanti“, inspiriert von der Iris-Blume. Die Blüte steht geschlossen da, bis ein Besucher sich nähert, mit ihr interagiert. Dann öffnet sie sich langsam, entfaltet ihre Farben, wird lebendig. So wie Marta, die in Mexiko erst aufblüht, wenn sie Gemeinschaft findet, wenn Menschen sich ihr zuwenden. „Marta in Mexiko wird verglichen mit einer geschlossenen Blume, die sich öffnet, wenn sie mit ihren Lieben interagiert, ihre Einsamkeit lindert“ (Dezeen 2024).
Angie und das Chaos des Alltags
Angie kam aus Kolumbien. Ihre größte Herausforderung war nicht die Sprache, nicht das Geld, nicht die Bürokratie. Es war der Verlust ihres Alltags. In Kolumbien hatte sie eine Routine, einen Rhythmus, ein Leben, das sie kannte. In Mexiko ist nichts mehr, wie es war. Jeder Tag ist unberechenbar, chaotisch, fremd (delaO design studio 2024).
Sebastián Arroyo, Ana Karen Hernández, Brenda Lee und Paola Zárate übersetzten dieses Gefühl in eine Maschine, die Muster generiert – aber nur, solange niemand sie berührt. Sobald ein Besucher eingreift, gerät das System aus dem Takt, die Muster zerfallen, Chaos entsteht. Drei Stufen: Ordnung, menschliche Interaktion, Chaos. Genau wie Angies Leben, das sie nicht kontrollieren kann, egal wie sehr sie es versucht (Dezeen 2024).
Die Installation besteht aus Aluminium, Acryl, Sand und servomotor-gesteuerten Elementen – eine Maschine, die zeigt, was Migration mit einem Menschen macht: den Verlust jeder Kontrolle, jeder Routine, jeder Sicherheit.
Ein Projekt, das Brücken baut
Entstanden sind die Arbeiten im Kurs „Forma, función, sentido y valor“ unter der Leitung der Professoren José de la O, Pier Peruccio und Oscar Miranda. Die Studenten arbeiteten eng mit Centro32 zusammen, einer Organisation, die Kontakte zu Migranten vermittelte und half, die Interviews mit Einfühlungsvermögen und Respekt zu führen (Dezeen 2024).
Was dieses Projekt besonders macht: Es geht nicht darum, über Migranten zu sprechen. Es geht darum, mit ihnen zu sprechen – und ihnen dann die Bühne zu überlassen. Die Installationen sind keine Abbildungen, keine Dokumentationen. Sie sind Ermitte, Marta und Angie selbst, übersetzt in Holz, Metall und Licht.
[Wusstest du? Die Studenten arbeiteten mit ganz unterschiedlichen Migrantengruppen: mit Transgender-Personen, mit Mitgliedern der LGBTQ-Community, mit Menschen, die in die mexikanische Gesellschaft integriert sind, mit Ausländern in Mexiko und mit denen, die vor häuslicher Gewalt geflohen sind.]
Was bleibt
Die Installationen wurden im Tecnológico de Monterrey ausgestellt und später auf internationalen Designplattformen gezeigt. Sie haben nicht die Welt verändert, aber sie haben etwas vielleicht Wichtigeres erreicht: Sie haben Migranten eine Stimme gegeben. Und sie haben Besucher gelehrt, zuzuhören.
Ermitte, Marta und Angie sind keine Statistiken mehr. Sie sind Menschen mit Geschichten, mit Gefühlen, mit Träumen. Die Kunst hat ihnen zurückgegeben, was die Migration ihnen genommen hat: ihre Identität.
Quellen:
delaO design studio (2024): Migrant Emotions – Interactive Artifacts to Express Migrants‘ Emotional Needs. Verfügbar unter: http://www.delao.mx/academic-projects/migrant-emotions-4gkmy
Dezeen (2024): Instituto Tecnológico y de Estudios Superiores de Monterrey presents three student-designed installations. Verfügbar unter: https://www.dezeen.com/2024/10/29/monterreydesign-projects-dezeen-schoolshows/
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