Frauenorchester spielt im afghanischen Exil weiter [Portugal]
Der Probenraum liegt in einem unscheinbaren Gebäude in Braga, Portugals drittgrößter Stadt, nur einen Steinwurf von der ältesten Kathedrale des Landes entfernt. Durch die offenen Fenster dringen die komplexen Klänge einer Sitar, vermischt mit westlichen Streichern. Drinnen probt das Zohra Orchestra – das erste und einzige Frauenorchester Afghanistans. Vor drei Jahren spielten sie noch in Kabul, bis die Taliban kamen und ihnen das Leben zur Hölle machten. Heute proben sie im Exil, bewahren die Musik ihrer Heimat und geben denen eine Stimme, die zum Schweigen verdammt sind (Afghanistan Peace Campaign 2024).
[Wusstest du? Das Zohra Orchestra wurde 2015 gegründet und nach der persischen Musikgöttin benannt. Es war das erste rein weibliche Orchester in der Geschichte Afghanistans – ein revolutionäres Projekt in einem Land, in dem Musik für Frauen jahrzehntelang verboten war (Wikipedia 2024).]
Die Flucht vor den Taliban
Als die Taliban im August 2021 Kabul übernahmen, wusste Ahmad Sarmast, der Gründer des Afghanistan National Institute of Music (ANIM), sofort, dass seine Schützlinge in höchster Gefahr schwebten. Sein Institut stand ganz oben auf der Abschussliste der Taliban. Schon Jahre zuvor hatten sie ein Konzert bombardiert, bei dem Sarmast schwer verletzt wurde (NBC News 2024).
„Unser Institut war ein Symbol des Fortschritts, der Menschenrechte und der Selbstbestimmung von Frauen“, sagt Sarmast. „Genau das, was die Taliban hassen.“ (Afghanistan Peace Campaign 2024) Von seinem Urlaub in Australien aus startete er eine dramatische Rettungsaktion. Er schrieb verzweifelte Briefe an Regierungen auf der ganzen Welt und bat um Asyl für seine 280 Schüler und Lehrer.
Nur ein Land antwortete prompt: Portugal. Premierminister António Costa sagte persönlich zu, die gesamte Gruppe aufzunehmen (Spiegel 2023). Was folgte, war ein Monate langer Kampf um Visa, Flüge und sichere Ausreise – immer mit der Angst, dass die Taliban jeden Moment zuschlagen könnten.
[Wusstest du? Die Evakuierung des Orchesters gelang nur durch eine beispiellose internationale Zusammenarbeit. Qatar vermittelte, Portugal gewährte Asyl, und der Polar Music Prize sowie Spotify finanzierten den Flug von Doha nach Lissabon mit einer Spende in letzter Minute (Cision News 2021).]
Eine Geigerin findet ihre Stimme wieder
Sevinch Majidi war 17 Jahre alt, als die Taliban kamen. Sie spielte die erste Geige im Zohra Orchestra. Heute lebt sie in Braga und probt täglich mehrere Stunden. „Musik heißt für mich Leben“, sagt sie. „Wenn ich mein Instrument habe, atme ich. Sonst nicht.“ (Spiegel 2023)
Ihre Geschichte ist exemplarisch für viele der jungen Musikerinnen. Mit neun Jahren gab ihre Mutter sie in ein Waisenhaus, damit sie überhaupt eine Schule besuchen konnte – in ihrem Heimatdorf im Norden gab es keine Mädchenschule. Heute verkörpert sie alles, „was die Taliban genau nicht wollen: eine junge, selbstbestimmte Frau, die in einem prominenten Orchester eine Führungsrolle besetzt“ (Spiegel 2023).
Trotz ihres erfolgreichen Neuanfangs in Portugal quält die Musikerinnen der Schmerz über ihre zurückgelassenen Familien und Schwestern. Dennoch, schreibt der Spiegel, stehen sie für „die Hoffnung, dass die afghanische Kunst gerettet werden kann und überlebt, sogar die Taliban“ (Spiegel 2023).
Von Kabul nach Carnegie Hall
Im August 2024, drei Jahre nach ihrer Flucht, betrat das Zohra Orchestra die Bühne der Carnegie Hall in New York. Ein Jahr zuvor hatten sie bereits im Kennedy Center in Washington gespielt. „Jede Note, die wir heute spielen, ist eine Protestnote und die Stimme von Millionen Afghanen, die zum Schweigen gezwungen wurden“, sagte Sarmast vor dem Konzert (NBC News 2024).
Für die jungen Musikerinnen sind diese Auftritte mehr als nur Konzerte. Sie sind ein Beweis, dass die Taliban sie nicht besiegen konnten. Farida Ahmadi, 15, spielt Violine. Sie lebt jetzt in Braga, fern von ihrer Familie in Kabul. „Als ich übe oder Trompete spiele, fühle ich, dass alles gut wird“, sagt ihre Cousine Zohra. „Meine Familie wird kommen, die Taliban werden weg sein, und es fühlt sich einfach gut an.“ (NBC News 2024)
Ein stilles Afghanistan
Während die Musikerinnen im Exil auftreten, ist Afghanistan musikalisch verstummt. Die Taliban haben Musik verboten, Instrumente werden zerstört, Musiker verstecken sich oder fliehen. „Afghanistan ist heute eine völlig stille Nation“, sagt Sarmast. „Musik zu lernen ist ein Verbrechen. Musik zu spielen ist ein Verbrechen. Musik zu hören ist ein Verbrechen.“ (Afghanistan Peace Campaign 2024)
Für Sarmast ist die Arbeit in Portugal deshalb mehr als nur Ausbildung. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. „Wenn die Taliban lange genug an der Macht bleiben, werden viele dieser musikalischen Traditionen innerhalb von fünf, zehn Jahren verloren sein, denn afghanische Musik ist eine mündliche Überlieferung.“ (Afghanistan Peace Campaign 2024)
[Wusstest du? Das Zohra Orchestra tourte vor der Machtübernahme durch die ganze Welt. Sie spielten 2017 in Davos vor den Mächtigen des World Economic Forum und 2019 in der Sydney Opera House vor über 1.500 Zuschauern (Wikipedia 2024).]
Ein neues Zuhause in Braga
Heute leben etwa 70 Musiker und Lehrer in Braga. Die unbegleiteten Minderjährigen sind in zwei Heimen untergebracht und besuchen lokale Schulen. Die Älteren studieren am Konservatorium. Am Wochenende proben sie gemeinsam, studieren afghanische und westliche Musik, träumen von der Zukunft (Afghanistan Peace Campaign 2024).
Die portugiesische Regierung hat kürzlich zugestimmt, dass die Familien der Musiker nachkommen dürfen. Ein genaues Datum gibt es noch nicht, aber die Aussicht lässt die jungen Musikerinnen hoffen. „Wir warten darauf“, sagt Sarmast. „Alle Kinder werden dann mit ihren Familien vereint sein.“ (Afghanistan Peace Campaign 2024)
Farida Ahmadi hat noch einen anderen Schatz aus Kabul mitgebracht: eine kleine Plastikdose mit Steinen und Erde vom Familiengrab. „Es war schwer, meine Familie zurückzulassen“, sagt sie. „Aber wenn ich spiele, fühle ich mich ihnen nah.“ (NBC News 2024)
Quellen:
Afghanistan Peace Campaign (2024): ‚The Taliban tried to silence us‘: the musicians who escaped to Portugal. Verfügbar unter: https://afghanistanpeacecampaign.org/2024/07/24/the-taliban-tried-to-silence-us-the-musicians-who-escaped-to-portugal/
Cision News (2021): Afghanistan National Institute of Music on solid ground in Portugal with help from a Swedish initiative. Verfügbar unter: https://news.cision.com/beredskapslyftet/r/afghanistan-national-institute-of-music-on-solid-ground-in-portugal-with-help-from-a-swedish-initiat,c3471139
NBC News (2024): From Kabul to Carnegie Hall: How an orchestra defied the Taliban to carry on playing. Verfügbar unter: https://www.nbcnews.com/news/world/taliban-afghanistan-orchestra-music-ban-carnegie-hall-portugal-rcna181146
Spiegel (2023): Alles Gute vom SPIEGEL: Wie ein afghanisches Frauenorchester in Portugal auflebt. Verfügbar unter: https://www.spiegel.de/ausland/spiegel-newsletter-wie-ein-afghanisches-frauen-orchester-in-portugal-auflebt-a-02aa34d8-2f55-442b-86fd-b6cac939d696
Wikipedia (2024): Zohra Orchestra. Verfügbar unter: https://en.wikipedia.org/wiki/Zohra_Orchestra
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