Syrische Köchinnen kochen mit Deutschen – „Schmeck nei!“ in Ludwigsburg [Deutschland]

Jehan Alali deutet auf die Flasche Olivenöl. „Jawohl“, sagt Andreas, holt die Flasche und drückt sie ihr in die Hand. Alali kippt den Inhalt in die Schüssel vor sich. „Boah, isch des viel Öl. Des schwimmt ja im Öl“, staunt Renate. Warum sie zwei verschiedene Öle, Sonnenblumenöl und Olivenöl, verwendet habe, fragt Renate. Jehan Alali zuckt mit den Schultern. „Lecker“, antwortet sie und lacht verschmitzt (Stuttgarter Zeitung 2025).

Diese Szene spielt sich nicht in einer syrischen Küche ab, sondern im „Schnäppchen und Häppchen“ in Ludwigsburg – einem Secondhandladen und Begegnungscafé. Jehan Alali ist eine von vielen geflüchteten Frauen, die beim Projekt „Schmeck nei!“ der Ökumenischen Fachstelle Asyl zu Köchinnen werden und Deutschen ihre Küche näherbringen. Ein Rollentausch mit Folgen.

[Wusstest du? „Schmeck nei!“ ist Schwäbisch und bedeutet so viel wie „Schmeck herein“ oder „Probier mal“. Der Name ist Programm – es geht ums Kennenlernen, ums Probieren, ums Miteinander. Die Teilnahme ist kostenlos, die Köchinnen bekommen eine Bühne und Wertschätzung.]

Ein Projekt, das Brücken baut

„Gemeinsames Kochen fördert den interkulturellen Austausch, den Abbau von Vorurteilen und das Kennenlernen“, beschreibt die Ökumenische Fachstelle Asyl die Idee hinter „Schmeck nei!“ (Fachstelle Asyl 2026). Menschen aus aller Welt zeigen, wie viel Kultur, Wissen und Engagement sie mitbringen. Beim gemeinsamen Tun entsteht Wertschätzung – eine starke Basis für echte Integration. Sprache ist dabei sekundär (Fachstelle Asyl 2026).

Das Prinzip ist einfach, aber genial: Geflüchtete werden zu Kursleiterinnen, kochen ihr Lieblingsgericht, und die Gruppe lernt und hilft mit. Die Fachstelle organisiert eine Küche – oft in Kirchengemeinden oder städtischen Räumen – hilft bei Planung und Werbung. Für die Köchinnen entstehen keine Kosten, und die Teilnahme ist für alle Gäste kostenlos (Fachstelle Asyl 2026).

Von syrischen Weinblättern bis zu ukrainischen Pampuschki

Die Bandbreite der Kochabende ist beeindruckend. Am 25. September 2025 trafen sich 18 Personen im Ludwigsburger „Schnäppchen und Häppchen“, um unter Anleitung von Jehan Alali syrische Spezialitäten zuzubereiten: Reis in aufgerollten Weinblättern, im Backofen gebackene Hähnchenschlegel mit Kartoffeln, Mujaddara (ein Linsengericht) sowie Salat, Hummus und arabisches Fladenbrot (Fachstelle Asyl 2025). Die Stuttgarter Zeitung war live dabei und hielt die staunenden Gesichter der Schwaben fest (Stuttgarter Zeitung 2025).

Am 30. Januar 2026 lud die evangelische Frauengruppe „Weibsbilder“ aus Eglosheim zum gemeinsamen Kochen ein. Unter Anleitung von Frau Gönül wurde Kısır, ein türkisch-kurdischer Bulgursalat, zubereitet. Beim gemeinsamen Essen erzählte Frau Gönül von ihren Lebensumständen in Deutschland. „Es war ein lustiger und leckerer Nachmittag, der bei allen den Wunsch nach einer Wiederholung geweckt hat“ (Fachstelle Asyl 2025).

Am 8. März 2026 zauberte Köchin Aurika im evangelischen Amandus-Gemeindehaus in Freiberg ein üppiges ukrainisches Buffet: Borschtsch mit Knoblauchbrötchen (Pampuschki), Kohlrouladen (Golubzej), gefüllte Pfannkuchen (Banderiki) und mehr. Für manche Teilnehmer war es wie ein Festessen in der Heimat, andere entdeckten die ukrainische Küche neu (Fachstelle Asyl 2025).

[Wusstest du? Bisher gab es Kochabende mit syrischer, afghanischer, ukrainischer, türkisch-kurdischer, iranischer, georgischer und irakischer Küche. Jedes Mal entstehen neue Kontakte – manchmal sogar neue Kochgruppen, die sich regelmäßig treffen.]

Ein Rollenwechsel mit Tiefgang

Für viele der geflüchteten Köchinnen bedeutet das Projekt mehr als nur ein paar Stunden in der Küche. Sie, die in Deutschland oft Hilfe suchen und auf Unterstützung angewiesen sind, werden hier zu Expertinnen, zu Lehrerinnen, zu Gastgeberinnen. Sie erleben Wertschätzung für ihr Wissen, ihre Kultur, ihre Fähigkeiten.

Jehan Alali, die mit ihren Gerichten die Ludwigsburger zum Staunen brachte, ist dafür das beste Beispiel. Ihre Reaktion auf Renates Frage nach den zwei Ölsorten – ein achselzuckendes „Lecker“ – zeigt mehr als jede lange Erklärung: Kochen ist eine Sprache, die alle verstehen. Und manchmal sind die besten Antworten die einfachsten.

Ahmad Eintar, Asylantragsteller aus Syrien, bereitete im November 2025 gemeinsam mit Freunden in Gerlingen ein syrisches Buffet zu. Drei Stunden lang wurde geschnippelt, geknetet, gewickelt. Wo Deutsch oder Englisch nicht reichten, halfen Hände und Füße, der Handyübersetzer – und vor allem: ein Lächeln. Am Ende gab es Tabbouleh, Hummus, Sarma (gefüllte Weinblätter) und Maklouba, einen würzigen Gemüsereis auf Hähnchenteilen (Fachstelle Asyl 2025).

Neue Termine für 2026

Das Projekt läuft auf Hochtouren. Für 2026 sind bereits neue Termine geplant: Am 9. März findet ein Kochabend in Freiberg am Neckar statt, am 20. März um 17.15 Uhr in Ludwigsburg anlässlich der Wochen gegen Rassismus. Gekocht wird das afghanische Reisgericht Kabuli Palau (mit Fleisch) im „Schnäppchen und Häppchen“ (Fachstelle Asyl 2026).

Die Anmeldung läuft über Steffen Benzler von der Caritas (benzler.st@Caritas-DICVRS.de oder 0151 7090 1047). Die Teilnahme ist kostenlos, die Plätze sind begrenzt (Fachstelle Asyl 2026).

Ein Modell für Integration

Was in Ludwigsburg begann, hat sich längst auf den ganzen Landkreis ausgeweitet. In Freiberg, Remseck, Bietigheim, Vaihingen an der Enz und Gerlingen fanden bereits Kochabende statt, oft in Kooperation mit den örtlichen Kirchengemeinden oder der Stadt (Fachstelle Asyl 2025).

Das Erfolgsrezept ist einfach: niedrigschwellige Begegnungen auf Augenhöhe, bei denen beide Seiten profitieren. Die Deutschen lernen neue Gerichte und neue Perspektiven kennen. Die Geflüchteten erleben, dass ihr Wissen gefragt ist und dass sie etwas zu geben haben. Beim gemeinsamen Schnippeln, Braten und Essen verschwinden Vorurteile – und am Ende sitzen alle zufrieden am selben Tisch.

Die Ökumenische Fachstelle Asyl sucht übrigens immer neue Kochkursleiter: Wer sein Lieblingsgericht vorstellen möchte, kann sich melden. Voraussetzungen: Grundkenntnisse in Deutsch oder jemand, der übersetzen kann, Freude an echter Begegnung – und natürlich die Fähigkeit, ein Gericht zu kochen (Fachstelle Asyl 2026). Der Rest findet sich von selbst. Irgendwann, zwischen Kümmel und Kardamom, zwischen Olivenöl und Granatapfelkernen, wird aus Fremden eine Tischgemeinschaft.


Quellen:

Fachstelle Asyl (2026): Kochprojekt „schmeck nei!“. Ökumenische Fachstelle Asyl Ludwigsburg. Verfügbar unter: https://www.fachstelle-asyl.de/mitmachen/schmeck-nei

Fachstelle Asyl (2025): Rückblick SCHMECK NEI. Ökumenische Fachstelle Asyl Ludwigsburg. Verfügbar unter: https://www.fachstelle-asyl.de/mitmachen/schmeck-nei/vergangene-kocha

Stuttgarter Zeitung (2025): Syrisch kochen und Schwaben staunen – Kochkurs bringt Ludwigsburger zusammen. 29.09.2025. Verfügbar unter: https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kochprojekt-schmeck-nei-syrisch-kochen-und-schwaben-staunen-kochkurs-bringt-ludwigsburger-zusammen.e5a75375-95a9-46a6-8bea-f4fda6d531cc.html

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