Schüler-Gericht urteilt über Schulregeln in Dänemark [Dänemark]

Die Klasse sitzt im Kreis. In der Mitte liegt ein Stein, nur wer ihn hält, darf sprechen. Ein Schüler berichtet, dass er sich von einem Mitschüler ausgegrenzt fühlt. Die anderen hören zu, stellen Fragen, versuchen zu verstehen. Am Ende einigt sich die Gruppe auf eine Lösung: Die beiden sollen eine Woche lang gemeinsam ein Projekt bearbeiten – um sich besser kennenzulernen. Kein Lehrer hat das Urteil gefällt. Die Schüler selbst haben entschieden. In Dänemark ist das keine Ausnahme, sondern gelebte Schulkultur.

[Wusstest du? Seit 1993 ist Empathie als soziales Lernformat verbindlich in jeder dänischen Folkeskole verankert. Etwa eine Stunde pro Woche erhalten Schüler Raum, über Gefühle, Konflikte und Herausforderungen zu sprechen – mit dem Ziel, zuzuhören, sich in andere hineinzuversetzen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln (keg-bayern.de 2026).]

Wenn Schüler über Schüler urteilen

In Dänemark haben Schüler an vielen Schulen weitreichende Mitbestimmungsrechte. Nicht nur bei der Gestaltung des Unterrichts, sondern auch bei Regelverstößen ihrer Mitschüler. Das Konzept heißt „Medbestemmelse“ – Mitbestimmung – und ist tief in der dänischen Bildungstradition verwurzelt (bllv.de 2026).

Die Idee ist einfach: Wer Regeln mitgestaltet, akzeptiert sie eher. Und wer über Verstöße seiner Mitschüler urteilt, entwickelt Verantwortungsgefühl und Gerechtigkeitssinn. In der Praxis sieht das so aus, dass Klassen eigene Regeln entwickeln und bei Konflikten selbst nach Lösungen suchen – unterstützt von Lehrkräften, aber nicht bevormundet.

Jede Klasse entwickelt in Zusammenarbeit mit ihren Lehrerinnen und Lehrern, insbesondere mit dem Klassenteam, eigene Regeln, an die sich alle Mitglieder der Klasse halten sollen, sowie Maßnahmen bei Nichteinhaltung. Im Zentrum dieser Regeln stehen die von allen beschlossenen Grundhaltungen (Deutsches Gymnasium für Nordschleswig 2025). Die Schulleitung bleibt zwar übergeordnete Instanz, aber der erste Schritt der Konfliktlösung liegt bei den Schülern selbst.

Empathie als Schulfach

Dieser Ansatz ist kein Zufall, sondern Teil einer durchdachten Bildungspolitik. Seit über 30 Jahren ist Empathie fester Bestandteil des dänischen Schulalltags. In regelmäßigen Unterrichtseinheiten – etwa eine Stunde pro Woche – sprechen Kinder und Jugendliche über ihre Gefühle, Konflikte und Herausforderungen (keg-bayern.de 2026).

Ziel ist es, die eigene Situation reflektieren zu lernen, zuzuhören und sich in andere hineinzuversetzen. Gemeinsam werden Lösungsstrategien entwickelt, um konkrete Unterstützung zu ermöglichen und das Klassenklima zu stärken. Dieser Ansatz verfolgt eine klare präventive Zielsetzung: Mobbing, Ausgrenzung und herabwürdigendes Verhalten sollen frühzeitig erkannt und verhindert werden (keg-bayern.de 2026).

Die Wirksamkeit dieses Modells ist beeindruckend. Laut einer Studie der HBSC-Reihe des dänischen Instituts für öffentliche Gesundheit sank der Anteil der Jugendlichen, die regelmäßig Opfer von Mobbing wurden, von 24,4 Prozent im Jahr 1994 auf 6,3 Prozent im Jahr 2022. Dänemark zählt damit europaweit zu den Ländern mit den niedrigsten Mobbingraten (keg-bayern.de 2026).

Vom Klassenrat zur Schulordnung

Die Mitbestimmung der Schüler endet nicht im Klassenzimmer. In vielen dänischen Schulen sind Schülervertreter an der Entwicklung der Schulordnung beteiligt. Am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig wurde die Schulordnung beispielsweise auf Beschluss der Lehrerkonferenz und der Schülervertretung mit Zustimmung des Gymnasiumausschusses erlassen (Deutsches Gymnasium für Nordschleswig 2025).

Bei Verstößen gegen die Schulordnung gibt es ein gestuftes System von Maßnahmen: von mündlichen Verwarnungen über schriftliche Abmahnungen bis hin zu Schulverweisen bei schwerwiegenden oder wiederholten Verstößen (Deutsches Gymnasium für Nordschleswig 2025). Aber auch hier gilt: Die Schüler werden in Entscheidungen einbezogen, soweit es möglich ist.

An der Deutschen Schule Sonderburg ist die Regelung sogar noch strenger: Handys sind während der gesamten Schulzeit – auch in Pausen – auf dem gesamten Schulgelände verboten (Deutsche Schule Sonderburg o.D.). Auch solche Regeln werden gemeinsam mit Schülern entwickelt und diskutiert.

*[Wusstest du? In Dänemark werden regelmäßig nationale Erhebungen zum Wohlbefinden („Wellbeeing“) in allen Klassenstufen der Primar- und Sekundarstufe I durchgeführt. Die Ergebnisse fließen direkt in die Schulentwicklung ein (bllv.de 2026).]*

Wenn Schüler zu streng urteilen

Doch nicht alle sind mit der dänischen Linie einverstanden. Bildungsminister Mattias Tesfaye (Soz.) will Schüler, die sich übergriffig verhalten, zukünftig vermehrt vom Unterricht ausschließen lassen. Eine Untersuchung seines Ministeriums hatte ergeben, dass sich das Sozialverhalten vieler Schüler in eine bedenkliche Richtung entwickelt. Insbesondere der Sprachgebrauch sei geprägt von einer Härte, die in dieser Form so bisher nicht zu erkennen war (nordschleswiger.dk 2024).

Gordon Ørskov Madsen, Vorsitzender der dänischen Lehrergewerkschaft, sieht in Tesfayes Plänen jedoch nicht den richtigen Ansatz. Schulverweise seien nur bei sehr schweren Verstößen gegen die Schulordnung angebracht. Konflikte müssten eingedämmt werden, bevor es zum Ernstfall kommt – genau das, was die Empathie-Programme leisten sollen (nordschleswiger.dk 2024).

Was Deutschland von Dänemark lernen kann

Eine Delegation von Studierenden und Lehrkräften des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) besuchte kürzlich Schulen in Kopenhagen und war beeindruckt. „In Dänemark durften wir es erleben: Bildungspolitische Konzepte werden mit den zukünftigen Herausforderungen begründet und in hoher Eigenverantwortung umgesetzt. Schulen werden ermutigt, Neues auszuprobieren. Es herrscht eine positive Fehlerkultur“, resümiert Sabine Bösl, Leiterin der Abteilung Schul- und Bildungspolitik im BLLV (bllv.de 2026).

Die deutschen Lehrkräfte staunten über die ruhige Arbeitsatmosphäre und die vertrauensvolle Beziehung zwischen Schülern und Lehrkräften – die sich in Dänemark übrigens grundsätzlich mit „Du“ ansprechen (bllv.de 2026). Ein Ansatz, der zeigt: Demokratie lernt man nicht aus Büchern, sondern durch gelebte Praxis. Vom Klassenrat bis zur Schulordnung, vom Streitgespräch bis zum Urteil über Mitschüler – dänische Schüler üben täglich, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen.


Quellen:

keg-bayern.de (2026): Blick nach Dänemark: Schule, die mehr kann als Wissen vermitteln. Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband. Verfügbar unter: https://www.keg-bayern.de/publikationen/bildungsmagazin-cb/cb-01/2026/blick-nach-daenemark-schule-die-mehr-kann-als-wissen-vermitteln

bllv.de (2026): Es geht auch anders: Der BLLV zu Gast in Dänemark. Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband. Verfügbar unter: https://www.bllv.de/vollstaendiger-artikel/news/geht-anders-bllv-zu-gast-daenemark-5963

Deutsches Gymnasium für Nordschleswig (2025): Schulordnung. Verfügbar unter: https://deutschesgym.dk/schulordnung/

nordschleswiger.dk (2024): Schulordnung: Tesfaye setzt verstärkt auf Schulverweise. Verfügbar unter: https://www.nordschleswiger.dk/beruf-ausbildung/schulordnung-tesfaye-setzt-verstaerkt-auf-schulverweise/269540

Deutsche Schule Sonderburg (o.D.): Schulregeln. Verfügbar unter: https://ds-sonderburg.dk/schulregeln/

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