Indigene Frauen übernehmen Polizeiarbeit in Mexiko [Mexiko]

In Atizapán de Zaragoza, einer Stadt im Bundesstaat México, wurde im Juli 2024 ein ungewöhnliches Projekt gestartet: der erste Modul der „Mujeres Vigilantes“ – Frauen, die in ihren eigenen Gemeinden für Sicherheit sorgen. Betrieben wird es von der Asociación Civil Mujeres Abrazando México, in Zusammenarbeit mit der staatlichen Frauenbehörde Semujeres und der Kommunalregierung. Es ist mehr als eine Polizeistation. Es ist ein Ort, an dem Frauen nicht nur geschützt werden, sondern selbst zu Beschützerinnen werden (Foro1025 2024).

[Wusstest du? In Mexiko gibt es über 68 indigene Völker mit jeweils eigenen Sprachen und Rechtstraditionen. Die Forderung nach einer „Policía Comunitaria“ – einer Gemeindepolizei, die von den Gemeinden selbst kontrolliert wird – hat eine lange Geschichte, besonders im Bundesstaat Guerrero.]

Ein Modul, das Frauen eine Stimme gibt

Das Modul der Mujeres Vigilantes ist kein gewöhnlicher Polizeiposten. Es wurde geschaffen, um Fälle von Gewalt gegen Frauen zu erfassen, zu lokalisieren und an die richtigen Stellen weiterzuleiten. Es bietet Schutz und Orientierung – und das ausdrücklich für Frauen mit unterschiedlichsten Hintergründen: indigene Frauen, Frauen mit Behinderungen, Frauen der sexuellen Vielfalt (Foro1025 2024).

Bei der Eröffnung betonte Monserrat Herrera Mejía, Direktorin für Gleichstellung der Frauenbehörde, dass dieses Projekt Teil einer umfassenderen Agenda ist. Es gehe um wirtschaftliche Stärkung, nachhaltige Entwicklung und vor allem um das Grundrecht auf ein Leben ohne Gewalt (Foro1025 2024).

Emma Obrador, Vertreterin der „Caravanas por la Igualdad Sustantiva“, nannte das Modul eine „kollektive Konstruktion“, ein Werk sozialer Verantwortung. Sie dankte den Behörden für ihr Interesse und betonte, wie wichtig es sei, Brücken zu den verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren zu bauen, um die Bedürfnisse der Mädchen, Jugendlichen und Frauen in den Gemeinden wirklich zu verstehen (Foro1025 2024).

[Wusstest du? Die „Caravanas por la Igualdad Sustantiva“ sind mobile Einheiten, die in ländlichen und indigenen Gebieten Mexikos unterwegs sind, um Frauen über ihre Rechte aufzuklären und Unterstützung anzubieten.]

Die Tiefe des Konflikts: Indigene Frauen und staatliche Gewalt

Während Projekte wie die Mujeres Vigilantes staatlich gefördert werden, zeigen andere Regionen ein viel problematischeres Bild. Im Bergland von Guerrero, einer der ärmsten und am stärksten von Gewalt betroffenen Regionen Mexikos, haben indigene Frauen immer wieder Gewalt durch staatliche Sicherheitskräfte erlebt.

Die Anthropologin Mariana Mora dokumentierte in einer Studie, wie eine Gruppe von Frauen in der Nahua-Gemeinde Atlixcala versuchte, ihre Erlebnisse zu schildern: Die Polizei war in ihr Dorf eingedrungen, hatte sechs Jugendliche willkürlich festgenommen. Die Frauen organisierten sich, stellten den Polizeiwagen am Ortseingang, warfen Steine und erzwangen die Freilassung der Jugendlichen – gegen die Herausgabe eines Polizisten als Pfand (Mora 2017).

Doch ihre Stimmen wurden überhört. Als sie ihre Geschichte in einem Workshop erzählten, war ihre Erzählung emotional, sprunghaft, voller Wut und Trauer. Ein männlicher Gemeindevertreter unterbrach sie, ordnete ihre Worte, strukturierte ihre Erfahrung in eine „vernünftige“ Chronologie – und nahm ihnen damit die Deutungshoheit über das eigene Erlebte (Mora 2017).

Diese Episode zeigt ein tieferliegendes Problem: Indigene Frauen werden nicht nur von staatlicher Gewalt getroffen, sondern auch von patriarchalen Strukturen innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaften zum Schweigen gebracht.

Forschung als Brücke

Seit den 1990er Jahren versuchen Wissenschaftlerinnen wie Rosalva Aída Hernández Castillo und María Teresa Sierra Camacho, genau diesen Widerspruch aufzubrechen. In ihrer Forschung zur indigenen Frauenbewegung setzen sie auf einen kollaborativen Ansatz: Nicht über Frauen zu forschen, sondern mit ihnen. In zahlreichen Workshops und gemeinsamen Projekten entstand ein Dialog zwischen Anthropologinnen und indigenen Aktivistinnen, der neue Perspektiven auf Justiz, Geschlecht und kulturelle Rechte eröffnete (CIESAS 2024).

Ihr 2024 erschienenes Buch „Género y acceso a la justicia“ dokumentiert diesen Prozess. Es zeigt, wie indigene Frauen begonnen haben, ihre Rechte sowohl als Frauen als auch als Angehörige ihrer Völker einzufordern – und wie sie dabei auf Widerstand von allen Seiten stoßen (CIESAS 2024).

Unterstützung von außen

Auch internationale Organisationen haben die Bedeutung dieser Arbeit erkannt. Das UNODC (Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung) arbeitet seit Jahren mit den „Casa de la Mujer Indígena“ (CAMI) zusammen – Organisationen, die von indigenen Frauen selbst geführt werden und in Gemeinden in Puebla, Veracruz und Baja California tätig sind (UNODC 2021).

Sie bieten Rechtsberatung, psychologische Hilfe und medizinische Versorgung für Frauen, die Gewalt erlebt haben – in ihren eigenen Sprachen, mit Respekt vor ihren kulturellen Traditionen. 2021 besuchte UNODC drei dieser Häuser, um gemeinsam mit den lokalen Frauen Materialien gegen Menschenhandel zu entwickeln: Lotterie-Spiele, Memory, Bildergeschichten auf Spanisch, Totonakisch und Mixtekisch (UNODC 2021).

Irma Miranda Tello von der CAMI Ve’e Naxihi in San Quintín sagte damals: „Diese Botschaften ermöglichen es uns, unsere Augen und unseren Geist zu öffnen, um die Probleme zu erkennen, die indigene Menschen durchmachen.“ (UNODC 2021)

Ein langer Weg

Die Mujeres Vigilantes in Atizapán sind ein Schritt in die richtige Richtung. Aber sie sind nur ein kleiner Teil einer viel größeren Bewegung. Indigene Frauen in Mexiko kämpfen seit Jahrzehnten für das Recht, gehört zu werden – von den staatlichen Institutionen, von ihren eigenen Gemeinden, von der Gesellschaft insgesamt.

Die Anthropologin Mariana Mora beschreibt diese Kämpfe als „Ansammlung von Verunsicherungen im Alltag“ – eine Mischung aus Gewalt gegen Körper, Ausbeutung von Arbeitskraft, Zerstörung natürlicher Ressourcen und strukturellem Rassismus (Mora 2017). Dagegen anzukämpfen bedeutet, nicht nur für Gesetzesänderungen zu kämpfen, sondern für eine grundlegende Neuordnung des Zusammenlebens.

[Wusstest du? Im Bergland von Guerrero gibt es seit den 1990er Jahren eine autonome Gemeindepolizei, die von indigenen Gemeinden selbst organisiert wird. Sie ist Ausdruck der Überzeugung, dass staatliche Sicherheitskräfte die Bevölkerung oft nicht schützen, sondern bedrohen.]


Quellen:

Foro1025 (2024): Instalan en Atizapán de Zaragoza primer módulo de mujeres vigilantes. 04.07.2024. Verfügbar unter: https://foro1025.mx/?p=20399

CIESAS (2024): Género y acceso a la justicia: la investigación colaborativa con las mujeres indígenas. Centro de Investigaciones y Estudios Superiores en Antropología Social. Verfügbar unter: https://ciesas.repositorioinstitucional.mx/jspui/handle/1015/1836

Mora, M. (2017): Voices within Silences: Indigenous Women, Security, and Rights in the Mountain Region of Guerrero. In: Demanding Justice and Security: Indigenous Women and Legal Pluralities in Latin America. Rutgers University Press. Verfügbar unter: https://muse.jhu.edu/pub/176/edited_volume/chapter/1993343

UNODC (2021): Creamos lazos contra la trata de personas en comunidades indígenas de Puebla, Baja California y Veracruz. Oficina de las Naciones Unidas contra la Droga y el Delito. 20.12.2021. Verfügbar unter: https://www.unodc.org/lpomex/es/noticias/diciembre-2021/creamos-lazos-contra-la-trata-de-personas-en-comunidades-indgenas.html

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