Gefangene ohne Strafe: Norwegens Bastøy-Modell [Norwegen]
Die Fähre von Horten nach Bastøy dauert zehn Minuten. Als sie anlegt, liegt eine Insel vor dem Besucher, die auf den ersten Blick wie ein Urlaubsparadies wirkt: Wiesen, Wälder, Sandstrand, kleine bunte Holzhäuser. Keine Mauern, keine Stacheldrahtzäune, keine Wachtürme. Und doch ist Bastøy ein Gefängnis. 115 Männer verbüßen hier Haftstrafen – unter Bedingungen, die weltweit ihresgleichen suchen. Sie leben in Wohngruppen, kochen selbst, arbeiten in der Landwirtschaft, gehen in die Schule. Und sie bereiten sich auf ein Leben vor, das nach der Haft weitergeht (Kriminalomsorgen 2025).
[Wusstest du? Bastøy ist das größte low-security Gefängnis Norwegens und die erste „humanökologische Strafanstalt“ der Welt. Das Konzept basiert auf der Idee, dass Freiheitsentzug die Strafe ist – nicht zusätzliche Demütigung, Isolation oder Gewalt.]
Eine Insel der zweiten Chance
Die Gefangenen auf Bastøy kommen aus geschlossenen Anstalten. Wer hierher verlegt wird, hat sich durch gute Führung qualifiziert – und den Willen gezeigt, an sich zu arbeiten. Sie tragen keine Uniformen, sondern eigene Kleidung. Die Wärter führen keine Waffen und werden mit Vornamen angerufen. Es gibt keine verschlossenen Türen, keine Gitter, keine Durchsuchungen (First Step Alliance 2022).
Das Leben auf der Insel folgt einem strengen Rhythmus: Arbeit in der Landwirtschaft, Forstwirtschaft oder Fischerei am Vormittag, Schule, Ausbildung oder Freizeit am Nachmittag. Die Männer lernen Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst, für ihre Mitgefangenen, für die Gemeinschaft. Sie wählen sogar einen eigenen Inselrat, der über Alltagsfragen mitentscheidet (The Guardian 2013).
Arne Kvernvik Nilsen, langjähriger Gouverneur von Bastøy und Psychotherapeut, beschreibt die Philosophie: „In geschlossenen Gefängnissen sperren wir Menschen für Jahre ein und lassen sie wieder raus, ohne dass sie jemals echte Verantwortung für Arbeit oder Kochen übernommen haben. Das Gesetz sagt: Die Strafe ist der Freiheitsentzug. Es geht nicht darum, dich leiden zu lassen.“ (The Guardian 2013)
*[Wusstest du? Die Rückfallquote in Norwegen liegt bei etwa 20 Prozent – in Deutschland bei über 50 Prozent. Das Bastøy-Modell ist ein wesentlicher Grund für diesen Unterschied.]*
Arbeit als Therapie
Auf Bastøy wird gearbeitet. In der Landwirtschaft werden Schafe, Kühe und Hühner versorgt. In der Gärtnerei wachsen Obst und Gemüse für die eigene Küche. In der Werkstatt werden Fahrräder repariert, in der Schreinerei Möbel gebaut. Die Männer verdienen umgerechnet etwa 8 Euro pro Tag – genug, um im Insel-Supermarkt einzukaufen und sich am Abend selbst zu versorgen (The Guardian 2013).
Die Schiffsverbindung zum Festland wird von Insassen betrieben. Sie lernen Navigation, Maschinenwartung und Verantwortung. Wer sich bewährt, kann später zur Schule gehen oder eine Berufsausbildung absolvieren. Das Ziel ist immer dasselbe: einen Menschen zu entlassen, der bereit ist, ein normales Leben zu führen (Prisoners Abroad 2022).
Das Geheimnis des Erfolgs
Die Zahlen geben dem Modell recht. Norwegen hat eine der niedrigsten Rückfallquoten der Welt – nur etwa 20 Prozent der Entlassenen werden innerhalb von zwei Jahren wieder straffällig. Zum Vergleich: In Deutschland sind es über 50 Prozent, in Großbritannien sogar 60 Prozent (First Step Alliance 2022).
Kriminologen führen diesen Erfolg auf mehrere Faktoren zurück: die geringe Größe der Gefängnisse, die Nähe zu den Heimatorten, die intensive Betreuung durch die Wärter und vor allem die grundlegende Philosophie, dass Gefangene Menschen bleiben. „In Norwegen ist die Strafe der Freiheitsentzug“, sagt ein langjähriger Gefängnisdirektor. „Alle anderen Rechte bleiben erhalten.“ (First Step Alliance 2022)
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Quellen:
First Step Alliance (2022): Rehabilitation Lessons from Norway’s Prison System. Verfügbar unter: https://www.firststepalliance.org/post/norway-prison-system-lessons
Kriminalomsorgen (2025): Bastøy fengsel. Norwegian Correctional Service. Verfügbar unter: https://www.kriminalomsorgen.no/bastoey-fengsel.5018998-237612.html
Prisoners Abroad (2022): Rehabilitation not recidivism: Norway’s success in keeping re-offending rates low. Verfügbar unter: https://www.prisonersabroad.org.uk/news/rehabilitation-not-recidivism-norways-success-in-keeping-re-offending-rates-low
The Guardian (2013): The Norwegian prison where inmates are treated like people. 25.02.2013. Verfügbar unter: https://www.theguardian.com/society/2013/feb/25/norwegian-prison-inmates-treated-like-people
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