Dorfgemeinde entscheidet per Rat über Wassernutzung in Indien [Indien]
Im indischen Bundesstaat Maharashtra, im Dorf Darewadi, sitzen Männer und Frauen um einen seltsamen Gegenstand: ein dreidimensionales Modell ihrer eigenen Landschaft, gebaut aus übereinandergelegten Kartonagen. Sie sehen nicht nur die Hügel und Felder, sondern auch das, was unsichtbar ist – das Grundwasser unter ihren Füßen. Sie deuten auf Stellen, wo die Brunnen trockenfallen, und auf andere, wo das Wasser auch im Sommer nicht versiegt. Was hier geschieht, ist ein Experiment, das inzwischen in Hunderten Dörfern Indiens Schule gemacht hat: Gemeinden übernehmen die Kontrolle über ihr Wasser – nicht durch Verordnungen von oben, sondern durch eigenes Wissen, eigene Entscheidungen und eigene Regeln (WOTR 2025).
[Wusstest du? Indien ist der größte Grundwassernutzer der Welt. Über 60 Prozent der Bewässerung und 85 Prozent des Trinkwassers stammen aus dem Boden. Doch vielerorts sinkt der Wasserspiegel dramatisch – eine existenzielle Bedrohung für Millionen Bauern.]
Wenn Gemeinden zu Grundwasser-Experten werden
Die Organisation Watershed Organisation Trust (WOTR) hat eine Methode entwickelt, die technisches Wissen mit lokaler Erfahrung verbindet. In mehrtägigen Workshops lernen Dorfgemeinschaften, ihre eigenen Wasserressourcen zu verstehen. Mit einfachen Werkzeugen – von 3D-Modellen bis zu gemeinsamen Begehungen – erfassen sie, wo Wasser herkommt, wohin es fließt und wie viel davon wirklich da ist (WOTR 2025).
Das Besondere: Die Dorfbewohner werden nicht belehrt, sondern werden selbst zu Forschern. Sie sammeln Daten, diskutieren Ergebnisse, entwickeln Lösungen. Am Ende steht ein gemeinsam erarbeiteter Wasserhaushaltsplan, der festlegt, wer wann wie viel Wasser nutzen darf – und wer in Trockenzeiten verzichten muss (WOCAT 2021).
In Maharashtra hat dieser Ansatz bereits in über 100 Dörfern zu messbaren Erfolgen geführt. Der Grundwasserspiegel stabilisierte sich, Konflikte um Wasser nahmen ab, und die Ernten wurden sicherer (WOTR 2025).
Vom Würfelspiel zur Wasserregel
Noch einen Schritt weiter ging ein Projekt der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gemeinsam mit der indischen Organisation Foundation for Ecological Security (FES). In sechs indischen Bundesstaaten wurde ein ungewöhnliches Werkzeug eingesetzt: Würfel- und Kartenspiele, die mehrere Jahreszeiten in kurzer Zeit simulieren (GIZ 2024).
Die Bauern spielten durch, wie sich ihre Entscheidungen auf das Grundwasser auswirken – und auf die Gemeinschaft als Ganzes. „Gemeinsam zu würfeln, Karten zu spielen und Spaß zu haben, war vielerorts der Startschuss für Veränderungen“, sagt Richu Sanil von FES. „Ein Diskussionsprozess begann: Wie viel Wasser ist da und wie viel braucht jeder? Am Ende hatten die Dorfbewohner gemeinsam Lösungen und Regeln entwickelt.“ (GIZ 2024)
Mehr als 6.500 Gemeinden haben an den Spielen teilgenommen. Die Methode war so erfolgreich, dass sie inzwischen auch in Äthiopien und Ghana eingeführt wurde (GIZ 2024).
[Wusstest du? Die Spiele wurden von einem internationalen Forschungsteam entwickelt und vom Bundesentwicklungsministerium gefördert. Sie sind so beliebt, dass sie inzwischen in mehreren Sprachen und Ländern gespielt werden.]
Frauen an der Spitze der Bewegung
Eine Studie des International Food Policy Research Institute (IFPRI) in Madhya Pradesh untersuchte, wie sich die Beteiligung von Frauen auf die Wasserbewirtschaftung auswirkt. Das Ergebnis war eindeutig: In Dörfern, in denen Frauen in Entscheidungsgremien vertreten waren, stieg die Wahrscheinlichkeit, dass Regeln für die Wassernutzung aufgestellt wurden, um 14 Prozent. Und wo solche Regeln existierten, wurden die Bewässerungsanlagen deutlich besser instand gehalten (IFPRI 2025).
Frauenführerinnen wie Meenakshi Ben Panchal und Lilaben Patel aus dem Distrikt Mehsana in Gujarat erzählten auf einem nationalen Workshop 2025, wie sie den Wassermangel in ihrer Region überwanden. „Wir begannen, das Wasser selbst zu überwachen, zu testen und zu managen“, berichteten sie. „Als die Frauen sich organisierten, änderte sich alles.“ (PIB 2025)
Vom lokalen Wissen zur nationalen Politik
Die Erfolge der gemeindebasierten Wasserbewirtschaftung sind inzwischen bis in die nationale Politik vorgedrungen. Das Programm „Atal Bhujal Yojana“, eines der größten Grundwasserprogramme der Welt, setzt explizit auf Beteiligung der Gemeinden. Pratul Saxena, Projektleiter des Programms, betont: „Es gibt einen Wandel weg von staatlichen Initiativen hin zu gemeinschaftsgetragenen Ansätzen, die wissenschaftliches Wissen mit lokalen Erkenntnissen verbinden.“ (India Water Portal 2024)
Das indische Ministry of Jal Shakti veranstaltete 2025 einen eigenen Workshop zum Thema „Community and Institutional Engagement for Behaviour Change“. Vertreter aus einem Dutzend Bundesstaaten tauschten sich darüber aus, wie man Wasser-User-Vereinigungen stärken, Frauen einbinden und traditionelles Wissen nutzen kann (PIB 2025).
Die Grenzen der Freiwilligkeit
Dennoch bleiben Herausforderungen. Die 2017 vorgelegte Modell-Gesetzgebung für Grundwasser, die Wasser vom Landbesitz trennen und als öffentliches Gut definieren würde, ist bis heute nicht flächendeckend umgesetzt. Ohne klare rechtliche Rahmenbedingungen bleibt die gemeindebasierte Bewirtschaftung oft auf Freiwilligkeit angewiesen – und anfällig für einzelne, die sich nicht an Regeln halten (India Water Portal 2024).
Der Ökonom K.J. Joy, ein langjähriger Experte für Wasserfragen, fordert daher eine stärkere Institutionalisierung. „Wasser muss als Gemeinschaftsgut anerkannt werden, das allen gehört. Es braucht dauerhafte Institutionen auf der Ebene von Wassereinzugsgebieten, nicht nur befristete Projekte.“ (India Water Portal 2024)
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Quellen:
GIZ (2024): Würfeln, reden, Karten spielen: Wasserprobleme gemeinsam lösen. Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Verfügbar unter: https://www.giz.de/de/newsroom/meldungen/wuerfeln-reden-karten-spielen-wasserprobleme-gemeinsam-loesen
IFPRI (2025): Women’s participation yields benefits for water management: Insights from village dams in India. International Food Policy Research Institute. Verfügbar unter: https://www.ifpri.org/blog/womens-participation-yields-benefits-for-water-management-insights-from-village-dams-in-india/
India Water Portal (2024): Evolving approaches to water governance: Insights from a panel of experts. Verfügbar unter: https://www.indiawaterportal.org/governance-and-policy/evolving-approaches-to-water-governance-insights-from-a-panel-of-experts
PIB (2025): Departmental Summit on the Vision for Sujalam Bharat – Thematic Workshop on Community and Institutional Engagement for Behaviour Change. Press Information Bureau, Government of India. Verfügbar unter: https://www.pib.gov.in/PressReleasePage.aspx?PRID=2173862
WOCAT (2021): Participatory Understanding of Groundwater Dynamics: Threats and Responsive Management (CoDriVE-VI). World Overview of Conservation Approaches and Technologies. Verfügbar unter: https://qcat.wocat.org/en/wocat/approaches/view/permalink/7561/
WOTR (2025): CoDriVE-VI – Community-driven Vulnerability Evaluation – Visual Integrator. Watershed Organisation Trust. Verfügbar unter: https://wotr.org/codrive-vi/
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