Mieter kaufen ihr Haus gemeinsam – Modelle gegen die Wohnungsnot [Deutschland, Österreich]

Wenn die Kündigung ins Haus flattert, ist die Verzweiflung meist groß. In Dresden-Löbtau war es anders. Als die Mieter des „Haus Überall“ erfuhren, dass ihr langjähriges Zuhause verkauft werden soll, kamen sie nicht auf die Idee zu protestieren – sie kamen auf die Idee zu kaufen. Gemeinsam mit der Genossenschaft „Wohnen Gestalten Dresden“ (WoGe) wollen sie das ehemalige Pfarrhaus in der Emil-Ueberall-Straße 6 erwerben und dauerhaft dem Immobilienmarkt entziehen . Ein Nachbarschaftscafé, ein Umsonstladen, fünf Wohnungen – alles soll erhalten bleiben. „Gerade in Stadtteilen wie Löbtau, wo die Mieten immer weiter steigen, ist es umso wichtiger, der Entmischung der sozialen Gefüge mit solchen Projekten etwas entgegenzustellen“, lobt SPD-Politiker Albrecht Pallas das Vorhaben .

[Wusstest du? Das „Haus Überall“ in Dresden ist nur eines von vielen Beispielen. In Deutschland und Österreich haben Mieter in den letzten Jahren Dutzende Häuser gekauft – mit Genossenschaften, Vereinen, Direktkrediten und einer gehörigen Portion Mut.]

Berlin-Kreuzberg: Als der Erbe Ja sagte

In der Ohlauer Straße 36 in Berlin-Kreuzberg begann die Geschichte ebenfalls mit einer Todesnachricht. Die alte Eigentümerin war verstorben, die Mieter erfuhren, dass ein Erbe aus Oldenburg das Haus verkaufen will. Was dann passierte, ist in der Hauptstadt selten: Der Erbe, ein kleiner Handwerker „in bescheidenen Verhältnissen“, wie er selbst sagt, wollte keinen Höchstpreis erzielen, sondern eine faire Lösung .

Über ein Jahr verhandelten die Mieter mit ihm, dem Makler und der Genossenschaft Luisenstadt eG. Heraus kam ein Verkauf, bei dem alle Beteiligten später schwärmten. „Die ganze Sache ist sehr gut gelaufen“, sagt der Verkäufer. „Ich habe gesagt, dass der Preis nicht der höchste, aber ein fairer sein soll.“ Die Mieter können bleiben, das Haus ist der Spekulation entzogen, und der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg lobt ein „vorbildliches Gemeinschaftsprojekt“ .

[Wusstest du? Die Berliner Luisenstadt eG erhielt für den Kauf ein Förderdarlehen der Investitionsbank Berlin. Dafür muss sie für 30 Jahre Mietpreisbindung einhalten und 25 Prozent Sozialwohnungen bereitstellen .]

Chemnitz: Eine Genossenschaft wird gegründet

Im Chemnitzer Stadtteil Hilbersdorf erhielten die Mieter Anfang 2017 die Nachricht, dass ihre Vermieterin verstorben ist. Die Erben in Österreich wollten verkaufen. Acht Parteien – junge Familien, Paare, Alleinstehende – setzten sich zusammen und beschlossen etwas Ungewöhnliches: Sie gründeten ihre eigene Genossenschaft .

Aus monatelangen Haustreffen wurde die „Alte Cäcilie eG“. Ein Berater des „Dienstleistungskombinats MIR“ half bei der Gründung, die Mitglieder brachten Anteile ein. Heute gehört ihnen das Haus auf der Cäcilienstraße 3. „Wir möchten Verantwortung übernehmen und unser Zusammenleben gemeinsam bestreiten“, schreibt die Hausgemeinschaft auf ihrer Website . Das Gebäude soll ökologisch saniert werden, der Hof bleibt grün – und die Mieten bezahlbar.

Linz: Das erste Haus in Österreich

2015 kauften Mieter in der Linzer Innenstadt das „willy*fred“ – das erste Haus Österreichs, das von seinen Bewohnern gemeinsam erworben wurde. Möglich machten es 250 Direktkredite von Privatpersonen, von 500 bis zu ein paar tausend Euro. Damit bekamen sie einen Hypothekarkredit von der Bank .

Die Rechtsform ist eine GmbH: 51 Prozent hält die Hausgemeinschaft, 49 Prozent der Verein „habiTAT“, eine Dachorganisation für selbstorganisierte Mietshaus-Projekte. Über habiTAT sind inzwischen weitere Projekte in Salzburg und Wien entstanden .

München: 2,8 Millionen von privaten Geldgebern

Im Münchner Stadtteil Haidhausen erfuhren die Mieter der Wörthstraße 8 im Sommer 2022, dass ihr denkmalgeschütztes Haus verkauft werden soll. 25 Bewohner, darunter sechs Kinder, beschlossen, selbst aktiv zu werden. Sie gründeten den Verein „Wörth8 e.V.“ und entwickelten ein Konzept .

Mit Unterstützung des Mietshäuser Syndikats und der mitbauzentrale München sammelten sie 2,8 Millionen Euro an Direktkrediten von über 200 privaten Geldgebern. Zusammen mit Darlehen der GLS-Bank und städtischen Förderungen kaufte der Verein das Haus. Das Grundstück blieb im Besitz einer Stiftung, das Gebäude übernahm die Gruppe in Erbpacht für mindestens 80 Jahre .

[Wusstest du? Das Mietshäuser Syndikat ist ein Zusammenschluss von über 100 Hausprojekten in Deutschland. Es hilft beim Kauf, bei der Finanzierung und stellt sicher, dass die Häuser nie wieder verkauft werden können.]

Die Spielarten des gemeinsamen Kaufens

Die fünf Beispiele zeigen, wie unterschiedlich Mieter ihre Häuser kaufen können:

  • Beitritt zu einer bestehenden Genossenschaft (Dresden, Berlin)

  • Gründung einer eigenen Genossenschaft (Chemnitz)

  • Gründung einer GmbH (Linz)

  • Vereinslösung mit Mietshäuser Syndikat (München)

  • Stockwerkeigentum (in der Schweiz verbreitet, aber mit Risiken)

Allen gemeinsam ist das Ziel: die Wohnungen dem spekulativen Markt entziehen, die Mieten stabil halten, Gemeinschaft erhalten. Und alle eint die Erfahrung, dass es ohne Geduld, Ausdauer und eine gehörige Portion Idealismus nicht geht.

Monika Schori aus Zürich, deren Hausgemeinschaft eine Genossenschaft gründete, schätzt, dass sie bis zum Kauf 300 Stunden investiert haben. „Das geht nur, wenn man mit viel Lust dabei ist“, sagt sie . In Chemnitz dauerte es von der ersten Idee bis zum Kauf mehrere Jahre .

Doch die Mühe lohnt sich. Die Mieter im „Haus Überall“ wollen bald mit dem Umbau beginnen . In der Wörthstraße 8 steht der Kauf kurz bevor . Und die Kreuzberger Hausgemeinschaft kann wieder ruhig schlafen: „Wir sind froh, dass wir es geschafft haben, die Situation zu lösen“, sagt Mieter Ringo .


Quellen:

guteideenblog.org sollte ein interner Link sein. guteideenblog.org © 2025 by Gute Ideen ist lizenziert unter CC BY 4.0. Kurz erklärt: Nutze alles und verlinke auf diesen Artikel.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert