Bürgerjury entscheidet über Stadthaushalt in Madrid [Spanien]

Mehr als 50.000 Madrilenen haben entschieden: 50 Millionen Euro des städtischen Haushalts 2026 und 2027 werden nach den Wünschen der Bürger investiert. Die Gewinnerprojekte des Bürgerbudgets 2024–2025 stehen fest – von barrierefreien Spielplätzen über Skateparks bis zur Begrünung ganzer Stadtteile. Madrid hat damit eines der größten partizipativen Budgetverfahren Europas etabliert (elDiario.es 2025).

[Wusstest du? Die Plattform „Decide Madrid“, über die Bürger ihre Vorschläge einreichen und abstimmen können, wurde von den Vereinten Nationen ausgezeichnet und diente als Vorbild für über 100 Städte weltweit, darunter Buenos Aires, Quito und Helsinki (Pineda Nebot & Goldfrank 2022).]

Wie Bürger über Millionen entscheiden

Der Prozess beginnt niedrigschwellig: Jeder, der in Madrid lebt oder arbeitet, kann Vorschläge einreichen – egal ob Einzelperson, Verein oder Initiative. Die Stadtverwaltung prüft die Ideen auf Machbarkeit und Kosten. Danach folgt die entscheidende Phase: die Bürgerabstimmung (Ayuntamiento de Madrid 2025a).

Für den Zyklus 2024–2025 wurden über 2.700 Vorschläge eingereicht, von denen 189 in die finale Abstimmung kamen. Die Resonanz war enorm: Über 50.000 Menschen beteiligten sich und gaben rund 200.000 Stimmen ab (LaCerca 2025). Die 123 Gewinnerprojekte verteilen sich auf zwei Kategorien: 23 stadtweite Projekte mit 15 Millionen Euro und 100 Projekte in den 21 Stadtbezirken mit insgesamt 35 Millionen Euro (elDiario.es 2025).

Die Gewinnerprojekte im Detail

In der Kategorie der stadtweiten Projekte setzten die Bürger klare Prioritäten:

  • Barrierefreiheit: Der am besten dotierte Einzelposten mit 3 Millionen Euro fließt in barrierefreie Spielplätze in jedem Stadtbezirk – ein Sieg für Inklusion (LaCerca 2025).

  • Begrünung: Die Erhöhung des Baumbestands in der ganzen Stadt erhielt breite Unterstützung.

  • Kultur: Zwei neue Festivals entstehen: eines für klassisches Theater und „En los márgenes“, das Theater in die Randbezirke Carabanchel und Villaverde bringt.

  • Zugänglichkeit: Behördengänge werden künftig in „Leichter Sprache“ angeboten.

In den Bezirken zeigt sich die Vielfalt der Bürgerwünsche. Im Stadtteil Centro werden die Gärten des Architekten Ribera für 818.000 Euro renoviert, zusätzliche öffentliche Sitzbänke aufgestellt und Schulen klimatisiert (Gacetín Madrid 2025). In Moncloa-Aravaca und Fuencarral-El Pardo entstehen neue Skateparks, in Moratalaz ein Klettergarten, in Carabanchel wird eine Rollschuh- und Hockeysanierung finanziert (elDiario.es 2025).

*[Wusstest du? Allein die Projekte mit den meisten Stimmen im Bezirk Centro umfassen ein breites Spektrum: von der Klimatisierung von Schulen (850.000 Euro) über die Teil-Pedestrianisierung der Calle Casino für sichere Schulwege (200.000 Euro) bis zur Sanierung der Schultoiletten im CEIP Nuestra Señora de la Paloma (130.000 Euro).]*

Kritik an der Plattform

Trotz der Erfolge gibt es auch kritische Stimmen. Eine wissenschaftliche Analyse des „Decide Madrid“-Verfahrens zwischen 2016 und 2019 zeigt: Die Plattform förderte eher Einzelkämpfertum als echte Diskussion. Bürger konkurrierten um Stimmen für ihre eigenen Vorschläge, anstatt gemeinsam nach Lösungen zu suchen (Menendez-Blanco & Bjørn 2022). Die Forscher fordern, dass Bürgerbudget-Plattformen überarbeitbar und rechenschaftspflichtig sein müssen, um Kooperation statt Konkurrenz zu ermöglichen.

Die spanische Wissenschaftlerin Carmen Pineda Nebot kommt zu einem noch ernüchternden Ergebnis: Trotz aller internationalen Anerkennung habe der digitale Prozess in Madrid nie als echtes deliberatives Forum gedient. Echte Diskussionen fanden kaum statt, die Bürger beschränkten sich aufs Abstimmen oder hinterließen bestenfalls einen Kommentar (Pineda Nebot & Goldfrank 2022).

Die Stadtverwaltung zeigt sich dennoch zufrieden. Die gewählten Projekte werden nun in die Haushalte 2026 und 2027 eingearbeitet und umgesetzt. Madrid hat damit nachgewiesen, dass Bürgerbeteiligung in großem Stil funktionieren kann – auch wenn die Diskussion darüber, wie man noch mehr Menschen erreicht und echte Deliberation fördert, weitergeht.


Quellen:

guteideenblog.org sollte ein interner Link sein. guteideenblog.org © 2025 by Gute Ideen ist lizenziert unter CC BY 4.0. Kurz erklärt: Nutze alles und verlinke auf diesen Artikel.

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