Gefängnisse ohne Handschellen in Costa Rica [Costa Rica]

In Costa Rica existieren zwei grundverschiedene Welten des Strafvollzugs nebeneinander. Die eine ist neu, hart und umstritten: ein Mega-Gefängnis nach dem Vorbild von El Salvadors berüchtigtem CECOT. Die andere ist älter, leiser und international viel beachtet: Gefängnisse ohne Handschellen, in denen „Residenten“ leben statt Insassen, und die tatsächlich das tun, was das Gesetz verspricht – Menschen auf ein Leben in Freiheit vorbereiten (Ashoka 2014).

*[Wusstest du? Artikel 51 des costa-ricanischen Strafgesetzbuches schreibt vor: „Die Freiheitsstrafe wird so vollstreckt, dass sie für den Verurteilten eine rehabilitierende Erfahrung darstellt.“ Diesen Anspruch nehmen die „Unidades de Atención Integral“ (UAI) wörtlich.]*

Ein Modell der Hoffnung

Die „Unidades de Atención Integral“ (UAI) sind keine gewöhnlichen Gefängnisse. Hier leben die Insassen in den letzten Monaten ihrer Haft in Wohngruppen, werden „Residenten“ genannt und bereiten sich gezielt auf die Entlassung vor. Sie erhalten psychologische Betreuung, schließen ihre Schulbildung ab und lernen Berufe – in eigenen Unternehmen, die sie teilweise selbst führen (CGL Companies 2024).

Das Vorzeigeprojekt heißt „Unlock“ – eine Firma, die von Insassen des UAI Reynaldo Villalobos betrieben wird. Hier entstehen Produkte für den freien Markt, nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft. Die Idee stammt von Lauren Díaz Arias, einer Anwältin und Sozialunternehmerin, die 2012 die Fundación Nueva Oportunidad gründete. Ihr Ziel: Gefangene zu Unternehmern machen, statt sie zu verwahren (LSE 2025).

Das Programm ist streng, aber fair. Nur wer sich bewährt, kurz vor der Entlassung steht und einen guten Leumund hat, wird aufgenommen. Wer aufgenommen wird, durchläuft ein intensives Trainingsprogramm: 30 Sitzungen zu Unternehmertum, persönlicher Entwicklung und Geschäftsplanung, geleitet von professionellen Freiwilligen. Wer am Ende überzeugt, bekommt Startkapital von Investoren (Ashoka 2014).

Die Bilanz ist beeindruckend. Von den ersten neun Teilnehmern des Pilotprojekts ist keiner rückfällig geworden. Die Rückfallquote in Costa Rica insgesamt ist mit 4 Prozent nach zwei Jahren verschwindend gering – im Vergleich zu 60 Prozent in Mexiko oder 52,9 Prozent in Chile (EL PAÍS 2023). Das Programm wurde inzwischen auf mehrere Gefängnisse ausgeweitet, über 2.200 Fälle wurden 2023 allein im Restorative-Justice-Programm bearbeitet, mit einer Erfolgsquote von 94 Prozent (Harm Reduction International 2025).

Ein neues Gesetz für zweite Chancen

2018 verabschiedete Costa Rica ein Gesetz, das alternative Strafen zur Inhaftierung ermöglicht. Wer zum ersten Mal straffällig wird, eine Strafe von weniger als drei Jahren zu erwarten hat und sich mit dem Opfer einigt, kann einer Entzugsklinik zugewiesen werden, Sozialstunden ableisten oder eine Therapie machen (EL PAÍS 2023). Das Gesetz schließt Gewaltverbrechen aus, aber für Drogenabhängige oder Frauen, die unter Zwang handelten, bietet es eine echte Alternative.

Erenia Cerdas ist eine von ihnen. Sie war obdachlos, crackabhängig und wurde hereingelegt, Drogen ins Gefängnis zu schmuggeln. Statt acht Jahren Haft wurde sie zu sieben Monaten Entzug und zwei Jahren Sozialdienst verurteilt. Heute leitet sie eine Gruppe, die Neuankömmlingen im Programm hilft, und lebt wieder mit ihrem jüngsten Sohn zusammen (EL PAÍS 2023).

Die Kehrtwende: Ein Mega-Gefängnis nach Salvadorianischem Vorbild

Doch dieses Modell ist in Gefahr. Im September 2025 kündigte die Regierung von Präsident Rodrigo Chaves den Bau des „Centro de Alta Contención del Crimen Organizado“ (CACCO) an – einer Mega-Haftanstalt für 5.100 Insassen, die sich explizit am berüchtigten CECOT El Salvadors orientiert (Diario La Libertad 2025). Die Kosten: 35 Millionen Dollar. Die ersten 15,5 Millionen wurden bereits freigegeben.

Die Begründung ist einfach: Costa Rica wird von einer Gewaltwelle überrollt. 905 Morde im Jahr 2023, die Gefängnisse sind zu 29 Prozent überbelegt, in Männerabteilungen sogar zu 43 Prozent (Diario La Libertad 2025). Organisierte Kriminalität hat das Land im Griff, das lange als sicherste Nation Zentralamerikas galt. Die Bevölkerung verlangt nach harten Maßnahmen, und Präsident Chaves liefert sie – mit Unterstützung aus El Salvador, das nicht nur Baupläne, sondern auch technische Beratung lieferte (bne IntelliNews 2025).

*[Wusstest du? Das CECOT in El Salvador fasst 40.000 Insassen und ist berüchtigt für systematische Menschenrechtsverletzungen. Costa Rica will nun ein Miniatur-Abbild davon bauen.]*

Menschenrechtler schlagen Alarm. Die Regierung hat Projektdetails als vertraulich eingestuft, was wenig Vertrauen in die Einhaltung von Standards weckt (bne IntelliNews 2025). Minister Gerald Campos verspricht, dass Rehabilitationsprogramme für jene fortgeführt werden, die sich beteiligen – doch wenn das Primärziel „Hochsicherheitsverwahrung“ heißt, klingen solche Versprechen hohl.

Zwei Wege – eine Zukunft?

Costa Rica steht an einer Weggabelung. Der eine Pfad, der jahrelang international Beachtung fand, führt über Rehabilitation, Resozialisierung und menschenwürdige Haft. Der andere, neue, folgt dem autoritären Modell El Salvadors, das auf Abschreckung und Verwahrung setzt.

Lauren Díaz Arias, die Gründerin von Nueva Oportunidad, warnt: „Eine der größten Herausforderungen ist es, die Diskriminierung und das mangelnde Verständnis gegenüber Häftlingen in der Gesellschaft zu überwinden.“ (Ashoka 2014) Ihr Modell setzt auf Begegnung, auf Freiwillige, die mit Insassen arbeiten und dabei lernen, dass sie „ganz normale Menschen wie sie selbst“ sind. In einer Gesellschaft, die zunehmend nach Bestrafung ruft, wird diese Arbeit immer schwerer.

Ob das CACCO die erhoffte Wirkung zeigt oder ob es die Erfolge der Restorative-Justice-Bewegung zunichtemacht, wird sich zeigen. Fest steht: Costa Rica riskiert, für ein kurzfristiges Versprechen von Sicherheit eine langjährig gewachsene humanitäre Tradition zu opfern.


Quellen:

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