Mini.Statd – Wie eine Kleinstadt in der Schweiz mit 35 Bürgerprojekten den Leerstand besiegte [Schweiz]

Bis in die 1970er Jahre erinnerte die rund 2.000-Einwohner-Gemeinde Lichtensteig eher an eine Stadt als an ein Dorf: Der Handel blühte, geprägt durch die Textilindustrie und Banken. Dann folgte ein Strukturwandel, Unternehmen machten dicht, rund 300 Menschen zogen weg und Häuser und Fabriken standen leer. Als dann 2008 auch noch die Nachfrage nach einer Immobilie aus dem Rotlichtmilieu kam, reichte es der Stadtverwaltung und der Bevölkerung: Mitten im Wohngebiet sollte ein Erotiklokal eröffnet werden. Am Tiefpunkt angelangt erfanden die Lichtensteiger ihren Ort neu (Wüstenrot Stiftung 2023, S. 10).

[Wusstest du? Den Anstoß gaben der Bürgermeister und die Stadtverwaltung. Sie wollten den Widerstand gegen das Erotiklokal nutzen und ins Positive wenden. Was dann folgte, war eine Welle von Ideen und Beteiligung: Organisationen, Vereine und rund 140 Bürger schlossen sich zusammen.]

Aus der Krise wird eine Bewegung

2013 wurde nach einer Stadtanalyse ein Beteiligungsprozess gestartet, aus dem bislang 35 Bürgerprojekte entstanden sind. Dank eines weitverzweigten Ökosystems aus engagierten Personen, Genossenschaften und Organisationen wurde der Leerstand im Ortskern mehr als halbiert, neue Bewohner wurden angelockt und Lichtensteig modernisiert (Wüstenrot Stiftung 2023, S. 10).

Die Stadtverwaltung ging mit gutem Beispiel voran, zog in das ehemalige Bankgebäude und machte im Rathaus Platz für Künstler. Die beleben den Ort seitdem mit Ausstellungen, Konzerten, Aufführungen und Lesungen.

Vom Leerstand zum Macherzentrum

Die Genossenschaft Macherzentrum hat die ehemalige Post in Lichtensteig in einen Co-Working-Space umgewandelt und will damit das Unternehmertum stärken – zum Beispiel mit Social-Media-Coaching und einem monatlichen Machertreff mit dem Fokus auf Digitalisierung (Wüstenrot Stiftung 2023, S. 10).

In dem seit 2017 leer stehenden Textilareal mit je 8.000 Quadratmetern Geschoss- und Landfläche ist eine Gemeinschaftswerkstatt für 35 Handwerker und Kulturschaffende entstanden. Die Genossenschaft Stadtufer, der das Fabrikgebäude jetzt gehört, plant, dort bald auch Räume für privates Wohnen, Ateliers und Begegnungen anzubieten. Im ehemaligen Feuerwehrdepot werden jetzt Secondhand- und Secondseason-Kleider verkauft (Wüstenrot Stiftung 2023, S. 10).

*[Wusstest du? Die meisten Projekte haben einen Fokus auf Gemeinsinn, Gemeinschaft und Zusammenkommen. Die Genossenschaft Zeitgut Toggenburg organisiert virtuell Nachbarschaftshilfe und Freiwilligenarbeit, in erster Linie für die Generation 60+. Wer anderen eine Stunde schenkt, bekommt diese gutgeschrieben und kann bei Bedarf selbst von der Hilfe anderer profitieren. Weit über 10.000 Einsatzstunden haben die rund 360 Mitglieder in den letzten Jahren geleistet.]*

Pop-ups und Neubelegungen

Andere Pop-ups und Neubelegungen orientieren sich am Bedarf und den Potenzialen der Region. Die ChäsiWelt Toggenburg, eine Interessensgemeinschaft aus Käsereien, Metzgereien, Bäckereien, der Landwirtschaft und Gastronomie, plant zum Beispiel ein kulinarisches Besucherzentrum in Lichtensteig. Das soll über die Geschichte, Tradition und Herstellungstechniken etwa von Käse informieren und Touristen in die Mini.Statd locken (Wüstenrot Stiftung 2023, S. 10).

Viele Projekte werden von ansässigen Unternehmen, durch Spenden und Drittmittel finanziell unterstützt. Meist starten sie als Pop-up, um zu sehen, ob und wie sie angenommen werden. Wenn sich eine Idee etabliert, wird eine Organisationsform gefunden – etwa eine Genossenschaft gegründet –, um das Angebot zu verstetigen.

Ein neuer Geist zieht ein

Lichtensteig profitiert nicht nur dadurch, dass Leben in die leeren Gebäude zurückkehrt und ständig neue Angebote und soziale Treffpunkte entstehen. Weil die Ideen von den Bürgern selbst, von Unternehmen und Organisationen kommen, identifizieren sich die Menschen stärker mit ihrem Ort. Ihre Freude am Ausprobieren beschwingt nicht nur das Leben in Lichtensteig – die ständig neuen Pop-ups ziehen auch Menschen aus anderen Regionen oder Städten in die strukturschwache Region (Wüstenrot Stiftung 2023, S. 10).

Denn mit all den Ideen ist ein neuer Geist in Lichtensteig eingezogen: Die Mini.Statd ist heute wieder ein urbanes Zentrum in einer ländlichen Region. Und die Aufbruchstimmung, das Selbstbewusstsein und der laut Stadtpräsident Müller „liberale Groove“ ziehen auch Familien und Kreative an. Die nächste Stadt, St. Gallen, erreicht man von dort aus in 30 Minuten mit dem Zug, Zürich ist 75 Minuten entfernt – in Kombination mit Homeoffice wird der Ort so auch für Pendler interessant (Wüstenrot Stiftung 2023, S. 10).

Internationale Anerkennung

Seit 2018 ist das einst fast aufgegebene Lichtensteig Teil des Vereins „Die schönsten Schweizer Dörfer“. Weil es der Kleinstadt gelungen ist, den Leerstand und die Industriebrachen wiederzubeleben, erhielt sie im Januar 2023 den renommierten Schweizer Wakkerpreis. In diesem Jahr kooperiert Lichtensteig mit dem Programm Summer of Pioneers: Darüber bietet die Kleinstadt kreativen Großstadtmenschen für sechs Monate eine Unterkunft zum Probewohnen auf dem Land. Im Gegenzug sollen sie das Areal rund um den Bahnhof enkeltauglich mitgestalten – und die schon vorhandene Wir-Kultur in der Stadt weiter stärken (Wüstenrot Stiftung 2023, S. 10).


Quellen:

Wüstenrot Stiftung (2023): Land und Leute – Dörfer und Kleinstädte im digitalen Aufbruch. Dokumentation des Wettbewerbs. Ludwigsburg. Verfügbar unter: https://www.wuestenrot-stiftung.de/landundleute

guteideenblog.org sollte ein interner Link sein. guteideenblog.org © 2025 by Gute Ideen ist lizenziert unter CC BY 4.0. Kurz erklärt: Nutze alles und verlinke auf diesen Artikel.

Ähnliche Beiträge

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert