Anna Luísa Beserra – Wie eine junge Brasilianerin mit Aqualuz das Trinkwasserproblem im Sertão löst [Brasilien]
Es begann mit einem Buch. Als Anna Luísa Beserra als 15-jährige Schülerin in Salvador da Bahia „Vidas Secas“ von Graciliano Ramos las, traf sie die Beschreibung der Dürre im brasilianischen Sertão tief. Millionen Menschen in den halbtrockenen Regionen Nordostbrasiliens sind auf Regenwasser angewiesen, das sie in Zisternen sammeln. Doch das Wasser verdirbt oft, wird zur Brutstätte für Bakterien, macht Kinder krank. Anna, die schon als Jugendliche Wissenschaftsolympiaden gewann, fragte sich: Warum gibt es keine einfache, billige Lösung? (Gazeta de São Paulo 2025).
Aus dieser Frage wurde eine Erfindung, die heute das Leben von Zehntausenden Menschen verändert. Ihr Name: Aqualuz.
[Wusstest du? Im brasilianischen Sertão leben etwa 28 Millionen Menschen, die auf Regenwasser angewiesen sind. Viele von ihnen trinken Wasser, das mit Bakterien belastet ist. Durchfallerkrankungen sind eine der häufigsten Todesursachen bei Kindern unter fünf Jahren (UNEP 2019).]
Eine Idee reift
Anna war 15, als sie zum ersten Mal vom „Young Scientist Award“ des brasilianischen Forschungsrates CNPq hörte. Das Thema 2013: „Wasser – Herausforderungen für die Gesellschaft“. Sie begann zu recherchieren, las wissenschaftliche Artikel, experimentierte. „Ich wollte eine Idee entwickeln, die eines der größten Probleme der halbtrockenen Region lösen könnte“, erinnert sie sich (Agência Brasil 2019).
Bei der Ausschreibung gewann sie zwar nicht. Aber die Idee ließ sie nicht los. Als sie später Biotechnologie an der Bundesuniversität von Bahia studierte, nahm sie das Projekt wieder auf. „Ich begann, über Unternehmertum nachzudenken und das Potenzial hinter der Idee zu erkennen“, sagt sie (Agência Brasil 2019). 2015 gründete sie das Start-up „Safe Drinking Water for All“ (SDW) – mit 18 Jahren (UNEP 2019).
[Wusstest du? Der Name Aqualuz ist Programm: „Água“ (Wasser) und „Luz“ (Licht). Das Gerät braucht nichts als die Kraft der Sonne, um aus Regenwasser Trinkwasser zu machen.]
Wie Aqualuz funktioniert
Das Prinzip ist bestechend einfach. Aqualuz wird an einer bestehenden Zisterne installiert. Das Wasser läuft durch einen einfachen Filter, der grobe Verunreinigungen zurückhält, und gelangt dann in eine flache Edelstahlwanne mit Glasdeckel. Dort wird es der Sonne ausgesetzt. Die UV-Strahlen töten innerhalb von zwei bis vier Stunden bis zu 99,9 Prozent der Bakterien ab – ganz ohne Chemie, ohne Strom, ohne komplizierte Technik (Revista Fapesp 2020).
Ein thermosensitiver Aufkleber auf dem Glasdeckel wechselt die Farbe, sobald das Wasser trinkfertig ist. So wissen die Familien genau, wann sie das Wasser sicher entnehmen können (UNESCO 2022).
Die Vorteile liegen auf der Hand: Aqualuz kostet nur etwa 125 US-Dollar, hält bis zu 20 Jahre, braucht keine teuren Ersatzteile und ist einfach mit Wasser und Seife zu reinigen. Zehn Liter aufbereitetes Wasser kosten umgerechnet nur etwa zwei Cent (UNESCO 2022). Das ist ein Bruchteil dessen, was Familien sonst für abgepacktes Mineralwasser ausgeben müssten.
Vom Labor in die Gemeinschaft
Doch Anna wusste: Eine gute Erfindung allein reicht nicht. Sie muss bei den Menschen ankommen. Also änderte sie ihre Strategie. Statt das Gerät einfach zu installieren, bindet SDW die Gemeinschaften von Anfang an ein. Lokale Techniker werden ausgebildet, helfen bei der Installation, übernehmen die Wartung und werden zu Multiplikatoren in ihren Dörfern (ECOticias 2026).
„Die Menschen vor Ort müssen verstehen, wie die Technologie funktioniert und warum sie ihnen nützt“, erklärt Anna. „Nur dann werden sie sie auch langfristig nutzen und pflegen.“ (ECOticias 2026).
Der Erfolg gibt ihr recht. Was als kleines Projekt begann, hat sich ausgebreitet. 2024 erreichte Aqualuz bereits 40.000 Menschen, über 10.000 nutzen es regelmäßig (ECOticias 2026). Die Geräte stehen in fünf Bundesstaaten: Bahia, Ceará, Pernambuco, Rio Grande do Norte und Alagoas (Gazeta de São Paulo 2025).
Sebastião Rodrigues, ein Bauer aus Piranhas in Alagoas, erzählt, wie sich sein Leben verändert hat: „Früher wurden meine Neffen jede Woche krank. Seit wir Aqualuz haben, ist das vorbei.“ (Gazeta de São Paulo 2025).
Internationale Anerkennung
Im September 2019 wurde Anna Luísa Beserra als erste Brasilianerin überhaupt von der UNEP als „Young Champion of the Earth“ ausgezeichnet – einer der höchsten Umweltpreise für junge Menschen weltweit (UNEP 2019). Sie war eine von sieben Gewinnern, ausgewählt aus fast tausend Bewerbern. Der Preis ist mit 15.000 Dollar Startkapital dotiert (Agência Brasil 2019).
Es folgten weitere Auszeichnungen: der Prêmio Hugo Werneck, die Aufnahme in die Liste der Top Ten Innovators von Shell LiveWIRE, die Ernennung zum Bloomberg New Economy Catalyst (Wikipedia 2025). Die UNESCO nahm Aqualuz in ihr „Green Citizens“-Programm auf (UNESCO 2022).
Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) lud sie zu einem Kurs für Führungskräfte ein, die Schweizer Organisation Cewas förderte sie mit einem Startup-Programm (Revista Fapesp 2020).
Eine Familie von Erfindungen
Aus SDW ist inzwischen eine ganze Familie von Wassertechnologien entstanden. Neben Aqualuz gibt es:
-
Aquasalina: ein solarbetriebenes Entsalzungssystem
-
Aquafilter: ein Filtersystem für Gemeinden mit bis zu 100 Menschen
-
Aquatorre: für Schulen und Orte ohne Wasserinfrastruktur (ECOticias 2026)
Gleichzeitig arbeitet Anna an einem Biodigester für städtische Häuser, der aus organischen Abfällen Biogas gewinnt (UNEP 2019).
Blick über den Tellerrand
Anna träumt davon, ihre Technologien in andere Länder zu exportieren – vor allem nach Afrika, wo ähnliche Bedingungen herrschen wie im Sertão. Mit zwei brasilianischen NGOs und einer Crowdfunding-Kampagne bereitet sie ein Pilotprojekt in Madagaskar vor. Dort sollen nicht nur Aqualuz-Geräte installiert werden, sondern auch nachhaltige Sanitäranlagen (Revista Fapesp 2020).
„Die Technologie kann das Leben von Menschen verändern, die kilometerweit laufen müssen, um ein paar Liter Wasser zu holen“, sagt Anna (Revista Fapesp 2020). Ihr Ziel: In den nächsten drei Jahren eine Million Menschen erreichen (UNESCO 2022).
Quellen:
UNEP (2019): Young Champion of the Earth 2019: Anna Luisa Beserra. United Nations Environment Programme. https://www.unep.org/youngchampions/bio/2019/latin-america-and-caribbean/anna-luisa-beserra
UNEP (2019): Young environmental prize winner for Latin America and the Caribbean invents a new solar solution to purify drinking water. https://www.unep.org/youngchampions/node/392
Revista Fapesp (2020): Clean water – Scientist from Salvador, Bahia, earns international recognition for new cistern design. https://revistapesquisa.fapesp.br/en/clean-water/
UNESCO (2022): Aqualuz – Safe Drinking Water for All. https://www.unesco.org/en/articles/aqualuz-safe-drinking-water-all
ECOticias (2026): Anna Luísa Beserra, la joven científica que ha creado un sistema para transformar agua sucia en potable con la ‚desinfección solar‘. https://www.ecoticias.com/eficiencia-energia-sostenible/anna-luisa-beserra-la-joven-cientifica-que-ha-creado-un-sistema-para-transformar-agua-sucia-en-potable-con-la-desinfeccion-solar-vi-que-la-solucion-podia-ser-increiblemente-senci
Agência Brasil (2019): Brazilian girl wins UN Young Champions of the Earth Award. https://agenciabrasil.ebc.com.br/en/educacao/noticia/2019-09/brazilian-girl-wins-un-young-champions-earth-award
Gazeta de São Paulo (2025): Brasileira cria sistema que purifica água no sertão usando luz solar. https://www.gazetasp.com.br/gazeta-mais/curiosidades/brasileira-cria-sistema-que-purifica-agua-no-sertao-usando-luz-solar/1152490/
Wikipedia (2025): Anna Luísa Beserra. https://en.wikipedia.org/wiki/Anna_Luísa_Beserra
guteideenblog.org sollte ein interner Link sein. guteideenblog.org © 2025 by Gute Ideen ist lizenziert unter CC BY 4.0. Kurz erklärt: Nutze alles und verlinke auf diesen Artikel.

Ein Kommentar