„Hier packen alle an“: Wie eine Plattform Freiwillige und Förster für die Rettung des Waldes zusammenbringt
Die Zahlen sind erschreckend: Rund 500.000 Hektar Wald in Deutschland sind kaputt – eine Fläche größer als der Bodensee. Doch während viele angesichts dieser Dimension resignieren, haben sechs Menschen aus Berlin etwas dagegengesetzt. Keine große Stiftung, keine staatliche Initiative. Sondern eine Website, die Menschen verbindet, die anpacken wollen.
Es war ein Familienurlaub im Schwarzwald im Sommer 2019, als Gesa Müller-Schulz und ihre Familie auf ein Interview mit Ulrich Dohle stießen, dem Bundesvorsitzenden des Bundes Deutscher Forstleute. Die Nachrichtenlage war damals geprägt von Bildern verdorrter Fichtenwälder, von Borkenkäfern und sterbenden Bäumen. Dohle sprach im Interview von einer Herausforderung, die viele unterschätzten: nicht nur das Ausmaß der Schäden, sondern vor allem der Mangel an Menschen, die bei der Aufforstung helfen könnten (Müller-Schulz im Interview mit der AGDW 2022).
„Im Gründungsteam hatten wir lange darüber gesprochen, was im Kampf gegen Klimakrise und das Waldsterben in Deutschland alles gemacht werden kann. Schließlich bringt es aber nichts, sich immer nur zu unterhalten. Wir wollten ins Machen kommen“, erinnert sich Müller-Schulz (AGDW 2022). Dass sie selbst keine Försterinnen waren? Kein Hindernis. Sie gingen auf die Expertinnen und Experten zu, fragten, wo ihre Fähigkeiten helfen könnten. Im November 2019 gründeten sie die gemeinnützige Unternehmergesellschaft „Deutschland Forstet Auf“, im Januar 2020 ging die Plattform online (AGDW 2022). Aus einem Urlaubsgespräch war eine Bewegung geworden.
Wusstest du?
Die Idee zu „Deutschland Forstet Auf“ entstand nicht am Schreibtisch einer Förderorganisation, sondern während eines Familienurlaubs im Schwarzwald. Ein Zeitungsinterview wurde zum Gründungsimpuls (GoNature 2020).
Wo Hilflosigkeit in Handlung umschlägt
Das Prinzip ist so einfach wie wirkungsvoll: Forstleute, Waldbesitzende oder Landwirtinnen, die Hilfe bei Pflanzungen oder Pflegearbeiten benötigen, stellen ihre Aktionstage auf der Plattform ein – mit Datum, Ort und genauer Beschreibung, was zu tun ist. Freiwillige aus der Region können sich anmelden, kommen vorbei und packen an. Unternehmen finden so Kooperationspartner für Team-Events mit Sinn. Die Plattform übernimmt die Organisation, die Kommunikation, die Vernetzung (Deutschland Forstet Auf o.J.).
„Unser Ziel ist, dass unbürokratische und schnelle Hilfe dort ankommt, wo sie gebraucht wird“, beschreibt es Müller-Schulz. „In finanzieller Hinsicht, aber auch in Form von Men- oder Women-Power“ (AGDW 2022).
Was das konkret bedeutet, zeigt ein Blick auf die Zahlen: In den ersten Wochen nach dem Start standen bereits 40 Aktionstage aus ganz Deutschland auf der Plattform – viele davon ausgebucht. An den drei Wochenenden vor dem ersten Lockdown 2020 pflanzten mehrere hundert Freiwillige rund 35.000 Setzlinge (AGDW 2022). Bis Anfang 2024 waren es bereits über 115 Aktionstage, mehr als 3.400 Freiwillige haben mitgeholfen, über 262.000 Bäume in die Erde gebracht, 29 Hektar Wald gepflegt und über 13.000 Samen gesammelt oder ausgesät (Waldbesitzerverband Niedersachsen 2024).
Hinter diesen Zahlen stehen Momente, die man nicht vergisst: Menschen, die zum ersten Mal einen Setzling in der Hand halten. Förster, die erklären, warum dieser Baum hier stehen wird und jener nicht. Kinder, die Löcher graben, während Eltern die Pflanzen reichen. Und irgendwann, Jahre später, der Gang durch ein Stück Wald, das ohne diese Hände nicht existieren würde.
Mehr als nur Bäume pflanzen
Die Plattform beschränkt sich nicht auf reine Pflanzaktionen. Es geht um Samensammlung im Herbst, um Pflege junger Bestände, um Agroforstsysteme und Streuobstwiesen. Und immer steht der Gedanke im Vordergrund, dass die Expertinnen und Experten vor Ort entscheiden, was wirklich hilft (Deutschland Forstet Auf o.J.).
Das Team arbeitet bis heute rein ehrenamtlich. Mareike Krug, Susi Hensel und Björn Schneider – alle mehrere Stunden pro Woche neben Familie und Beruf – halten die Plattform am Laufen (we love energy o.J.). „Wichtig ist die Frage, wie es den Akteurinnen und Akteuren vor Ort hilft, weiterhin wirtschaftlich zu arbeiten“, betont Müller-Schulz. „Nur so können wir ganzheitlich helfen“ (AGDW 2022).
Wusstest du?
Bleiben gerodete oder geschädigte Waldflächen länger als zwei bis drei Jahre ohne Bewaldung, setzen Gräser und dichte Brombeer- oder Himbeerbestände ein. Diese erschweren die natürliche Wiederbewaldung erheblich – deshalb ist schnelles Handeln so entscheidend (we love energy o.J.).
Die Resonanz ist überwältigend. 2021 gewann das Projekt den Planet Hero Award der Zurich Versicherung im Bereich Klimaschutz, 2024 und 2025 setzte es sich beim Publikumsvoting des European Climate Fund der E.ON Foundation durch. Aktuell wird „Deutschland Forstet Auf“ vom Outdoor-Ausrüster Patagonia gefördert und erhält Mittel der Deutschen Postcode Lotterie (Deutschland Forstet Auf o.J.).
Für Waldbesitzende wie Michael Rost, der 45 Hektar Familienwald in Eigenregie bewirtschaftet, ist die Plattform zur unverzichtbaren Hilfe geworden. Bei einer Masterclass des Waldbesitzerverbandes berichtete er von seinen Erfahrungen – und ermutigte andere, den Schritt zu gehen und die Hilfe der Freiwilligen anzunehmen (Waldbesitzerverband Niedersachsen 2024).
Eine Bewegung, die weiterwächst
Bis 2045 wollen die Gründerinnen und Gründer von „Deutschland Forstet Auf“ dazu beitragen, dass Deutschland mit einem klimastabilen Mischwald aufgeforstet ist. Ein ambitioniertes Ziel. Aber wer die Menschen sieht, die an den Wochenenden mit Spaten und Eimern in den Wäldern stehen, versteht: Das ist keine Utopie. Das ist gelebte Praxis.
Die Plattform lebt von der Idee, dass jeder etwas tun kann – ohne Vorkenntnisse, ohne teure Ausrüstung, ohne langfristige Verpflichtung. Ein Tag im Wald, Dreck unter den Fingernägeln, das Gefühl, etwas bewegt zu haben. Und am Ende, nach Jahren, ein Stück Wald, das ohne diese Hände nicht existieren würde.
Wer sich beteiligen möchte, findet auf der Website alle aktuellen Aktionstage – sortiert nach Postleitzahl, einfach und unkompliziert. Denn am Ende, das ist die Überzeugung dieses Teams, zählt nicht die große Geste. Sondern der einzelne Baum. Und die Menschen, die ihn pflanzen.
Quellen:
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AGDW – Die Waldeigentümer. 2022. „Hilfe muss dort ankommen, wo sie gebraucht wird“. Interview mit Dr. Irene Seling und Gesa Müller-Schulz. [online] Verfügbar unter: https://www.waldeigentuemer.de/hilfe-muss-dort-ankommen-wo-sie-gebraucht-wird/ [Zugriff am 16. März 2026].
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Deutschland Forstet Auf. o.J. „Wir vernetzen Menschen, die etwas anpacken wollen!“ [online] Verfügbar unter: https://deutschland-forstet-auf.de/ [Zugriff am 16. März 2026].
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GoNature. 2020. „Deutschland Forstet Auf – Die Vernetzungsplattform für Forstleute, Waldbesitzende, Umweltschutzvereine, Unternehmen und Freiwillige“. [online] Verfügbar unter: https://gonature.de/projekte/deutschland-forstet-auf-die-vernetzungsplattform-fuer-forstleute-waldbesitzende-umweltschutzvereine-unternehmen-und-freiwillige [Zugriff am 16. März 2026].
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Waldbesitzerverband Niedersachsen e.V. 2024. „AGDW Masterclass | Deutschland forstet auf“. [online] Verfügbar unter: https://www.waldbesitzerverband-niedersachsen.de/index.php/aktuelles/veranstaltungen/Eventdetail/242/-/agdw-masterclass-deutschland-forstet-auf [Zugriff am 16. März 2026].
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we love energy. o.J. „Deutschland Forstet Auf“. [online] Verfügbar unter: https://we-love-energy.com/projekte/lebensmittel-landnutzung/deutschland-forstet-auf/ [Zugriff am 16. März 2026].
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