„Wenn ich das geschafft habe, kann ich alles schaffen“: Wie Bike Bridge Frauen, Kinder und Senioren in Freiburg aufs Rad bringt

Es ist ein warmer Samstagmorgen auf dem Verkehrsübungsplatz in Freiburg. Eine Gruppe Frauen steht unsicher neben Fahrrädern, die Hände am Lenker, die Blicke konzentriert nach vorn. Manche haben noch nie auf einem Rad gesessen. Andere sind vor Jahren das letzte Mal gefahren. Dann geht es los – wacklig erst, dann sicherer, und plötzlich ein Aufschrei der Freude: Die erste Frau rollt allein, ohne Hilfe, zehn Meter weit. Die anderen klatschen, lachen, einige haben Tränen in den Augen. In diesem Moment wird klar: Hier passiert mehr als nur Fahrradfahren.

2015, als Hunderttausende Schutzsuchende nach Deutschland kamen, entstanden in Freiburg überall neue Unterkünfte. Sportangebote für Kinder gab es schnell, auch die Männer fanden zusammen auf dem Fußballplatz. Doch die Frauen blieben unsichtbar – isoliert in den Unterkünften, ohne Kontakt zur Stadtgesellschaft. Drei junge Sportwissenschaftlerinnen – Shahrzad Enderle, Lena Pawelke und Clara Speidel – beschlossen, das zu ändern (bikebridge.org 2025; Spiegel 2017).

Ihre Idee: Frauen mit und ohne Fluchtgeschichte zusammenzubringen – und zwar auf dem Fahrrad. Was so einfach klingt, war revolutionär. Denn viele der Frauen hatten in ihren Herkunftsländern nie Rad fahren dürfen oder können. In Afghanistan, im Iran oder in Teilen Afrikas ist es für Mädchen und Frauen oft nicht vorgesehen, Fahrrad zu fahren – aus kulturellen, gesellschaftlichen oder politischen Gründen (Spiegel 2017; ghst.de 2025).

Wusstest du?
Eine der Gründerinnen, Shahrzad Enderle, stammt selbst aus dem Iran. Als Jugendliche wurde sie dort von einem Mann gestoppt mit den Worten: „Du verhältst dich wie ein Junge, so darfst du nicht durch die Gegend fahren.“ Ihre Antwort damals: „Ich tue, was immer ich für richtig halte.“ Heute bringt sie anderen Frauen das Radfahren bei – in Freiburg (Spiegel 2017).

Vom Piloten zum Netzwerk

Was 2015 als kleiner Pilotkurs mit 32 Frauen begann, entwickelte sich rasant. Im Folgejahr waren es bereits vier Kurse mit über 80 Frauen. 2017 erhielt die Initiative den mit 50.000 Euro dotierten Deutschen Integrationspreis der Hertie-Stiftung – ein Meilenstein, der alles veränderte. „Der Preis war unser Startschuss für die Vereinsgründung, erste hauptamtliche Stellen und für öffentliche Sichtbarkeit“, erinnert sich Lena Pawelke, heute geschäftsführende Vorständin (ghst.de 2025; bikebridge.org 2025).

Im Dezember 2017 gründeten die drei Frauen den gemeinnützigen Verein Bike Bridge e.V. – und seither ist viel passiert. Aus dem einen Kurs in Freiburg wurde ein bundesweites Netzwerk mit Standorten in Stuttgart, Frankfurt, Hamburg, Köln, München, Leipzig und Berlin. In Frankreich gibt es eine Schwesterorganisation, und mehr als 300 Ehrenamtliche engagieren sich heute für die Idee (bikebridge.org 2025; postcode-lotterie.de 2025).

Drei Programme bilden das Herzstück der Arbeit: Bike & Belong – die Fahrradkurse für Frauen mit und ohne Flucht- und Migrationserfahrung. Radeln ohne Alter – Rikscha-Ausfahrten für Senior*innen mit Mobilitätseinschränkungen. Und das Bike Café – ein mobiler Begegnungsort mit Kaffee, Kuchen und Workshops, bei dem ehemalige Teilnehmerinnen selbst mit anpacken (bikebridge.org 2025; postcode-lotterie.de 2025).

Wusstest du?
Alle Programme von Bike Bridge sind kostenlos. Finanziert werden sie durch Stiftungen, Spenden und Förderer wie die Postcode Lotterie, die den Verein 2025 mit 250.000 Euro unterstützte (postcode-lotterie.de 2025).

Mehr als Mobilität

Was das Fahrradfahren bei den Frauen auslöst, geht weit über die praktische Fähigkeit hinaus. Eine Follow-up-Studie der Mitgründerin Shahrzad Enderle belegt: Radfahren ist für sie ein Schlüssel zu sozialer Mobilität – verstanden als die Möglichkeit, die eigene soziale und wirtschaftliche Position zu verbessern (ghst.de 2025).

„Zu Beginn steht oft nur der Wunsch im Vordergrund, eine alltägliche Fähigkeit zu erwerben“, sagt Lena Pawelke. „Doch im Rückblick beschreiben die Frauen, wie viel mehr dahintersteckt. Als Erwachsene eine solche Kompetenz zu erwerben, die ihnen plötzlich räumliche, soziale und nachhaltige Mobilität eröffnet, wirkt tiefgreifend. Diese Erfahrung löst häufig einen starken Schub an Selbstwirksamkeit aus. Viele Frauen formulieren es genauso: ‚Wenn ich das geschafft habe, kann ich alles schaffen.‘“ (ghst.de 2025)

Das Angebot wirkt auch auf die Ehrenamtlichen zurück: „Viele berichten, dass sie selbst Kompetenzen entwickeln, die ihnen in anderen Bereichen zugutekommen – Kommunikation, Teamleitung, Selbstvertrauen“ (ghst.de 2025).

Radeln ohne Alter und Bike Café

Seit 2020 erweitert Bike Bridge sein Angebot. In Kooperation mit Radeln ohne Alter Deutschland e.V. starteten die Freiburger Rikscha-Ausfahrten für Seniorinnen – unter dem Motto „Jeder hat ein Recht auf Wind in den Haaren“. Mit vier (bald fünf) Rikschas und über 40 ehrenamtlichen Pilot*innen wurden 2023 bereits 500 Fahrten absolviert – regelmäßig in 17 Kooperationseinrichtungen, aber auch als individuelle Wunschfahrten für Privatpersonen (bikebridge.org 2024; bikebridge.org 2026).

Das Bike Café wiederum schafft einen mobilen Begegnungsort bei Veranstaltungen in Freiburg. Hier kommen Menschen bei Kaffee und Kuchen ins Gespräch, Berührungsängste werden abgebaut. Besonders schön: Ehemalige Teilnehmerinnen der Fahrradkurse arbeiten hier mit – sammeln erste Arbeitserfahrungen, entdecken ihre Fähigkeiten und werden Teil der Gemeinschaft (bikebridge.org 2025; postcode-lotterie.de 2025).

Und die Kinder?

Seit 2022 gibt es Bike & Belong auch für Kids & Teens – ein Angebot, das an Schulen und in Jugendgruppen umgesetzt wird. Der Bedarf ist riesig: Immer mehr Kinder können nicht mehr sicher Rad fahren. Laut Deutscher Verkehrswacht besteht jedes fünfte Kind die Fahrradprüfung in der 4. Klasse nicht. Besonders Kinder mit Flucht- und Migrationserfahrung brauchen niedrigschwellige Trainings (barbara-carl-stiftung.de 2025; ghst.de 2025).

Gefördert unter anderem von der Barbara Carl Stiftung, starten 2026 in Freiburg neue Kurse für Grundschulkinder – mit Verkehrsübungen, Spiel und Spaß, und dem Ziel: sicheres Radfahren, mehr Mobilität und aktive Teilhabe am Stadtgeschehen (barbara-carl-stiftung.de 2025).

Was bleibt

Bike Bridge ist heute mehr als ein Verein. Er ist Mitgründer des bundesweiten „Sport for Development“-Netzwerks Deutschland, das Organisationen zusammenbringt, die mit Sport gesellschaftliche Teilhabe fördern (ghst.de 2025). Und er ist ein Ort, an dem jeden Tag aufs Neue bewiesen wird, dass das Fahrrad weit mehr kann als von A nach B bringen: Es kann Brücken bauen – zwischen Menschen, zwischen Kulturen, zwischen Generationen.


Quellen:


guteideenblog.org sollte ein interner Link sein. guteideenblog.org © 2025 by Gute Ideen ist lizenziert unter CC BY 4.0. Kurz erklärt: Nutze alles und verlinke auf diesen Artikel.

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