Zwei Wochen ohne Instagram – Eine Schülerin aus Rheinland-Pfalz beweist: Social-Media-Entzug senkt den Stresspegel von Jugendlichen signifikant
Es war eine Frage, die Luise Frössler nicht mehr losließ: Was passiert eigentlich mit unserem Körper, wenn wir plötzlich aufhören, durch Instagram, TikTok und Snapchat zu scrollen? Die Schülerin aus Rheinland-Pfalz, die 2025 mit ihrem Projekt beim Bundeswettbewerb Jugend forscht antrat, wollte es genau wissen. Also entwarf sie ein Experiment, das einfach klang, aber aufwendig war: 14 Tage lang verzichteten ihre Mitschülerinnen und Mitschüler komplett auf soziale Medien. Luise maß vorher und nachher ihren Stresspegel – und stieß auf Ergebnisse, die selbst sie überraschten.
Die Idee zu ihrer Forschung kam Luise nicht im Labor, sondern im ganz normalen Schulalltag. Wie die meisten Jugendlichen verbrachte auch sie täglich Stunden in sozialen Netzwerken. Doch je mehr sie darüber las, desto klarer wurde ihr: Die Forschungslage zum Zusammenhang von Social Media und Stress ist dünn. Zwar gibt es zahlreiche Studien, die Zusammenhänge zwischen intensiver Nutzung und psychischen Belastungen zeigen, doch die meisten sind sogenannte Querschnittstudien – sie messen nur einen Moment und können keine Ursachen belegen (Deutsches Ärzteblatt 2025a). Was fehlte, waren experimentelle Untersuchungen, die zeigen, was passiert, wenn man die Nutzung tatsächlich verändert. Genau diese Lücke wollte Luise schließen.
Wusstest du? Nach Angaben des Instituts für Therapieforschung verbringen Kinder und Jugendliche werktags im Durchschnitt 2,5 Stunden in sozialen Medien, sonntags sogar 3,5 Stunden. Experten vermuten, dass die tatsächlichen Werte noch höher liegen (Deutsches Ärzteblatt 2025b).
Wie man Stress biologisch messbar macht
Luises Ansatz war ungewöhnlich für ein Schulprojekt: Sie beschränkte sich nicht auf Fragebögen, in denen ihre Probanden nur angeben mussten, wie gestresst sie sich fühlten. Sie wollte objektive Daten. Deshalb sammelte sie vor und nach der zweiwöchigen Social-Media-Pause Speichelproben ihrer Mitschüler. Daraus ließ sie den Gehalt des Stresshormons Cortisol bestimmen – ein etablierter biologischer Marker für körperliche Stressreaktionen.
Die Wahl ihrer Probanden traf sie bewusst: Es sollten Jugendliche sein, die zuvor regelmäßig soziale Medien nutzten, aber keine klinisch diagnostizierten psychischen Störungen aufwiesen. Denn Studien zeigen, dass Jugendliche mit internalisierenden Störungen wie Angst oder Depression nicht nur mehr Zeit in sozialen Medien verbringen, sondern auch anfälliger für problematische Nutzungsmuster wie intensiven sozialen Vergleich sind (Deutsches Ärzteblatt 2025a; Univadis 2025). Luise wollte wissen, wie sich der Entzug bei gesunden Jugendlichen auswirkt.
Die Versuchsanordnung war streng: Zwei Wochen lang kein Instagram, kein TikTok, kein Snapchat, kein WhatsApp. Nicht einmal kurzes Checken war erlaubt. Wer gegen die Regeln verstieß, musste es dokumentieren. Parallel führten die Teilnehmer Tagebuch über ihr Befinden. Luise wertete die Daten anonymisiert aus und verglich sie mit einer Kontrollgruppe, die weitermachte wie bisher.
Was die Daten zeigten
Die Ergebnisse waren eindeutig. Bei der Mehrheit der Teilnehmer sank der Cortisolspiegel nach der zweiwöchigen Pause signifikant. Besonders ausgeprägt war der Effekt bei denjenigen, die vorher überdurchschnittlich viel Zeit in sozialen Medien verbracht hatten. Subjektiv berichteten viele von besserem Schlaf, weniger innerer Unruhe und mehr Konzentration im Unterricht.
Diese Befunde passen in ein größeres Bild, das die Forschung in den letzten Jahren gezeichnet hat. Das im August 2025 veröffentlichte Diskussionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina kommt zu dem Schluss, dass bei intensiver Nutzung sozialer Medien negative Auswirkungen auf das psychische, emotionale und soziale Wohlbefinden auftreten können – darunter Depressions- und Angstsymptome, Aufmerksamkeits- oder Schlafprobleme (Leopoldina 2025). Luises Arbeit liefert einen experimentellen Beleg für diese Zusammenhänge, der über reine Korrelationsstudien hinausgeht.
Die Autorinnen und Autoren der Leopoldina sprechen sich angesichts der Studienlage für die Anwendung des Vorsorgeprinzips aus: Vorbeugende Maßnahmen sollten ergriffen werden, wenn es Hinweise auf mögliche schädliche Auswirkungen gibt, auch wenn wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt ist, wie groß das Risiko tatsächlich ist (Kinderärztliche Praxis 2025). Luises Forschung liefert genau solche Hinweise.
Wusstest du? Eine italienische Längsschnittstudie aus dem Jahr 2025 ergab, dass 25,6 Prozent der Jugendliche eine konsistente problematische Nutzung sozialer Medien zeigen, vor allem als übermäßiger TikTok-Konsum mit durchschnittlich 4,5 Stunden täglich. Diese Jugendlichen berichteten besonders häufig von geringer sozialer Unterstützung und einer starken Tendenz zum sozialen Vergleich im Netz (Medscape 2025).
Nicht alle Jugendlichen sind gleich
Eine wichtige Erkenntnis aus Luises Arbeit ist, dass die Wirkung von Social Media nicht für alle gleich ist. In ihrer Stichprobe gab es Jugendliche, die den Entzug als befreiend erlebten, und solche, die sich abgeschnitten und isoliert fühlten. Dieser Befund deckt sich mit aktuellen Forschungsergebnissen, die verschiedene Nutzertypen identifizieren. Eine Studie der Universität Palermo unterschied drei klar voneinander abgrenzbare Gruppen: gesunde Personen ohne Auffälligkeiten, vulnerable Jugendliche mit emotionaler Belastung und geringer Selbstregulation, sowie stark involvierte Nutzer, die zwar viel Zeit online verbrachten, aber nicht zwangsläufig suchttypisches Verhalten zeigten (Medscape 2025). Die reine Nutzungsdauer allein ist demnach kein verlässlicher Indikator für problematischen Gebrauch.
Die Expertin Anne-Linda Camerini von der Universität Lugano betont: „Es ist nicht nur die Zeit, die Jugendliche auf Plattformen wie Instagram und TikTok verbringen, sondern auch, wie sie sich bei der Nutzung fühlen und welche Prozesse die Nutzung auslöst“ (Univadis 2025). Luises Forschung greift diese Differenzierung auf: Sie fragte ihre Probanden nicht nur nach der Dauer der Nutzung, sondern auch nach emotionalen Reaktionen, sozialen Vergleichen und dem Gefühl von Kontrollverlust.
Was die Forschung für den Alltag bedeutet
Die Handlungsempfehlungen, die aus solchen Forschungsergebnissen abgeleitet werden, sind weitreichend. Die Leopoldina schlägt konkrete Maßnahmen vor, um Kinder und Jugendliche besser vor negativen Folgen sozialer Medien zu schützen: Kinder unter 13 Jahren sollten demnach keine Social-Media-Accounts einrichten dürfen, für 13- bis 15-Jährige sollte die Nutzung nur mit elterlicher Zustimmung möglich sein, und für 13- bis 17-Jährige sollten Plattformen altersgerecht gestaltet werden – etwa durch Verbot personalisierter Werbung oder Unterbindung suchterzeugender Funktionen wie Push-Nachrichten und endloses Scrollen (Deutsches Ärzteblatt 2025b; Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 2025).
Luises Arbeit zeigt, dass solche Regulierungen auf einer soliden wissenschaftlichen Basis stehen können. Zugleich macht sie deutlich, wie wichtig weitere Forschung ist. Die Datenlage zum Zusammenhang von psychischer Gesundheit und Social-Media-Nutzung ist nach wie vor im Aufbau, und insbesondere für jüngere Kinder gibt es kaum verlässliche Zahlen (Deutsches Ärzteblatt 2025b).
Was bleibt
Wenn Luise Frössler heute durch die Gänge ihrer Schule geht, begegnen ihr manche Mitschüler mit neuem Respekt. Die, die bei ihrem Experiment mitgemacht haben, erzählen noch immer von den zwei Wochen ohne Handy – von der plötzlich gewonnenen Zeit, von Gesprächen mit Eltern, von Abenden, an denen sie tatsächlich ein Buch in die Hand nahmen. Und Luise selbst? Sie forscht weiter. Ihr nächstes Projekt soll untersuchen, wie lange die positiven Effekte eines Social-Media-Entzugs anhalten – und ob kürzere Pausen ähnliche Wirkung zeigen. Die Wissenschaft hat gerade erst begonnen, die komplexe Beziehung zwischen unseren Bildschirmen und unserem Stress zu verstehen. Luise hat einen wichtigen Stein dazu beigetragen.
Quellen:
-
Deutsches Ärzteblatt 2025a. „Digitalisierung: Psychisch kranke Jugendliche verbringen mehr Zeit auf sozialen Medien“. [online] Verfügbar unter: https://www.aerzteblatt.de/archiv/titel/pp/2025/9/digitalisierung-psychisch-kranke-jugendliche-verbringen-mehr-zeit-auf-sozialen-medien-f414f773-d0f6-402e-8335-857a096ae65b
-
Deutsches Ärzteblatt 2025b. „Social-Media-Nutzung von Kindern und Jugendlichen: Politik und Gesellschaft müssen jetzt reagieren“. [online] Verfügbar unter: https://www.aerzteblatt.de/archiv/titel/pp/2025/9/social-media-nutzung-von-kindern-und-jugendlichen-politik-und-gesellschaft-muessen-jetzt-reagieren-ba287262-9a68-454d-a208-27518b3824a9
-
Kinderärztliche Praxis 2025. „Leopoldina-Diskussionspapier: Soziale Medien und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“. [online] Verfügbar unter: https://www.kinderaerztliche-praxis.de/a/leopoldina-diskussionspapier-soziale-medien-und-die-psychische-gesundheit-von-kindern-und-jugendlichen-2538233
-
Leopoldina 2025. „Altersgrenzen für Social Media und Einschränkung suchterzeugender Funktionen“. [online] Verfügbar unter: https://www.leopoldina.org/presse-1/pressemitteilungen/pressemitteilung/press/3154/
-
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 2025. „Soziale Medien: Mehr Schutz für Kinder und Jugendliche gefordert“. [online] Verfügbar unter: https://www.mpib-berlin.mpg.de/meldungen/diskussionspapier-soziale-medien
-
Medscape 2025. „Wenn TikTok & Co. zur Gefahr werden: Jeder 4. Teenager nutzt Social Media problematisch“. [online] Verfügbar unter: https://deutsch.staging.medscape.com/s/artikelansicht/4915115
-
Univadis 2025. „Psychische Probleme durch soziale Medien: weiterhin nur eine Vermutung“. [online] Verfügbar unter: https://www.univadis.de/viewarticle/psychische-probleme-soziale-medien-weiterhin-nur-vermutung-2025a1000bhr
guteideenblog.org sollte ein interner Link sein. guteideenblog.org © 2025 by Gute Ideen ist lizenziert unter CC BY 4.0. Kurz erklärt: Nutze alles und verlinke auf diesen Artikel.

Ein Kommentar