Bei der solidarischen landwirtschaft arbeitet man mit dem landwirt zusammen. Foto von Anna Shvets: https://www.pexels.com/de-de/foto/freunde-manner-frauen-sitzung-5029769/

Gemeinsam ernten: Wie die Solidarische Landwirtschaft Bauernhöfe und Menschen neu verbindet

(Deutschland/weltweit) – Jeden Freitag holen Maria und ihre Kinder ihre Gemüsekiste ab. Nicht im Supermarkt, nicht bei einem Lieferdienst – sondern auf dem Hof, ein paar Kilometer vor der Stadt. Sie kennen den Bauer, kennen die Felder, kennen die Jahreszeiten. Und wenn der Sommer trocken war und die Tomaten kleiner ausgefallen sind als erhofft, wissen sie warum. Sie haben den Hof mitfinanziert – und tragen das Risiko gemeinsam. Das ist Solidarische Landwirtschaft. Und sie wächst: 2025 gibt es in Deutschland fast 500 solcher Höfe – 2008 waren es noch neun. 

In den Supermärkten liegen Tomaten das ganze Jahr, Erdbeeren im Januar, Äpfel aus Chile. Der Preis ist niedrig, der Weg lang, die Verbindung zum Erzeuger gleich null. Auf der anderen Seite: Tausende Landwirtschaftsbetriebe geben jährlich auf, weil der Kostendruck zu gross, der Erlös zu gering und die Planbarkeit zu unsicher ist. Zwei Krisen, die einander spiegeln – und die die Solidarische Landwirtschaft, kurz Solawi, mit einem alten Prinzip zu lösen versucht.

Was eine Solawi ist – und was sie nicht ist

Eine Solawi ist keine Abobox, die man monatlich bestellen oder kündigen kann. „Solawi ist nicht zu verwechseln mit der Abokiste“, erklärt Stephanie Wild vom Netzwerk Solidarische Landwirtschaft. „Damit die Erzeugerinnen und Erzeuger Planungssicherheit erhalten, legen sich die Mitglieder einer Solawi für ein Jahr beziehungsweise eine Saison fest, Teil der Gemeinschaft zu sein.“ (Ökolandbau.de 2024)

Das Prinzip dahinter ist radikal einfach: Eine Gruppe von Haushalten finanziert gemeinsam die Jahreskosten eines Hofes im Voraus – Löhne, Maschinen, Saatgut, Pacht. Was wächst, wird geteilt. Im Sommer mehr, im Winter weniger. Was nicht wächst, weil Frost oder Trockenheit die Ernte dezimiert hat, tragen alle gemeinsam. „Die Menschen möchten ihren ökologischen Fußabdruck minimieren und wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen – einfach regionaler, transparenter und nachhaltiger einkaufen“, beschreibt Stefanie Schulze Schleithoff vom Netzwerk Solidarische Landwirtschaft, was die meisten antreibt. (Ökolandbau.de 2025)

Entstanden ist die Idee in den 1960er und 1970er Jahren in Japan, wo engagierte Verbraucherinnen und Verbraucher gegen den wachsenden Einsatz von mineralischer Düngung und chemischem Pflanzenschutz protestierten und direkte Partnerschaften mit Bauernhöfen schlossen. (Netzwerk Solidarische Landwirtschaft; Landwirtschaftskammer NRW) In Deutschland wurde 1988 der Buschberghof als erster Solawi-Betrieb gegründet.

Warum beide Seiten gewinnen

Für den Hof bedeutet eine Solawi vor allem eines: Planungssicherheit. Der Betrieb erhält ein gesichertes Einkommen, teilt das Risiko der Produktion, gewinnt einen größeren Gestaltungsspielraum für seine Arbeit und – in den Worten einer Betriebsleiterin – die Wertschätzung, die man vom Handel nicht bekommt. (Ökolandbau.de 2024)

Ulla Tigges vom Tiggeshof in Nordrhein-Westfalen bringt es auf den Punkt: „Solawi gibt uns das Gefühl, nicht mehr alleine zu sein. Es macht den Hof und unsere Arbeit bunter und gibt uns die Wertschätzung, die man vom Handel nicht bekommt.“ (Ökolandbau.de 2025)

Für die Mitglieder geht es um mehr als frisches Gemüse. Es geht um Transparenz, um Einblick in Produktionsbedingungen, um die Möglichkeit mitzuhelfen, wenn es Arbeitsspitzen gibt. Und es geht um das Gefühl, Teil von etwas zu sein – einer Gemeinschaft, die gemeinsam Verantwortung trägt.

Wusstest du? Viele Solawis nutzen ein solidarisches Bieterverfahren: Einmal im Jahr legen alle Kosten des Hofes auf den Tisch – 🟠 oft über 200.000 Euro bei größeren Betrieben – dann gibt jedes Mitglied anonym an, was es beitragen kann. Wenn die Summe nicht reicht, geht die Runde weiter. So können Menschen mit weniger Einkommen trotzdem dabei sein. (BZfE 2025)

Eine Bewegung, die wächst

2025 sind beim Netzwerk Solidarische Landwirtschaft über 485 bestehende Solawis registriert, 95 weitere befinden sich in Gründung. Besonders in Baden-Württemberg, Niedersachsen und Bayern macht die gemeinschaftliche Landwirtschaft derzeit Boden gut. (Ökolandbau.de 2025)

Wer eine Solawi in seiner Nähe sucht, findet auf ernte-teilen.org eine interaktive Karte aller registrierten Solawis in Deutschland – entstanden aus dem Frust von Simon Jockers und seinen Freunden, die selbst frustriert waren, wie schwer es war, eine Solawi zu finden. Mit Unterstützung der Open Knowledge Foundation Deutschland bauten sie die Plattform auf, die seitdem kontinuierlich weiterentwickelt wird. (Ernte-teilen.org 2016)

Wusstest du? In Deutschland hat sich die Zahl der Betriebe, die nach dem Solawi-Modell wirtschaften, in den vergangenen zehn Jahren verzehnfacht. Und jährlich geben Tausende Landwirtschaftsbetriebe auf, weil sie sich nicht mehr wirtschaftlich führen lassen oder keine Nachfolger finden. Das Solawi-Modell könnte für einige dieser Höfe ein Weg sein. (UFZ 2024)

Wäre es etwas für Dich bei einer Solidarischen Landwirtschaft mitzumachen? Oder bist du schon Mitglied? Bitte kommentiere deine Erfahrungen unten in den Kommentaren.

 


Quellen:

BZfE (2025): Solidarische Landwirtschaft. Verfügbar unter: https://www.bzfe.de/essen-und-zukunft/orte-des-wandels/solidarische-landwirtschaft

Ernte-teilen.org (2016): Ernte teilen – Solidarische Landwirtschaft finden. Verfügbar unter: http://ernte-teilen.org/

LfL Bayern (2024): Solidarische Landwirtschaft. Verfügbar unter: https://www.lfl.bayern.de/iba/diversifizierung/257824/index.php

Netzwerk Solidarische Landwirtschaft (2025): Startseite. Verfügbar unter: https://www.solidarische-landwirtschaft.org

Ökolandbau.de (2024): Lohnt sich eine Solidarische Landwirtschaft für meinen Bio-Betrieb? Verfügbar unter: https://www.oekolandbau.de/bio-in-der-praxis/oekologische-landwirtschaft/diversifizierung/solidarische-landwirtschaft/

Ökolandbau.de (2025): Die Solidarische Landwirtschaft boomt. Verfügbar unter: https://www.oekolandbau.de/umwelt-und-gesellschaft/ernaehrung-und-landwirtschaft/ernaehrungsdemokratie/solidarische-landwirtschaft-boomt/

UFZ (2024): Solidarische Landwirtschaft als ein Lösungsweg? Verfügbar unter: https://www.ufz.de/index.php?de=36336&webc_pm=06/2024


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