Bioplastik aus Algen – Japans Suche nach dem nachhaltigen Kunststoff [Japan]

Algen wachsen zwanzigmal schneller als Bäume. Sie brauchen kein Trinkwasser, keine Ackermonate, keinen Dünger. Sie binden CO₂, während sie wachsen, und können in Salzwasser gedeihen. Für ein Land wie Japan, das von Meer umgeben ist und unter Platzmangel leidet, sind sie ein Traumrohstoff. Und immer mehr Forscher, Start-ups und Unternehmen in Japan arbeiten daran, aus diesem Traum Realität werden zu lassen – mit Bioplastik aus Algen (Creative City Berlin 2024).

[Wusstest du? Von den über 300.000 Algenarten weltweit sind erst etwa 30 gut erforscht und werden vom Menschen genutzt. Die restlichen 90 Prozent harren noch ihrer Entdeckung – ein riesiges Potenzial für neue Materialien und Anwendungen (Bangkok Post 2023).]

Ein Berliner Start-up mit japanischem Namen

Die Geschichte beginnt nicht in Japan, sondern in Berlin – aber sie hat eine starke japanische Verbindung. Das Start-up mujō (japanisch für „Vergänglichkeit“) wurde 2018 von der Designerin Juni Sun Neyenhuys, der Wirtschaftsingenieurin Annekathrin Grüneberg und der Designerin Malu Lücking gegründet. Ihr Ziel: ein Verpackungsmaterial aus Algen zu entwickeln, das Produkte so gut schützt wie Plastik, aber vollständig kompostierbar ist (Creative City Berlin 2024).

Die Idee entstand, als Neyenhuys an der Kunsthochschule Weißensee mit Braunalgen experimentierte und an ihre naturwissenschaftlichen Grenzen stieß. Ein Professor der TU Berlin brachte sie mit Grüneberg zusammen, und aus der Zusammenarbeit wurde eine Firma. Heute arbeitet mujō an einer transparenten, flexiblen Folie aus Alginat – einem Kohlenhydrat, das aus Braunalgen gewonnen wird. Das Verfahren ist so einfach, dass man es sogar zu Hause nachmachen kann (Creative City Berlin 2024).

Das Team wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Berliner Startup-Stipendium und einem mit 400.000 Euro dotierten Preis des Philip-Morris-Ideenwettbewerbs. „Wir haben darüber diskutiert, ob wir das Geld annehmen sollen“, sagt Grüneberg. „Wenn wir es annehmen, dann ist Philip Morris ja auch Teil der Geschichte.“ (Creative City Berlin 2024).

[Wusstest du? Der Name mujō stammt aus dem Japanischen und beschreibt die Vergänglichkeit aller Dinge – ein buddhistisches Konzept, das perfekt zu einem biologisch abbaubaren Produkt passt.]

Japan forscht mit Hochdruck

Während mujō in Berlin tüftelt, forscht Japan selbst mit Hochdruck an algenbasierten Kunststoffen. Das Nationale Institut für fortgeschrittene Industriewissenschaft und Technologie (AIST) entwickelt neue Organismen auf Basis von Euglena (Augentierchen), einem einzelligen Organismus, der sowohl pflanzliche als auch tierische Eigenschaften hat. Die Forscher züchten die Mikroalgen so, dass sie Bioplastik, optische Folien und sogar Fasern produzieren (AIST 2025).

Das Unternehmen TSUKASA PETCO arbeitet an der Kommerzialisierung von Polyhydroxyalkanoat (PHA), einem pflanzenbasierten, biologisch abbaubaren Polyester, der aus Algen gewonnen wird. „Dieser pflanzenbasierte, biologisch abbaubare Kunststoff, der mit Hilfe von Algen hergestellt wird, bietet eine nachhaltige Alternative zu herkömmlichen Kunststoffen“, sagt Präsident Eishi Morita (TSUKASA PETCO 2025).

Auch die Tokyo University of Technology ist aktiv. Die Forscher Kohei Iritani und Akihito Nakanishi entwickeln sogenannte „Zell-Kunststoffe“ (cell-plastics), bei denen einzellige Grünalgen als Rohstoff dienen. Die Algenzellen werden direkt in das Material eingebaut – ein völlig neuer Ansatz, der ohne aufwendige Extraktion auskommt (Tokyo University of Technology 2025).

Expo 2025: Algenhocker aus dem 3D-Drucker

Auf der Weltausstellung Expo 2025 in Osaka, die im April 2025 eröffnet wurde, zeigt Japan der Welt, was mit Algen möglich ist. Im Japan-Pavillon stehen 50 bunte Hocker, die vollständig aus Algen und einem pflanzenbasierten Kunststoff namens DURABIO hergestellt wurden. Entwickelt wurden sie von einem Team der Keio-Universität unter der Leitung von Hiroya Tanaka, dem Direktor des dortigen Digital Manufacturing and Design Research Center (Mitsubishi Chemical 2025).

Das Material ist eine Mischung aus Algen und DURABIO, einem Biokunststoff auf Pflanzenbasis, der von Mitsubishi Chemical hergestellt wird. DURABIO zeichnet sich durch hohe Transparenz, Witterungsbeständigkeit und eine gute Eignung für 3D-Drucker aus – eine ideale Kombination für die Herstellung der filigranen, farblich verlaufenden Hocker (Mitsubishi Chemical 2025).

„Dieser Stuhl entstand aus einer etwa einjährigen Zusammenarbeit zwischen herausragenden Forschern“, erklärt das Unternehmen. Rund 50 dieser Hocker werden während der Expo im Japan-Pavillon zu sehen sein (Mitsubishi Chemical 2025).

Die Zukunft der Algenkunststoffe

Noch sind algenbasierte Kunststoffe teurer als herkömmliches Plastik und oft nur in kleinen Mengen verfügbar. Doch das Interesse wächst. Immer mehr Unternehmen erkennen, dass sie langfristig auf fossile Rohstoffe verzichten müssen – und dass die Ozeane eine unerschöpfliche Quelle nachwachsender Rohstoffe sind.

Die Herausforderungen bleiben gewaltig. Die Extraktion von Alginat ist aufwendig, die Produktion teuer, die Entsorgung ungeklärt. mujō-Mitgründerin Annekathrin Grüneberg bringt es auf den Punkt: „Wer einen Heimkompost hat, kann unser Material dort getrost entsorgen. In unserer Wunschwelt kann man unsere Algenfolie auch in die Biotonne werfen, aber das geht leider noch nicht.“ (Creative City Berlin 2024).

Dennoch: Die Richtung stimmt. Von Berlin über Tokio bis Osaka tüfteln Forscher und Unternehmer an einer Zukunft, in der unsere Verpackungen nicht mehr aus Erdöl, sondern aus Algen bestehen. Und eines Tages, vielleicht, werden wir auf Hockern sitzen, die aus dem Meer gewachsen sind.


Quellen:

guteideenblog.org sollte ein interner Link sein. guteideenblog.org © 2025 by Gute Ideen ist lizenziert unter CC BY 4.0. Kurz erklärt: Nutze alles und verlinke auf diesen Artikel.

Ähnliche Beiträge

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert