Blinde Weber in Ghana – Wie ein Kunstprojekt in Wa neue Wege geht [Ghana]

Stell dir vor, du spürst den Ton zwischen deinen Fingern, formst ihn zu Figuren, ohne sie je zu sehen. Du tauchst Stoff in Indigo, riechst die tiefblaue Farbe, spürst, wie sie sich mit dem Gewebe verbindet. Du hörst die Geschichten der anderen, die mit dir arbeiten – und weißt, dass deine eigenen Hände etwas schaffen, das gesehen wird. In der Kleinstadt Wa im Nordwesten Ghanas, nahe der Grenze zu Burkina Faso, passiert genau das. Hier, in der „Wa Methodist School for the Blind“, arbeiten blinde und sehbehinderte Kinder und Jugendliche mit Ton, mit Textilien, mit Farben – und entdecken dabei nicht nur ihre Kreativität, sondern auch eine neue Art, die Welt zu begreifen (base Angewandte 2024).

*[Wusstest du? Das Nubuke Centre for Textiles and Clay in Wa wurde 2014 aufgebaut. Seit 2018 finden hier regelmäßig Workshops statt, die lokale Gemeinschaften, Weber und insbesondere Schüler der Blinden- und Gehörlosenschule einbeziehen. Es ist eines der wenigen Projekte dieser Art in Westafrika.]*

Eine Brücke zwischen Wien und Wa

Die Geschichte des Projekts beginnt nicht in Ghana, sondern in Wien. Die Universität für Angewandte Kunst unterhält seit Jahren eine besondere Partnerschaft mit der Nubuke Foundation, einer ghanaischen Kulturorganisation. Gemeinsam bauten sie das „Nubuke Centre for Textiles and Clay“ auf – einen Ort, an dem traditionelles Handwerk bewahrt, weiterentwickelt und mit zeitgenössischer Kunst verbunden wird (Universität für Angewandte Kunst Wien 2024).

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen. Die Kunstpädagogin Karin Altmann und ihr Team entwickelten spezielle Workshops, die auf die Fähigkeiten blinder und sehbehinderter Schüler zugeschnitten sind. Statt visueller Eindrücke stehen hier andere Sinne im Mittelpunkt: das Fühlen, das Riechen, das Hören (Universität für Angewandte Kunst Wien 2024).

Wenn Hände sehen lernen

In einem Workshop im Jahr 2023 arbeiteten die Schüler mit Indigo, einer der ältesten und faszinierendsten Pflanzenfarben der Welt. „Blue Hour – Tell me your Blue of the Sky“ hieß das Projekt, das den blinden Kindern das Färben als sinnliches, emotionales und haptisches Erlebnis nahebrachte (base Angewandte 2024).

Indigo wurde hier nicht nur als Farbe verstanden, sondern als Metapher für das Leben selbst. Die Schüler wurden eingeladen, über ihre persönlichen Eindrücke und Geschichten zu sprechen – über den Himmel, über bestimmte Tageszeiten, über Momente, die für sie eine besondere „Bläue“ hatten. Ihre Erzählungen wurden auf Audio aufgenommen und in Blindenschrift verfasst. Beides wurde Teil einer künstlerischen Installation, die später im Rahmen des Woori Festivals gezeigt wurde (base Angewandte 2024).

[Wusstest du? Neben dem Indigo-Workshop entstand auf dem Gelände des Zentrums ein sogenannter „Dyer’s Garden“ – ein Färbergarten, in dem verschiedene Pflanzen angebaut werden: Färberkamille für Gelb, Indigofera für Blau, schwarze Stockrose für ein tiefes Graublau. Die organische Form des Gartens umschließt fünf Beete und einen Mahagonibaum, der später Schatten spenden soll.]

Vom Ton zur Textilkunst

Ein weiterer Workshop im März 2024 zeigte, wie vielschichtig die Arbeit des Zentrums ist. Diesmal standen Ton und Textilien im Mittelpunkt. Die Schüler wurden eingeladen, mit Grafitstiften auf Papier zu zeichnen – freie, großzügige Linien, die nicht perfekt sein mussten, sondern einfach der Bewegung der Hand folgten. Damit die Kinder die Bewegungen ihrer eigenen Hände spüren und verstehen konnten, wurden ihre gezeichneten Linien anschließend mit Ton nachgeformt (Universität für Angewandte Kunst Wien 2024).

„Die Spur aus Ton bot den Händen die Möglichkeit zu ‚sehen‘, zu begreifen und einen dialogischen Prozess in Gang zu setzen“, beschreiben die Künstlerinnen den Ansatz (Universität für Angewandte Kunst Wien 2024). In diesem fortlaufenden Wechselspiel zwischen Zeichnen und Formen entstanden Figuren, kleine Szenen und Geschichten – von zwischenmenschlichen Beziehungen, vom Bezug zu sich selbst, von der Verbindung zur eigenen Umwelt.

Die Tonarbeiten wurden fotografiert, in digitale Grafiken übersetzt und schließlich als Textildruck umgesetzt. Auf dem WOORI Festival 2024 wurde dieser Stoff dann gemeinsam mit den Schülern und dem Festivalpublikum bestickt – ein kollektiver Akt, der die Werke wieder dreidimensional und taktil erfahrbar machte (Universität für Angewandte Kunst Wien 2024).

Die Kraft des Textilen

Warum ausgerechnet Textilien? Die Antwort der Künstlerinnen ist einfach und tiefgründig zugleich: „Textile Aktivitäten haben die Kraft, Verbindungen zu schaffen, auch ohne Worte.“ (Universität für Angewandte Kunst Wien 2024). Das lateinische Wort „texere“ bedeutet zusammenfügen, verbinden – und genau das passiert hier. Menschen mit und ohne Behinderung, aus verschiedenen Kulturen und mit unterschiedlichsten Fähigkeiten, kommen zusammen und schaffen etwas Gemeinsames.

Die fertig bestickten Textilien wurden am Ende des Festivals den blinden Schülern zurückgegeben. Was sie damit machen, bleibt ihnen überlassen. Aber eines ist sicher: Sie haben nicht nur ein Kunstwerk geschaffen, sondern auch eine neue Erfahrung gemacht – die Erfahrung, dass ihre Hände sehen können.


Quellen:

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