Wohnen nach Wunsch – Wie die Stiftung Bethel das selbstbestimmte Wohnen für Menschen mit Behinderung neu denkt [Deutschland]
Die eigene Wohnung ist mehr als nur ein Dach über dem Kopf. Sie ist Rückzugsort, Bühne der Persönlichkeit und das Zentrum des Alltags. Deshalb legen die meisten Menschen Wert auf ein Zuhause, das ihren Bedürfnissen entspricht. Für Menschen mit Behinderung war das lange keine Selbstverständlichkeit. Statt individueller Wohnungen gab es standardisierte Heimeinheiten – funktional, aber fern jeder Persönlichkeit. Ein Modellprojekt der Stiftung Bethel, der Lebenshilfe und der Universität zu Köln hat das grundlegend verändert. Ausgehend von den Wohnwünschen der Betroffenen selbst entstanden neue Wohnkonzepte – und in Hövelhof wurden sie erstmals Realität (SozialstiftungNRW 2025).
[Wusstest du? Das Projekt „Wohnen selbstbestimmt“ wurde von der SozialstiftungNRW mit fast 700.000 Euro gefördert und lief von 2017 bis 2019. In einer ersten Phase wurden über 100 Menschen mit Assistenzbedarf in sogenannten World Cafés zu ihren Wohnwünschen befragt – als Expertinnen und Experten in eigener Sache.]
Ein Haus, das Persönlichkeiten beherbergt
Das Gebäude in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof Hövelhof im Kreis Paderborn wirkt geräumig und hell. Das lichtdurchflutete Treppenhaus ist großzügig und mit einem Aufzug ausgestattet. In den unteren Stockwerken wohnen Menschen mit Unterstützungsbedarf, die Wohnungen in den oberen Etagen werden regulär vermietet. Im ersten Stock führt Frau Hölter strahlend durch ihre Wohnung. Wandfarbe und Interieur lassen keine Fragen offen, für welchen Fußballverein ihr Herz schlägt: Das Schwarz-Gelb von Borussia Dortmund dominiert alles (SozialstiftungNRW 2025).
Ein im wahrsten Sinne ganz anderes Bild zeigt die Wohnung von Herrn Hengsbach. Der ehemalige Fotograf hat seine Wände mit zahlreichen Kunstdrucken und Foto-Prints geschmückt. So individuell die Apartments eingerichtet und dekoriert sind, haben sie eines doch gemein: ein eigenes Duschbad, eine kleine Küchenzeile und einen Balkon. Für alle Bewohner gibt es einen großen Garten mit Außenterrasse sowie Räume für gemeinsame Freizeit- und Gemeinschaftsaktivitäten (SozialstiftungNRW 2025).
Seit Mai 2023 stehen mit dem Projekt „Unterstütztes Wohnen Hövelhof“ 24 dieser barrierefreien Apartments zur Verfügung. Sie werden an Menschen mit komplexen Mehrfachbehinderungen sowie Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen vermietet (SozialstiftungNRW 2025).
[Wusstest du? In Hövelhof wohnen Menschen mit und ohne Behinderung unter einem Dach – ein zentraler Wunsch, der aus den Befragungen hervorging. Die gemischte Mieterschaft verhindert Stigmatisierung und fördert Inklusion im Alltag.]
Vom Einheitsheim zur individuellen Wohnung
Sozialen Wohnungsbau für Menschen mit Behinderung oder Assistenzbedarf gibt es schon lange. Aber dieser orientierte sich bisher in erster Linie an besonderen Normen und standardisierten Verfahren. Bei diesen „Bauten von der Stange“ blieben die individuellen Bedürfnisse und spezifischen Anforderungen der Bewohner weitgehend auf der Strecke (SozialstiftungNRW 2025).
Dabei wollen auch Menschen mit Behinderung am liebsten eins: wohnen wie alle anderen auch. Was das genau bedeutet, hat jeder und jede ganz eigene Vorstellungen – von der eigenen Wohnung allein über die WG bis zur klassischen Wohngruppe. Diesen Vorstellungen näher zu kommen, war das Ziel des Modellprojekts „Wohnen selbstbestimmt“, das 2017 begann und zwei Jahre lief (SozialstiftungNRW 2025).
Die Ergebnisse waren ermutigend: Barrierefreie und gesicherte Wohnungen sind im Neubau nur unerheblich teurer als übliche Sozialwohnungen. „Der Anspruch sollte immer sein: Könnte auch ich mir vorstellen, so zu wohnen und mich in einem solchen Apartment wohlzufühlen? Hier kann ich sagen: Ja“, erklärt Rolf Wacker, Referent der Geschäftsführung von Bethel.regional (SozialstiftungNRW 2025).
Was Menschen mit Behinderung wirklich wollen
Bei allen Unterschieden zwischen den individuellen Wohnwünschen gibt es doch große Gemeinsamkeiten. Menschen mit Assistenzbedarf wünschen sich ein möglichst selbstbestimmtes Leben, gerne mit eigener Küche. Außerdem wollen sie in Häusern wohnen, die sie mit Menschen ohne Assistenzbedarf teilen. Diese gemischte Mieterschaft verhindert, dass sie aufgrund ihrer Adresse stigmatisiert werden (SozialstiftungNRW 2025).
Das Projekt „Wohnen selbstbestimmt!“ hatte sich vor allem mit der Frage befasst, wie das Wahlrecht von Menschen mit Behinderungen in Bezug auf das Wohnen umgesetzt werden kann. „Menschen mit Behinderungen haben die gleichen Wünsche wie alle anderen auch“, so Christine Schäfer vom Bethel.regional-Expertenteam. „Sie leben gerne in Häusern mit einer gemischten Mieterschaft und natürlich möglichst in zentraler Lage.“ (Lebenshilfe NRW 2025).
Wissenschaftliche Begleitung und politische Wirkung
Die Forschungsergebnisse wurden im Rahmen einer länderübergreifenden Kooperation entwickelt und getestet . Eine Modelltreueskala mit 31 Kriterien wurde erstellt, die die Qualität von Wohnangeboten messbar macht. Dabei zeigte sich, dass ambulante Angebote in der eigenen Wohnung eine leicht bessere Modelltreue aufwiesen als besondere Wohnformen – insbesondere bei den Wohnbedingungen und der Inklusionsorientierung .
Im Rahmen eines Perspektivgesprächs in der Düsseldorfer Johanneskirche wurden die Ergebnisse NRW-Minister Karl-Josef Laumann überreicht. „Dass dieses Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention tatsächlich das ist, was die Menschen wollen, wurde durch das Modellprojekt ‚Wohnen selbstbestimmt!‘ noch einmal bestätigt“, so Laumann. Unabdingbar für die Realisierung sei der Schulterschluss aller beteiligten Akteure (Bethel 2025).
Minister Laumann betonte, dass der Weg zu größerer Wahlfreiheit bereits eingeschlagen sei: „Wir haben in Nordrhein-Westfalen schon in der Vergangenheit die ambulant unterstützten Wohnformen für Menschen mit Behinderungen konsequent ausgebaut und liegen dabei heute bundesweit an der Spitze.“ 2005 lebte jeder zehnte Mensch mit geistiger Behinderung in einem ambulanten Setting – 2017 schon jeder Dritte. „Damit ist NRW Schrittmacher in Deutschland.“ (Bethel 2025).
Ein Modell, das Schule macht
Das Projekt ist zur Nachahmung empfohlen – und wird von immer mehr Trägern in immer mehr Wohnprojekten umgesetzt. In Bielefeld-Windelsbleiche entstand das „Inklusive Wohnen am Metallwerk“, ein Neubau aus den Jahren 2017/2018, der in die ortsübliche Wohnbebauung integriert ist. Hier gibt es 13 Plätze in besonderer Wohnform im Erdgeschoss und acht Einzelwohnungen für intensiv ambulante Betreuung in den Obergeschossen. Darüber hinaus stehen zwölf Wohnungen für die freie Vermietung im öffentlich geförderten Wohnungsbau zur Verfügung (Bethel 2025).
„Mit der Belegung des Wohnhauses von Menschen mit und ohne Behinderung wird ein inklusives Wohnen unter einem Dach verfolgt. Im Rahmen dessen werden Begegnungen und Kontakte untereinander angebahnt und gefördert, sodass Menschen mit Behinderung zum selbstverständlichen Teil der Hausgemeinschaft werden“, beschreibt Bethel das Konzept (Bethel 2025).
Gleichzeitig geht die Suche nach neuen, noch individuelleren Wohnformen weiter. Denn das Wohnen in Hövelhof ist für bestimmte Bewohner perfekt – andere Menschen mit Assistenzbedarf haben aber noch einmal ganz andere Bedürfnisse. Das Modellprojekt mit seiner Forschungsbegleitung hat gezeigt, dass der Weg zu mehr Selbstbestimmung möglich ist – und dass er sich lohnt (SozialstiftungNRW 2025).
Quellen:
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SozialstiftungNRW (2025): Wohnen nach Wunsch für alle. https://sozialstiftung.nrw/wohnen-selbstbestimmt
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Bethel (2025): Wohnen selbstbestimmt! – Informationen zum Projekt. https://www.bethel-regional.de/wohnen-selbstbestimmt.html
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Lebenshilfe NRW (2025): Laumann: Neue Phase des selbstbestimmten Wohnens. https://www.lebenshilfe-nrw.de/de/landesverband/Meldungen/Laumann-Neue-Phase-des-selbstbestimmten-Wohnens.php
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PMC (2021): Supported Housing – Development and Validation of a Fidelity Scale. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8898671/
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Bethel (2025): Inklusives Wohnen am Metallwerk. https://www.bethel-regional.de/angebote-details/inklusives-wohnen-am-metallwerk.html
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