„Hier ist das Dorf wieder komplett“: Wie aus einem verfallenen Gutshof in Brandenburg ein Zuhause für 70 Menschen wurde

Es ist später Nachmittag in Prädikow, einem kleinen Dorf in der Märkischen Schweiz, eine Stunde östlich von Berlin. Auf dem Hofgelände sitzen Menschen auf selbstgezimmerten Bänken, Kinder tollen umher, aus der umgebauten Scheune dringen Stimmen und das Klirren von Gläsern. Hier, wo jahrelang nur der Wind durch verfallene Gebäude pfiff, ist wieder Leben eingekehrt. 50 Erwachsene und 25 Kinder haben hier ihr Zuhause gefunden – und das ganze Dorf ist eingeladen.

Als die Grafikdesignerin Julia Paaß 2013 zum ersten Mal nach Prädikow kam, war der Hof eine Ruine. Einer der größten Vierseithöfe Brandenburgs, einst das wirtschaftliche und soziale Zentrum des Dorfes mit Brennerei, Schmiede und Tierställen, stand seit der Wende leer. Der letzte Besitzer hatte das Gelände mit einem Zaun umgeben, dann passierte nichts mehr. Doch Paaß hörte die Geschichten der Alteingesessenen – und entwickelte mit anderen eine neue Vision (Land und Leute o.J.; Region gestalten 2022).

Die Idee: Der Gutshof sollte ein genossenschaftliches Mehrgenerationenprojekt werden, ein Ort zum gemeinsamen Arbeiten, Leben und Feiern. Und vor allem: kein abgeschottetes „urbanes Ufo“, wie es Mitinitiator Philipp Hentschel später formulierte, sondern ein Ort, der die Dorfgemeinschaft wieder zusammenbringt (ZEIT 2024; Region gestalten 2022).

Wusstest du?
2016 erwarb die Stiftung trias den Hof, eine gemeinnützige Stiftung, die Grundstücke aufkauft, um sie vor Spekulation zu schützen. Die Mietergenossenschaft SelbstBau eG sicherte sich ein 99-jähriges Erbbaurecht – und damit die Grundlage für bezahlbares Wohnen auf Dauer (Region gestalten 2022).

Ein Dorfzentrum für alle

Was das Projekt besonders macht, ist der konsequent offene Ansatz. Von Anfang an banden die Initiatoren die Dorfbewohner ein, fragten nach Wünschen und Bedarfen. Heraus kam die „Dorfscheune“ – ein Ort, der heute das Herzstück des Hofes bildet: ein großer Saal für Veranstaltungen, ein Coworking-Space mit 8 bis 10 Arbeitsplätzen, ein Café namens „Schwarzer Storch“ und vor allem: das „Dorfwohnzimmer“, ein Ort zum Verweilen, Klönen, einfach Da-Sein (Land und Leute o.J.; competitionline 2021).

Die Architektur des Umbaus ist bewusst als Zeichen gesetzt: Die historische Holzkonstruktion blieb mit all ihren Gebrauchsspuren erhalten, neue Elemente wurden als „Möbel“ in den Altbau gestellt. Was alt und was neu ist, bleibt sichtbar – sinnbildlich für die neue Gemeinschaft, die hier Altes und Neues verbindet (DAM-Preis 2023; Architektenkammer Brandenburg 2021).

Heute nutzen nicht nur die Hofbewohner die Scheune. Die örtlichen Vereine treffen sich hier, die Feuerwehr führt Übungen durch, ein Chor ist entstanden, und das Kulturprogramm lockt Besucher aus der ganzen Region. „Der Hof ist nicht nur zum Dorfplatz geworden, sondern wird auch aktiv von den Bürgern und Vereinen genutzt“, heißt es in der Projektbeschreibung (Land und Leute o.J.; Region gestalten 2022).

Wusstest du?
Auf den Außenflächen des Hofes grasen zwei Zebuherden – eine robuste Rinderrasse aus Südasien. Sie halten die Wiesen kurz und sind längst zur Attraktion für Groß und Klein geworden (Region gestalten 2022).

Leben, wie es sein könnte

Die Bewohnerstruktur ist bewusst gemischt: Singles, Paare, Familien mit Kindern, Senioren. Im alten Gutshaus entstehen barrierefreie Wohnungen, damit auch im Alter ein Verbleib auf dem Hof möglich ist. Einige Gewerbe haben sich bereits angesiedelt, ein Hofladen ist geplant, ebenso ein Gästehaus. Dank Glasfaseranschluss können viele Bewohner digital arbeiten – und bleiben so der Region erhalten, statt ins nächste Umland abzuwandern (Region gestalten 2022; Zuhause im Alter o.J.).

Ein Hofmitglied sitzt inzwischen im Gemeinderat, die Feste werden aufeinander abgestimmt, und der regelmäßige Kneipenabend steht ganz oben auf der Wunschliste des Dorfes. „Wir haben uns sortiert“, sagt Philipp Hentschel. „Es gibt gegenseitige Besuche und Aktivitäten. Aber es gibt auch Leute, die sagen, das passt nicht für uns.“ Diese Offenheit, Unterschiede auszuhalten, ist Teil des Konzepts (Region gestalten 2022).

Was bleibt

Bis 2024 sollen insgesamt 70 Menschen auf dem Hof leben. Der Weg dorthin war lang: allein die Konzeptphase dauerte zwei Jahre, langwierige Genehmigungsverfahren mit dem Denkmalschutz stellten die Geduld auf die Probe. Aber heute, wenn abends die Lichter in der Scheune angehen und Kinder über den Hof lachen, wissen alle Beteiligte: Es hat sich gelohnt. Der Hof Prädikow ist wieder das, was er einmal war – das Herz des Dorfes (Region gestalten 2022; Netzwerk GenerationenWohnen o.J.).


Quellen:


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