Kurzzeitladen – Wie zwei Frauen im Erzgebirge mit Pop-up-Stores Leerstände in lebendige Orte verwandeln [Deutschland]
Dreckige Schaufensterscheiben, an denen Zettel kleben mit dem Hinweis „zu vermieten“. Kaum besuchte Einkaufsstraßen. Dörfer ohne Bäckerei oder Metzgerei. Wer durch Ortszentren im Erzgebirge spaziert, kehrt oft mit diesem Eindruck zurück. Der Leerstand ist Ausdruck der Folgen des demografischen Wandels, unter denen das Erzgebirge besonders leidet: Die Jungen ziehen weg, die Gesellschaft schrumpft. Nadja Hecker und Josephine Leonhardt-Dietrich wollten dem nicht länger zusehen. Ihre Idee: Pop-up-Stores, die Leerstände temporär mit Leben füllen – und darüber eine Online-Plattform, die Angebot und Nachfrage zusammenbringt (Wüstenrot Stiftung 2023, S. 15).
[Wusstest du? Hecker ist Webdesignerin, Leonhardt-Dietrich Fotografin. Kennengelernt haben sie sich über das Netzwerk Kreatives Erzgebirge. Beide wussten aus ihrer Arbeit, wie viele unbekannte, aber talentierte Macher, Tüftler und Künstler in der Region leben – ihnen fehlte nur eine Bühne.]
Leerstand als Chance begreifen
In Großstädten wie Erfurt oder Berlin würden ehemalige Metzgereien oder Schnitzereiläden nicht lange leer stehen. Dort nutzen sie junge Designer für Pop-up-Stores, Künstler für Ausstellungen oder Gastronomen für temporäre Cafés. Hecker und Leonhardt-Dietrich fragten sich, ob sich dieses Konzept nicht auch auf den ländlichen Raum übertragen ließe (Wüstenrot Stiftung 2023, S. 15).
Die Antwort war ihr gemeinsames Projekt „Kurzzeitladen“. Eine Online-Plattform, auf der leer stehende Ladenlokale eingesehen und für einen begrenzten Zeitraum gebucht werden können – von drei Tagen bis zu sechs Monaten. Die Miete ist bewusst niedrig gehalten, um auch Berufsanfängern eine Chance zu geben, ihre Waren oder Dienstleistungen auszuprobieren (Wüstenrot Stiftung 2023, S. 15).
[Wusstest du? Die modularen Regale und Möbel für die Läden wurden eigens von einer lokalen Tischlerei entworfen und gefertigt. Dank Stecksystemen sind sie flexibel einsetzbar und passen sich jedem Raum an.]
Der erste Laden öffnet
Bevor es losgehen konnte, mussten die beiden Initiatorinnen viele Überzeugungsarbeit leisten. Sie warben auf regionalen Märkten, stellten ihr Konzept bei heimischen Firmen vor und sprachen Kunst- und Kulturschaffende persönlich an. Yogalehrerinnen und Kunstpädagoginnen waren schnell begeistert – sie sahen die Chance, neue Kunden zu gewinnen, ohne sich langfristig binden zu müssen (Wüstenrot Stiftung 2023, S. 15).
Im September 2021 öffnete der erste Kurzzeitladen im historischen Fleischerladen in Wolkenstein. Der Bürgermeister unterstützte die Idee, denn die Stadt ist ein touristisches Ausflugsziel und profitierte sofort von der neu belebten Innenstadt. Nach dem erfolgreichen Testlauf wurde im Mai 2022 in der Gemeinde Neukirchen im Erzgebirge ein weiterer Kurzzeitladen eröffnet. Auf über 40 Quadratmetern werden dort Waren im modernen Ambiente verkauft – komplett renoviert und mit den neuen, flexiblen Möbeln ausgestattet (Wüstenrot Stiftung 2023, S. 15).
Was heute in den Läden passiert
Heute finden im Kurzzeitladen AKTIV, dem zweiten wiederbelebten Leerstand in Neukirchen, regelmäßig Yogakurse statt. Daneben gibt es Kunstkurse für Jung und Alt sowie Aktionswochen mit örtlichen Anbietern – zum Beispiel die sogenannten „Kulinarischen Wochen“, bei denen regionale Lebensmittelprodukte, Verkostungen und Infoveranstaltungen zu gesunder Ernährung angeboten werden. Weil das Angebot ständig wechselt, schauen die Bürger immer wieder vorbei, um Neues zu entdecken (Wüstenrot Stiftung 2023, S. 15).
Inzwischen sind vier Kurzzeitläden auf der Internetplattform registriert. Die Website zeigt nicht nur auf einer Landkarte, wo gerade was angeboten wird und welcher Laden leer steht. Sie vernetzt die Nutzer auch untereinander und regt Kooperationen an – so können die Anbieter voneinander lernen und sich gegenseitig inspirieren (Wüstenrot Stiftung 2023, S. 15).
Ein Preis für eine gute Idee
Für ihre Arbeit wurden Hecker und Leonhardt-Dietrich mit dem „So geht sächsisch.“-Preis #JetztLokalHandeln ausgezeichnet. Die Jury würdigte besonders, wie das Projekt Leerstände in ländlichen Ortskernen wiederbelebt und gleichzeitig regionalen Erzeugern und Kunsthandwerkern eine günstige Verkaufsplattform bietet (Wüstenrot Stiftung 2023, S. 15).
Beide betreiben die Plattform und unterstützen die Anbieter ehrenamtlich. Wichtige Partner sind die Gemeinden: Sie vermitteln zwischen den Eigentümern der leer stehenden Läden und den Initiatoren, helfen bei der Werbung über Amtsblätter oder Gemeindeseiten und sorgen so dafür, dass die Idee weiter wächst (Wüstenrot Stiftung 2023, S. 15).
Quellen:
Wüstenrot Stiftung (2023): Land und Leute – Dörfer und Kleinstädte im digitalen Aufbruch. Dokumentation des Wettbewerbs. Ludwigsburg. Seite 15. https://www.wuestenrot-stiftung.de/landundleute
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