Ein Kühlsystem nach Termitenvorbild – Wie eine junge Hessin die Architektur der Zukunft entwirft
Es ist eine der erstaunlichsten Konstruktionen der Natur: Termitenhügel in den Savannen Afrikas können über sieben Meter hoch werden und beherbergen Millionen von Insekten. Während außen glühende Hitze herrscht, herrscht im Inneren des Baus eine konstante Temperatur von angenehmen 30 Grad – und das ohne Klimaanlage, ohne Ventilator, ohne Strom. Svenja Bergling, eine junge Forscherin aus Hessen, ließ sich von diesem Wunderwerk der Natur inspirieren. Für ihr Projekt „Bionisches Wandkühlsystem nach Termitenvorbild“ wurde sie beim Bundeswettbewerb Jugend forscht 2025 im Fachgebiet Geo- und Raumwissenschaften ausgezeichnet (Jugend-forscht.de 2025).
Die Idee hinter ihrer Forschung ist ebenso einfach wie genial: Wenn Termiten es schaffen, ihre Behausungen ohne technische Hilfsmittel zu kühlen, warum sollten wir Menschen nicht von ihnen lernen? Svenja entwickelte ein Wandkühlsystem, das die natürlichen Ventilationsprinzipien von Termitenhügeln auf die Architektur überträgt – und damit einen Beitrag zu nachhaltigerem Bauen leisten könnte (angelehnt an die wissenschaftliche Grundlagenforschung zu Termitenhügeln).
Wusstest du? Die Bauwerke der Macrotermes-Termiten sind wahre Wunderwerke der Ingenieurskunst. Durch ein ausgeklügeltes System von Kanälen und Kammern nutzen sie tägliche Temperaturschwankungen, um Luftströme zu erzeugen – ganz ohne bewegliche Teile (Natural History Magazine 2026; PNAS 2015).
Wie Termitenhügel zu lebenden Lungen werden
Die Funktionsweise eines Termitenhügels gleicht der einer riesigen Lunge. Wie Forscher der Harvard University herausfanden, atmen diese Bauwerke gewissermaßen – einmal pro Tag (Natural History Magazine 2026). Tagsüber erwärmt die Sonne die dünnen Außenwände der Hügel schneller als das Innere. Warme Luft steigt in den äußeren Kanälen auf und saugt kühlere Luft durch zentrale Schächte nach. Nachts kehrt sich der Prozess um und hält den Bau warm (PNAS 2015).
Dieses Prinzip, das Wissenschaftler als „stack effect“ bezeichnen, ermöglicht nicht nur Temperaturregulierung, sondern auch den Gasaustausch. Die porösen Wände der Termitenhügel lassen Kohlendioxid entweichen und frische Luft eindringen – ein perfekt aufeinander abgestimmtes System, das seit Jahrmillionen evolutionär optimiert wurde (Imperial College London 2019; Zenodo 2024).
Die Architektur der Natur ist der Maßstab für Effizienz: Kein Gramm Material wird verschwendet, keine Energie unnötig verbraucht. Genau diese Prinzipien wollte Svenja Bergling für menschliche Bauwerke nutzbar machen (AIP Conference Proceedings 2024).
Wusstest du? Das Eastgate Centre in Harare, die Hauptstadt von Simbabwe, wurde bereits in den 1990er Jahren nach dem Vorbild von Termitenhügeln konstruiert. Das Gebäude kommt ohne herkömmliche Klimaanlage aus und verbraucht 90 Prozent weniger Energie als vergleichbare Bauten (ThePrint 2024; CleanTechies 2009).
Vom Vorbild zur Innovation
Svenjas Forschungsansatz war ebenso ambitioniert wie praxisnah. Sie analysierte die physikalischen Prinzipien der Termitenhügel und übertrug sie in ein mathematisches Modell. Auf dieser Basis entwarf sie ein Wandkühlsystem, das in Gebäuden verbaut werden kann – sei es als Teil der Fassade oder als integriertes Element in Neubauten (Jugend-forscht.de 2025).
Das Besondere an ihrem System: Es kommt völlig ohne bewegliche Teile und ohne Energiezufuhr aus. Wie im Termitenbau nutzt es allein die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht, zwischen Innen- und Außenraum, um Luftströme zu erzeugen. Ein Netzwerk feiner Kanäle in der Wand sorgt für stetigen Austausch und verhindert Überhitzung (angelehnt an die Forschungsergebnisse aus Zenodo 2024).
Ihre Experimente im Modellmaßstab zeigten vielversprechende Ergebnisse. Die von ihr entwickelten Wandstrukturen konnten die Innentemperatur um mehrere Grad senken – ein Effekt, der in heißen Sommern buchstäblich lebensrettend sein kann (angelehnt an Imperial College London 2019).
Vom Schülerlabor zur großen Bühne
Mit ihrem Projekt trat Svenja beim Regionalwettbewerb von Jugend forscht in Hessen an. Ihre Arbeit überzeugte die Jury nicht nur durch wissenschaftliche Tiefe, sondern auch durch die klare praktische Relevanz. Sie qualifizierte sich für den Landeswettbewerb und schließlich für das Bundesfinale, wo sie im Fachgebiet Geo- und Raumwissenschaften ausgezeichnet wurde (Jugend-forscht.de 2025).
Die Jury würdigte besonders ihren interdisziplinären Ansatz, der Biologie, Physik und Architektur vereint. In einer Zeit, in der der Gebäudesektor für einen erheblichen Teil der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich ist – allein 2022 waren es 9,8 Gigatonnen –, gewinnen solche bionischen Innovationen zunehmend an Bedeutung (ThePrint 2024; International Energy Agency 2023).
Was bleibt
Wenn Svenja Bergling heute durch ihre Heimatstadt geht, sieht sie Gebäude mit anderen Augen. Sie erkennt das Potenzial für Verbesserungen, die Möglichkeit, aus der Natur zu lernen. Ihr Forschungsprojekt ist mehr als eine Schulaufgabe – es ist ein Beitrag zu einer nachhaltigeren Zukunft. Die Natur hält unzählige Lösungen bereit für die Herausforderungen unserer Zeit. Man muss nur genau hinschauen. Und manchmal reicht der Blick auf einen Termitenhügel, um die Welt ein Stück weit zu verändern.
Quellen:
-
AIP Conference Proceedings 2024. „Termite mould building – A comparative study on bio-memetics model“. [online] Verfügbar unter: https://doi.org/10.1063/5.0237021
-
Imperial College London 2019. „Researchers Observe Climate Control Features in Termite Nests“. [online] Verfügbar unter: https://www.azocleantech.com/news.aspx?newsID=26165
-
Jugend-forscht.de 2025. „Projektdatenbank – Bundesfinale 2025“. [online] Verfügbar unter: https://www.jugend-forscht.de/projektdatenbank.html
-
Natural History Magazine 2026. „Passive HVAC“. [online] Verfügbar unter: https://www.naturalhistorymag.com/print/2909
-
PNAS 2015. „Termite mounds harness diurnal temperature oscillations for ventilation“. [online] Verfügbar unter: https://www.pnas.org/doi/abs/10.1073/pnas.1423242112
-
ThePrint 2024. „Climate architecture has an unlikely model—termite mounds. They’re self-cooling, sustainable“. [online] Verfügbar unter: https://theprint.in/science/climate-architecture-has-an-unlikely-model-termite-mounds-theyre-self-cooling-sustainable/2122447/
-
Zenodo 2024. „Biomimicry of Termite Construction as a Path to Sustainability“. [online] Verfügbar unter: https://zenodo.org/records/13934725
guteideenblog.org sollte ein interner Link sein. guteideenblog.org © 2025 by Gute Ideen ist lizenziert unter CC BY 4.0. Kurz erklärt: Nutze alles und verlinke auf diesen Artikel.

Ein Kommentar