Eine neue Waffe gegen Pflanzenkrankheiten aus dem Gartenboden – Zwei Schülerinnen aus Hessen entdecken einen bislang unbekannten Virus und gewinnen den Bundessieg
Es begann mit einer simplen Frage: Lassen sich Bakterien, die Pflanzen krank machen, nicht auch ohne Chemie bekämpfen? Misha Hegde (16) und Mia Maurer (15) vom Schuldorf Bergstraße in Seeheim-Jugenheim machten sich auf die Suche nach einer Antwort – und fanden sie in der Erde ihres eigenen Gartens. Was sie dort entdeckten, ist ein winziger Virus, der ein gefürchtetes Pflanzenbakterium gezielt und umweltschonend angreift. Für ihre Forschung wurden die beiden beim Bundesfinale von „Jugend forscht“ 2025 gleich dreifach ausgezeichnet: mit dem ersten Preis im Fach Biologie, dem Europa-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und einer Einladung zum EU-Wettbewerb für junge Wissenschaftler in Riga (Hessisches Kultusministerium 2025; Jugend-forscht.de 2025a).
Bakteriophagen – Viren, die ausschließlich Bakterien infizieren – sind in der Natur weit verbreitet. Doch sie als lebende Waffen gegen Pflanzenkrankheiten einzusetzen, ist eine vergleichsweise junge Idee. Misha und Mia wollten beweisen, dass diese Viren tatsächlich in lebenden Pflanzen bakterielle Erreger bekämpfen können (Jugend-forscht.de 2025b). Dazu isolierten sie Phagen aus Bodenproben, reinigten und vermehrten sie und untersuchten, unter welchen Umweltbedingungen sie sich vermehren. Mit dem Elektronenmikroskop machten sie die Form des isolierten Virus sichtbar – und staunten nicht schlecht, als sie erkannten, dass es sich um eine bislang unbekannte Variante aus der Gruppe der Podoviren handelte (Jugend-forscht.de 2025a; Hessisches Kultusministerium 2025).
Wusstest du? Der neu entdeckte Phagen greift das Bakterium Rhizobium rhizogenes an, das die sogenannte Wurzelhaarkrankheit auslösen kann. Diese Erkrankung schädigt die Wurzeln und kann ganze Pflanzen befallen – ein ernstes Problem in der Landwirtschaft (Hessisches Kultusministerium 2025).
Vom Gartenboden ins Labor
Der Weg zu dieser Entdeckung war nicht gerade, aber umso lehrreicher. Ursprünglich hatten die beiden Schülerinnen geplant, mit dem Modellsystem Escherichia coli und T4-Phagen zu arbeiten. Doch weil die Arbeit mit pathogenen Bakterien aus Sicherheitsgründen nicht zu realisieren war, mussten sie umdenken (UFZ 2025). Unterstützung fanden sie bei Dr. Nawras Ghanem vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), der sie als Mentor begleitete. „Wir haben unsere Expertise weitergegeben, wie man mit dem Phagen arbeitet, ihn vermehrt und experimentell einsetzt“, erklärt er seine Rolle (UFZ 2025). Die Umstellung auf das Pflanzenpathogen Rhizobium radiobacter erwies sich als Glücksgriff: Mit diesem Wirt gelang es den Jungforscherinnen, einen neuen Phagen zu isolieren.
Die Arbeit im Labor war aufwendig. Die Schülerinnen analysierten Umweltbedingungen für das Wachstum ihrer Phagen, entschlüsselten das Genom des neu entdeckten Virus und bereiteten Versuche mit bakteriell befallenen Karottenscheiben vor, um zu testen, ob sich die Viren aus dem Gartenboden für eine biologische Schädlingsbekämpfung eignen (Jugend-forscht.de 2025b). „Es geht um bakterielle Pflanzenkrankheiten, die man normalerweise mit Pestiziden oder Chemikalien behandelt. Wir haben dafür eine umweltfreundliche Lösung entwickelt“, betont Nawras Ghanem die Bedeutung der Entdeckung (UFZ 2025).
Wusstest du? Bakteriophagen sind die häufigsten biologischen Einheiten auf der Erde. Schätzungen zufolge gibt es etwa 10³¹ Phagen – mehr als jedes andere Organismus. Ihre Fähigkeit, gezielt Bakterien zu infizieren, macht sie zu vielversprechenden Kandidaten für die biologische Schädlingsbekämpfung (allgemeiner Wissensstand).
Vom Regionalwettbewerb auf die europäische Bühne
Der Erfolg der beiden Jungforscherinnen begann nicht erst in Hamburg. Bereits beim Regionalwettbewerb Hessen Bergstraße, der im Februar 2025 bei der BASF in Lampertheim stattfand, überzeugten Misha und Mia die Jury mit ihrem Projekt und sicherten sich den ersten Platz im Fachbereich Biologie (BASF 2025). Damit qualifizierten sie sich für den Landeswettbewerb Hessen, der Ende März bei Merck in Darmstadt ausgetragen wurde. Auch dort belegten sie den ersten Platz und lösten das Ticket für das Bundesfinale (Schuldorf Bergstraße 2025a).
Ende Mai war es dann so weit. Auf dem Gelände der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg präsentierten die beiden ihr Projekt vor einer hochkarätigen Jury und tausenden Besuchern. Die Konkurrenz war stark, doch die Arbeit der beiden 15-Jährigen überzeugte durch ihre wissenschaftliche Tiefe und die praktische Relevanz. Am Ende stand ein Triumph, mit dem sie wohl selbst nicht gerechnet hatten: der erste Preis im Fach Biologie, dotiert mit 2.500 Euro (Hessisches Kultusministerium 2025). Doch damit nicht genug. Zusätzlich erhielten sie den Europa-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (1.000 Euro) und eine Einladung zum „European Contest for Young Scientists“ in Riga, wo sie Deutschland vertreten werden (Jugend-forscht.de 2025a; UFZ 2025).
Wusstest du? Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte bei der Preisverleihung in Hamburg alle Preisträger und betonte die Bedeutung von Chancengleichheit in der Bildung, um jungen Talenten Wege zu eröffnen (Hessisches Kultusministerium 2025).
Ein Patent und der Blick nach Europa
Bereits im Februar 2025, noch vor dem Landeswettbewerb, hatten Misha und Mia ihre neue Virenvariante zum Patent angemeldet (Schuldorf Bergstraße 2025a). Dafür mussten sie das Virus bei der „Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen“ (DSMZ) hinterlegen – ein Schritt, der mehrere hundert Euro kostete. Um diese Summe aufzubringen, organisierten die beiden an ihrer Schule einen Kuchenverkauf. Die Schulgemeinschaft unterstützte sie tatkräftig, und die Aktion wurde zu einem vollen Erfolg (Schuldorf Bergstraße 2025a).
Im August 2025 folgte eine weitere besondere Erfahrung. Auf Einladung von Professorin Katharina Höfer durften Misha und Mia das Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie in Marburg besuchen. Dort führten sie gemeinsam mit der Arbeitsgruppe Experimente durch, probten ihre englische Projektpräsentation für den EU-Wettbewerb und erhielten Einblicke in die Spitzenforschung (Schuldorf Bergstraße 2025b). „Wir wollen uns ganz herzlich bei Frau Professor Höfer und ihrer Arbeitsgruppe bedanken. Es war eine tolle Erfahrung und eine große Ehre für uns“, sagten die beiden nach ihrem Besuch (Schuldorf Bergstraße 2025b).
Was bleibt
Misha Hegde und Mia Maurer haben mit ihrer Forschung nicht nur einen Preis gewonnen, sondern einen echten Beitrag zur biologischen Schädlingsbekämpfung geleistet. Ihr neu entdeckter Phagen hat das Potenzial, in der Landwirtschaft chemische Pestizide zu ersetzen und damit die Umwelt zu schonen (UFZ 2025). Wie es mit der Forschung weitergeht, ist noch offen. Ein möglicher nächster Schritt wäre die Charakterisierung des Phagen – und ihr Mentor Nawras Ghanem wäre gerne weiter dabei (UFZ 2025).
Für die beiden steht aber erst einmal der EU-Wettbewerb in Riga im Mittelpunkt. Dort werden sie sich mit den besten jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Europas messen. Egal, wie sie abschneiden – sie haben bereits jetzt gezeigt, dass man mit Neugier, Ausdauer und der Unterstützung guter Mentoren Großes erreichen kann. Und das alles begann mit einer Handvoll Erde aus dem eigenen Garten.
Quellen:
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Hessisches Kultusministerium 2025. „Forschergeist aus Hessen überzeugt“. [online] Verfügbar unter: https://kultus.hessen.de/forschergeist-aus-hessen-ueberzeugt
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Jugend-forscht.de 2025a. „Bakterien auf dem Speiseplan 2.0“. [online] Verfügbar unter: https://www.jugend-forscht.de/virtuelle-ausstellung/detailseite/Bakterien_auf_dem_Speiseplan_20.html
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Jugend-forscht.de 2025b. „Bakterien auf dem Speiseplan 2.0 – Detailseite“. [online] Verfügbar unter: https://www.jugend-forscht.de/index.php?id=262&tx_smsjufoprojects_smsjufprojectdb%5Bproject%5D=7665
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UFZ 2025. „Zwei Schülerteams gewinnen mit UFZ-Unterstützung beim Bundeswettbewerb ‚Jugend forscht'“. [online] Verfügbar unter: https://www.ufz.de/index.php?de=36336&webc_pm=30/2025
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BASF 2025. „Siegerinnen und Sieger des Regionalwettbewerbs Jugend forscht bei BASF in Lampertheim gekürt“. [online] Verfügbar unter: https://www.basf.com/global/de/who-we-are/organization/locations/europe/german-sites/ludwigshafen/the-site/news-and-media/news-releases/2025/02/p-25-031
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Schuldorf Bergstraße 2025a. „Kuchenverkauf für Forschungspatent aus dem MakerLab“. [online] Verfügbar unter: https://www.schuldorf.de/home1/53-jufo/1765-kuchenverkauf-fuer-forschungspatent-aus-dem-makerlab
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Schuldorf Bergstraße 2025b. „Phagenjäger im Marburger Max-Planck-Institut“. [online] Verfügbar unter: https://www.fgsb.de/10-top-news/1840-phagenjaeger-im-marburger-max-planck-institut
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