Von der Plage zur Power: Wie Mariama Mamane in Burkina Faso aus Wasserhyazinthen Strom macht
Die Sonne brennt unbarmherzig auf ein kleines Dorf am Rande von Ouagadougou. Der Staub wirbelt auf, als eine Gruppe Kinder lachend nach Hause rennt. Vor einem der Häuser kniet eine junge Frau im roten Kleid im Dreck. Mariama Mamane, 29 Jahre alt, Umweltingenieurin, versucht fieberhaft, einen blauen Generator zu starten. Neben ihr liegt ein großer, quadratischer Plastiksack, gefüllt mit Biogas. Schweißperlen stehen auf ihrer Stirn, ihre Hände wechseln Werkzeuge, sie redet leise auf die Maschine ein. „Es wird funktionieren!“, murmelt sie. Dann ein Ruckeln, ein Husten – und die Lampe im Haus flackert auf. Mariama strahlt. Aus einer Plage hat sie Energie gemacht (Africa Energy Portal 2019; UNEP 2019).
Es ist eine dieser Ideen, die so einfach klingen, dass man sich fragt, warum niemand früher darauf gekommen ist. Die Wasserhyazinthe – von der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) als eine der hundert schlimmsten invasiven Arten der Welt eingestuft – wächst explosionsartig in den Gewässern des Niger-Flusses und bedroht das gesamte Ökosystem. Sie erstickt das Leben unter Wasser, blockiert Fischerboote, verschlechtert die Trinkwasserqualität und bietet Brutstätten für Malaria-Mücken (UNEP 2017a). Die Bekämpfung dieser Pflanze verschlingt jährlich Millionen.
Mariama Mamane, aufgewachsen am Ufer des Niger in Niger, später in Burkina Faso lebend, sah in dieser Plage jedoch eine Chance. Schon als kleines Mädchen, als sie den Pfadfinderinnen beitrat, lernte sie: Aus scheinbar ausweglosen Situationen kann man etwas Neues schaffen. Diese Kreativität und ihr Studium am Internationalen Institut für Wasser- und Umweltingenieurwesen (2iE) in Ouagadougou brachten sie auf eine revolutionäre Idee (UNEP 2017b; Wikipedia 2022).
Wusstest du? Weltweit gelten Wasserhyazinthen als eine der zerstörerischsten Pflanzen. Sie können ihre Biomasse in nur zwei Wochen verdoppeln und bilden dichte Teppiche, die Sonnenlicht blockieren und den Sauerstoffgehalt im Wasser drastisch reduzieren (UNEP 2017a).
Eine Pflanze, drei Lösungen
Ihr Konzept, das sie 2016 zur Gründung des Unternehmens Jacigreen führte, ist ein Paradebeispiel für zirkuläre Wirtschaft. Mariama entwickelte einen mehrstufigen Prozess, der die verhasste Pflanze in drei wertvolle Produkte verwandelt (UNEP 2017a; Circle Economy 2022):
Zuerst wird die Wasserhyazinthe aus dem Fluss geholt. Das allein befreit die Wasserwege und verbessert die Lebensbedingungen für Fische und andere Wasserlebewesen. Die geerntete Biomasse wird dann in einem Fermenter unter Luftabschluss zersetzt – ein Prozess, der der Verdauung im Magen einer Kuh ähnelt.
Bei dieser Vergärung entsteht Biogas. Dieses Gas fängt Mariama in den charakteristischen blauen Plastiksäcken auf und leitet es in Generatoren. Damit können ländliche Haushalte, die nicht ans Stromnetz angeschlossen sind, endlich Licht und Energie bekommen – eine saubere Alternative zu Holz, das sonst unter großem Rauch in den Hütten verbrennt und die Wälder der Region dezimiert (Africa Energy Portal 2019; UNEP 2019).
Nach dem Vergärungsprozess bleibt eine nährstoffreiche Flüssigkeit übrig: der Dünger JaciGrow. Dieser organische Dünger wird in Flaschen abgefüllt und an Kleinbauern verkauft. Er bietet eine Alternative zu den teuren und oft umweltschädlichen chemischen Düngemitteln, die die Böden auslaugen und die Gesundheit gefährden (Mediaterre 2020).
Wusstest du? Laut der Afrikanischen Entwicklungsbank haben 645 Millionen Menschen in Afrika keinen Zugang zu Elektrizität. Mariamas Lösung trifft damit einen der größten Entwicklungshemmer des Kontinents (UNEP 2017a).
Von der Studentin zur Unternehmerin
Der Weg zum Erfolg war alles andere als einfach. Als Mariama 2017 den Titel „Young Champion of the Earth“ der Vereinten Nationen für Afrika gewann, war das ein entscheidender Wendepunkt. Mit dem Preisgeld von 15.000 Dollar, einem intensiven Mentoring-Programm und der internationalen Aufmerksamkeit konnte sie ihren Traum endlich vorantreiben (UNEP 2017a; Wikipedia 2022).
Doch der Preis war nur der Anfang. Vor Ort in Burkina Faso stand sie vor fast unüberwindbaren Hürden. „Ich stand vor so vielen Herausforderungen beim Bau meines Prototyps“, erzählt sie. Die benötigten Spezialteile für ihre Anlage gab es nicht im Land. Kurzerhand bestellte sie sie aus China und Deutschland – und fand sich plötzlich als Bauleiterin wieder. „Ich musste alles selbst machen, vom Mauerwerk bis zur Klempnerei“ (Africa Energy Portal 2019; UNEP 2019).
Ihr Mentor bei Covestro, Robert Maleika, war beeindruckt: „Wir hatten bereits große technische Lösungen für ihr Problem – aber natürlich entwickelt für große Biogasanlagen. Etwas von Grund auf in den ländlichen und abgelegenen Gebieten Burkina Fasos zu bauen, hat uns beide dazu gebracht, neue Lösungen zu finden, die nicht sofort offensichtlich waren“ (Africa Energy Portal 2019; UNEP 2019).
Was bisher erreicht wurde
Heute ist Jacigreen mehr als nur ein Prototyp. Mariama testet ihre Anlagen mit Familien und Bauern rund um das 2iE-Institut. JaciGrow ist in Flaschen von 250 ml bis 5 Litern erhältlich und wird von Landwirten getestet. Ihr Ziel ist ehrgeizig: Bis 2021 wollte sie 500 Haushalte mit Biogas und über tausend Bauern mit Dünger erreichen (Africa Energy Portal 2019; UNEP 2019).
Die Wirkung ihrer Arbeit ist vielfältig. Sie bekämpft nicht nur eine invasive Pflanze, sondern reduziert die Abholzung, verringert den Einsatz von Chemikalien in der Landwirtschaft und bringt Licht in die Hütten. In einem Haus, das mit ihrem Biogas betrieben wird, erzählt die Bewohnerin Kadijatou Ouedraogo: „Die Kinder können ihre Hausaufgaben bei Licht machen. Ich stelle auch Speiseöl aus Sesamsamen her. Die rohen Samen bringen auf dem Markt etwa 80 Cent pro Tag. Indem ich daraus Öl mache, kann ich etwa fünf Dollar pro Tag verdienen“ (UNEP 2019).
Professor Harouna Karambiri, einer ihrer Dozenten, sieht in Mariama ein Vorbild: „Mut, harte Arbeit, aber vor allem Neugier werden dein Projekt zum Erfolg führen“ (UNEP 2019). Mariama selbst hat eine klare Botschaft an andere junge Frauen: „Es ist wichtig, durchzuhalten, wenn etwas unmöglich erscheint. Das Durchstehen dieser Zeiten hilft einem zu wachsen und gibt einem Energie für das Berufsleben. Ich ermutige andere Mädchen und junge Frauen, über ihre Träume hinauszugehen – sie werden es schaffen“ (Africa Energy Portal 2019).
Quellen:
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UNEP 2017a. „Young Nigerian water expert wins top UN Environmental prize“. [online]
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UNEP 2017b. „Mariama Mamane – Regional Winner, Africa“. [online]
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Africa Energy Portal 2019. „Burkina Faso: Persistence pays – powering a green economy“. [online]
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UNEP 2019. „Working on saving a sinking island“. [online]
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Mediaterre 2020. „Jacigreen : l’entreprise qui donne de la valeur à une plante envahissante“. [online]
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Wikipedia 2022. „Mariama Mamane“. [online]
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Circle Economy 2022. „Jacigreen – Water hyacinth for biofertiliser and biogas“. [online]
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