Gründer David Witzeneder von Wurmkiste.at beim riechen. :) Bild Wurmkiste.at
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Im Wohnzimmer wird nun Kompost hergestellt: Mit der Wurmkiste

(Wien/Andorf) Der Ursprung ist typisch für gute Ideen: ein Umzug, ein Problem, eine Erleuchtung. David Witzeneder, Agrarwissenschaftler aus Oberösterreich, zog nach Wien und stand plötzlich vor der Frage, was er mit seinen Küchenabfällen tun sollte. Biotonne? Im Altbau Fehlanzeige. Im Park eingraben? Witzeneder selbst sagte „illegal“ – er grub den Biomüll tatsächlich illegal im Park ein (LinkedIn, vienna.at). Er stiess auf Wurmkompostierung – und machte daraus ein Unternehmen. Seit 2015 produziert die Wormsystems GmbH in Andorf, Oberösterreich, Wurmkisten aus regionalem Holz, gemeinsam mit integrativen Betrieben, händisch gefertigt. Die Vision laut Witzeneder: die Wurmkiste als fixer Bestandteil jeder Stadtwohnung. 


Das Problem, das niemand sieht

Dass Biomüll ein unterschätztes Klimaproblem ist, zeigen die Zahlen deutlich. In deutschen Restmülltonnen macht Bioabfall mit 39 Prozent einen grösseren Anteil aus als Restmüll selbst, der nur zu 32 Prozent in den Tonnen zu finden ist. Wir für Bio Jedes Jahr werden in Deutschland rund 5,2 Millionen Tonnen Biomüll über die Restmülltonne entsorgt. Wir für Bio Was dann passiert, ist klimatisch verheerend: Der Abfall landet in Verbrennungsanlagen. Allein in Wien veranschaulicht sich die Dimension noch konkreter: In der österreichischen Hauptstadt landen jährlich 172.000 Tonnen Biomüll im Restmüll, die alternativ in Wurmkisten verwertet werden könnten.

Die Wurmkiste setzt genau an diesem Punkt an. Auch wer in einer Wohnung im urbanen Gebiet lebt und keine Biomülltonne zur Verfügung hat, kann mit ihr einfach, geruchlos und nachhaltig Küchenabfälle kompostieren. heraus kommen zwei Produkte, die im Garten oder auf dem Balkon bares Geld sparen: Wurmhumus und Wurmtee.


Wusstest du? In Wien gibt es bereits rund 10.000 Wurmkisten, die gemeinsam etwa eine Million Kilogramm Biomüll in wertvollen Wurmhumus umwandeln. 


Was in der Wurmkiste lebt

Die eigentlichen Helden dieser Geschichte sind unscheinbar, feucht und rosa. In einer Wurmkiste leben nicht einfach irgendwelche Würmer: Das Wurm-Mix besteht aus drei verschiedenen Arten – Eisenia fetida, Eisenia andrei und Eisenia hortensis – die im europäischen Raum heimisch sind.  Dazu kommen Mikroorganismen und Kleinstlebewesen wie Enchyträen, Bakterien und Mikropilze, die den Kompostierungsprozess unterstützen und beschleunigen. (Zero Waste Austria)

Das Zusammenspiel dieser winzigen Arbeitsgemeinschaft ist faszinierend. Das organische Ausgangsmaterial wandert durch den Verdauungstrakt der Würmer, wird dort verdaut, zermahlen, pH-neutralisiert und mit Mikroorganismen angereichert – so entsteht ein Biodünger, der optimal auf Pflanzenbedürfnisse abgestimmt ist. Wer einmal erlebt, wie aus Bananenschale und Kaffeesatz tiefschwarze, nach Wald riechende Erde wird, versteht, warum viele Nutzer von ihren Würmern sprechen wie von Haustieren.

Jede Wurmkiste braucht eine Hand voll Würmer. Foto von sippakorn yamkasikorn auf Unsplash
Jede Wurmkiste braucht eine Hand voll Würmer. Foto von sippakorn yamkasikorn

Schwarzes Gold für Balkon und Beet

Eine Wurmkiste schenkt pro Jahr etwa 10 Kilogramm Humus  – kompakt, nährstoffreich, biologisch zertifiziert. Was dieser Humus kann, geht weit über normalen Kompost hinaus: Untersuchungen zeigen, dass die Auswirkung des Wurmkomposts als Dünger positive Effekte auf die Unterdrückung von Pflanzenkrankheiten hat. Bei einem Versuch an Tomaten, Paprika und Kohl ging die Anzahl an Blattläusen und anderen Schädlingen mit der Anwendung des Wurmkomposts deutlich zurück.

Der Unterschied zur gewöhnlichen Komposterde ist für Nutzer spürbar. Eine Käuferin aus Österreich berichtete, ihre Tomaten hätten mit Wurmhumus gefühlt doppelt so viel Ertrag gebracht wie in den Vorjahren – am gleichen Standort, bei gleicher Pflege. Ein Wurmkompostierer macht zudem unabhängiger von industriellen Düngemitteln und schont Ressourcen, da Transportwege und Verpackungsmüll entfallen. Wurmkiste


Vom Einzelhaushalt zum Gemeinschaftsprojekt

Das Wurmhotel für mehrer Partien. Bild. Wurmkiste.at
Das Wurmhotel für mehrer Partien. Bild. Wurmkiste.at

Wurmkiste.at denkt nicht nur an den Einzelhaushalt. Das sogenannte WurmHotel verarbeitet täglich Biomüll von bis zu 15 Haushalten – und ist für Kinder wie Erwachsene ein direktes Erlebnis mit der Natur.  Das Modell steht bereits in Wiener Wohnhausanlagen, in Betrieben und Gemeinschaftsgärten. Es schliesst den Kreislauf nicht nur ökologisch, sondern auch sozial: Nachbarn, die sich um eine gemeinsame Wurmkiste kümmern, reden miteinander.



Produziert, wo die Idee entstand

Was Wurmkiste.at von vielen Nachhaltigkeitsprojekten unterscheidet, ist die Konsequenz in der Lieferkette. Die Kisten werden in Oberösterreich gemeinsam mit integrativen Betrieben händisch hergestellt. Das Team setzt auf sorgfältige Rohstoffauswahl, möglichst kompostierbare Verpackung und umweltschonende Vertriebswege.   Wer eine Wurmkiste kauft, unterstützt also nicht nur den eigenen Balkon, sondern eine regionale, sozial durchdachte Produktion.

Der richtige Temperaturbereich für die Würmer liegt zwischen 15 und 25 Grad Celsius, bei einem Feuchtigkeitsgehalt von 60 bis 85 Prozent. (Zero Waste Austria) Innerhalb dieser Parameter funktioniert das System zuverlässig, geruchsarm – und überraschend selbstständig. Wer drei Wochen in den Urlaub fährt, kann das ruhig tun: Erfahrene Nutzerinnen und Nutzer berichten, dass die Würmer auch längere Pausen gut überstehen, am besten kühl und im Dunkeln.

Eine Wurmkiste ist kein Hobby für Spinnerlinge. Sie ist ein Werkzeug, mit dem jeder Haushalt aktiv und messbar zur Bodengesundheit beiträgt – ohne Garten, ohne Aufwand, ohne schlechtes Gewissen beim nächsten Gemüserest.

Quellen

Wurmkiste.at (o. J.): Biomüll kann mehr. Verfügbar unter: https://wurmkiste.at/biomuell-klima/

Wurmkiste.at (o. J.): Biomüll in Wien: organische Abfälle, Biotonnen & Alternative. Verfügbar unter: https://wurmkiste.at/wurmgefluester/biomuell-in-wien-bioabfall-biotonne/

Zero Waste Austria (o. J.): Wurmkiste. Verfügbar unter: https://www.zerowasteaustria.at/wurmkiste.html

Wirfuerbio (o. J.): Kein Biomüll in den Restmüll. Verfügbar unter: https://www.wirfuerbio.de/kein-biomuell-in-den-restmuell/

Wirfuerbio (o. J.): Status quo: Wie steht es um den Biomüll in Deutschland? Verfügbar unter: https://www.wirfuerbio.de/biomuell-in-deutschland/

Plantura (2025): Kompostwürmer: Arten, Funktion & Vermehrung. Verfügbar unter: https://www.plantura.garden/gartenpraxis/kompost/kompostwuermer

Wikipedia (o. J.): Kompostwurm (Eisenia fetida). Verfügbar unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Kompostwurm


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