Scheitern ist keine Ausnahme. Es ist ein normaler Bestandteil davon, etwas Neues zu versuchen. Trotzdem fällt es den meisten Menschen schwer, produktiv damit umzugehen – und die Forschung erklärt, warum das so ist.
Das Gehirn schützt sich vor schlechten Nachrichten
Die Psychologin Ayelet Fishbach von der University of Chicago hat in einer Reihe von Studien nachgewiesen, dass die meisten Menschen systematisch vermeiden, sich mit eigenen Fehlern auseinanderzusetzen – selbst dann, wenn sie es wollen. In ihren Experimenten lernten Versuchspersonen, die ihre Fehler analysierten, deutlich schneller dazu als solche, die sich auf Erfolge konzentrierten. Dennoch wählte die große Mehrheit intuitiv die Erfolgsanalyse. Fishbach erklärt das so: Das Gehirn empfindet die eigene Fehlerbilanz als Bedrohung des Selbstwertgefühls. Der Wunsch, sich als kompetente Person zu sehen, überwiegt den Lerneffekt. Das Ergebnis war laut Fishbach „sehr robust“ – es blieb auch bei massiv erhöhten Geldanreizen stabil. (Psychologie Heute 2025)

Fixed Mindset vs. Growth Mindset – was die Forschung sagt
Carol Dweck, Psychologieprofessorin an der Stanford University, hat in Jahrzehnten der Forschung zwei grundlegend verschiedene Haltungen gegenüber Rückschlägen beschrieben. Menschen mit einem Fixed Mindset verstehen ihre Fähigkeiten als angeboren und unveränderlich. Für sie ist Scheitern ein Urteil über ihre Person. Menschen mit einem Growth Mindset hingegen sind überzeugt, dass Fähigkeiten durch Anstrengung wachsen. Für sie ist Scheitern Feedback, kein Urteil. Dwecks Forschungswerk zeigt: Das Growth Mindset führt nachweislich zu besseren Lernergebnissen, mehr Ausdauer bei Herausforderungen und einem konstruktiveren Umgang mit Rückschlägen. Entscheidend ist dabei, dass das Mindset nicht angeboren ist – es lässt sich trainieren. Schon gezielte Interventionen von wenigen Sitzungen reichen laut Dweck aus, um die Einstellung messbar zu verändern. (Hogrefe Psychologie Lexikon 2022)
Warum Deutschland besonders schwer tut
In der deutschen Unternehmens- und Gesellschaftskultur herrscht nach wie vor eine ausgeprägte Null-Fehler-Kultur. Das zeigt die Forschung von Prof. Dr. Jutta Heller an der Hochschule für angewandtes Management: Die Angst vor Fehlern ist weit verbreitet und erzeugt messbare psychische Belastung. Resiliente Menschen und Organisationen unterscheiden sich davon nicht dadurch, dass ihnen weniger schiefläuft – sondern dadurch, dass sie Scheitern als Information statt als Urteil verarbeiten. Akzeptanz ist dabei der erste entscheidende Schritt: Erst wer ein Scheitern wirklich anerkennt, kann aufhören, Energie in die Verleugnung zu stecken, und beginnen, das Gelernte weiterzunutzen. (Heller 2015, De Gruyter)
Soziales Netz und psychologische Sicherheit
Ein weiterer gut belegter Faktor ist das soziale Umfeld. Rückhalt in einer Gruppe gehört laut Resilienzforschung zu den wichtigsten Ressourcen bei der Verarbeitung von Rückschlägen. Google stellte in einer internen Studie zum Teamverhalten fest, dass psychologische Sicherheit – also das Gefühl, ohne Angst vor Konsequenzen Fehler ansprechen zu können – der stärkste Prädiktor für Teameffektivität war, stärker als alle anderen untersuchten Faktoren. Teams, in denen Fehler offen besprochen werden, lernen schneller und sind innovativer. (Edmondson, zitiert nach Heller 2022)
Was das für die Praxis bedeutet
Sono Motors scheiterte 2023 (siehe Artikel hier: ) mit dem Sionprojekt trotz über 44.000 Reservierungen – ein Beispiel dafür, wie selbst breite Begeisterung keine Finanzierungsstruktur ersetzt. Die Technologie lebt heute als SonoSolar weiter. Das illustriert einen psychologisch relevanten Punkt: Ein Projekt und eine Idee sind nicht dasselbe. Wer das auseinanderhalten kann, schützt sich vor dem kognitiven Fehler, aus dem Scheitern einer Umsetzung auf den Wert einer Idee zu schließen.
Die Forschung gibt eine klare Richtung vor: Scheitern lässt sich nicht vermeiden. Aber der Umgang damit ist erlernbar – durch Analyse statt Vermeidung, durch ein Umfeld, das Offenheit zulässt, und durch eine Haltung, die Rückschläge als Information begreift und nicht als Urteil über die eigene Person.
Quellen:
Dweck, C. (2006): Mindset: The New Psychology of Success. Random House, New York.
Fishbach, A. (2025): Interview. Verfügbar unter: https://www.psychologie-heute.de/leben/artikel-detailansicht/42571-scheitern-ist-hart-aus-fehlern-zu-lernen-noch-schwerer.html
Heller, J. (2015): Resiliente Verarbeitung von Fehlern und Scheitern in Unternehmen. Verfügbar unter: https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/pubhef-2015-0078/html
Hogrefe (2022): Mindset-Theorie. Verfügbar unter: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/mindset-theorie
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