Kein junger Trauernder soll alleine trauern: Wie Beth French mit Let’s Talk About Loss einen Raum schuf, den es nicht gab
(Nottingham/Grossbritannien) – Als Beth French 20 Jahre alt war, starb ihre Mutter Susan an Krebs. Beth hatte nicht wirklich damit gerechnet – Mütter sind doch unverwundbar, dachte sie. Dann war Susan plötzlich nicht mehr da. Was blieb, war ein Schmerz, der sich kaum in Worte fassen liess, und das Gefühl, damit völlig alleine zu sein. Nicht weil es niemanden gab, der helfen wollte. Sondern weil Trauer im Leben junger Menschen kaum einen Platz hat – und weil die meisten nicht wissen, was sie sagen sollen, wenn ein Freund, eine Freundin sie braucht. Aus diesem Schmerz und dieser Lücke entstand 2016 etwas, das heute Tausenden von Menschen in ganz Grossbritannien hilft: Let’s Talk About Loss.

Beth beschreibt es so: „Ich habe so viele wunderbare Freunde, die ein erstaunliches Support-Netzwerk bieten. Aber wenn man keinen Elternteil verloren hat, kann es schwer sein zu wissen, was man sagen soll. Als ich zum ersten Mal meine Mutter verlor, wollte ich nicht mit meiner Schwester und meinem Bruder darüber reden, falls ich sie verärgern sollte. Sie waren jedoch die Einzigen, die den Schmerz wirklich verstanden. Ich wollte auch keine Menschen belasten, die diesen Schmerz nicht kennen. Glücklicherweise sah ich eine Beraterin und sie bot mir einen sicheren Ort, um zu besprechen, wie ich mich fühlte. Aber nicht jeder hat diesen Luxus. Und ohne über Trauer zu sprechen, kann sie zu einer unkontrollierbaren negativen Kraft werden.“ (Let’s Talk About Loss o. J.)
Die Lücke, die niemand gesehen hatte
Trauer ist nicht nach Alter eingeteilt. Aber Unterstützung oft schon. Als Beth nach dem Tod ihrer Mutter online nach Hilfe suchte und „Charities für Frauen, die ihre Mutter verloren haben“ eintippte, war sie schockiert: Es gab nichts. Es gibt viel Unterstützung für Kinder, die einen Elternteil verloren haben. Und es gibt Unterstützung für Witwen und Witwer. Aber für junge Erwachsene zwischen 18 und 35 – die erwachsen genug sind, um keine Kinderhilfe mehr zu bekommen, aber noch längst nicht fertig damit, sich in der Welt zu finden – gab es so gut wie nichts. (Crowdfunder o. J.)
Beth beschreibt es so: „Ich wollte einfach eine Gruppe von Freunden, die auch trauern und wissen, wie es sich anfühlt. Ich merkte, dass dieser Raum nicht existierte – und dass es einen echten Bedarf gab.“ (Mancunian Matters 2024)
Was Let’s Talk About Loss ist – und was es bewusst nicht ist
Beth French gründete Let’s Talk About Loss im Dezember 2016, eineinhalb Jahre nach dem Tod ihrer Mutter. Sie wusste, dass ein klassisches Unterstützungsangebot nicht das war, was sie sich selbst gewünscht hätte. Also startete sie im März 2018 das erste Treffen – ein Zusammenkommen von jungen Erwachsenen zwischen 18 und 35 Jahren, bei dem Menschen sprechen, zuhören und Geschichten teilen konnten. (Dougy Center 2021) Schnell wurde klar: Der Bedarf war riesig. Immer mehr junge Menschen fanden die Gruppe – und viele sagten dasselbe: „Wo wart ihr mein ganzes Leben lang?“ (Mancunian Matters 2024)
Die Treffen in Städten in ganz Grossbritannien ermutigen 18- bis 35-Jährige, über Trauer zu sprechen. Die Überzeugung dahinter: Wenn man andere trifft, die Verluste erlebt haben, kann man seine Geschichten und Kämpfe teilen – ohne Angst, ohne Urteile, ohne peinliche Stille. (Let’s Talk About Loss o. J.)
Was diese Treffen nicht sind, ist dabei genauso wichtig wie das, was sie sind. Es handelt sich nicht um Therapie oder professionelle Trauerbegleitung – es ist eine Gruppe von Gleichgesinnten. Es wird über vieles geredet, nicht nur über Trauer. Es ist ein sicherer Raum, der sich oft überraschend leicht anfühlt. (Let’s Talk About Loss o. J.) Mehrere Menschen, die zum ersten Mal zu einem Treffen gekommen sind, beschreiben, dass sie ein weinendes Chaos erwartet hatten – und stattdessen Lachen fanden. Und das Gefühl, endlich verstanden zu werden.
Wusstest du? Die Manchester-Gruppe von Let’s Talk About Loss hat inzwischen über 200 Mitglieder. Eines ihrer Mitglieder, Rachel, beschreibt ihren ersten Abend so: „Ich bin in Tränen ausgebrochen und auf die Toilette gerannt – weil jemand mich gefragt hat, wie es mir geht. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass mich jemand so gefragt hat.“ (Mancunian Matters 2024) Ein einfaches Wort kann alles bedeuten.
Von 3 Städten zu mehr als 35 Gruppen in ganz Grossbritannien
Was als eine Handvoll Treffen in Nottingham begann, ist heute eine landesweite Bewegung. Inzwischen gibt es über 35 verschiedene Gruppen in Städten in ganz Grossbritannien. Menschen finden Let’s Talk About Loss und sagen: „Wo wart ihr mein ganzes Leben lang? Ich habe genau das gebraucht.“ (Mancunian Matters 2024)
Die Organisation hat sich zu einer registrierten Charity entwickelt, mit einem Team aus Mitarbeitenden, ehrenamtlichen Hosts und einem Beirat aus erfahrenen Fachleuten. Callum, der seit 2020 als freiwilliger Gruppen-Host dabei ist, beschreibt seine Arbeit so: Er hilft dabei, einladende, sichere Räume zu schaffen, in denen Menschen ihre Erfahrungen in ihrem eigenen Tempo teilen können. (Let’s Talk About Loss o. J.)
Neben den Treffen gibt es ein Brieffreundschaftsprogramm namens „Share My Grief“ – offen für Menschen weltweit – sowie ein Buch voller persönlicher Geschichten, einen YouTube-Kanal, Online-Ressourcen und Veranstaltungen. (Let’s Talk About Loss o. J.)
Warum Trauer im Leben junger Menschen so oft unsichtbar bleibt
Phil, der bei den Manchester-Treffen hilft, bringt es auf den Punkt: „Kein Zeitpunkt ist gut, um jemanden zu verlieren. Aber dieses Alter ist das schwierigste. Das ist die Zeit, in der man herausfindet, wer man ist. Wenn man dann einen Elternteil oder einen Freund verliert, ist das besonders hart – weil so viel in diesem Leben gerade passiert.“ (Mancunian Matters 2024)
Hinzu kommt das gesellschaftliche Schweigen rund um das Thema Tod. Beth beobachtet: „Ich bin fasziniert davon, dass Trauer und Tod solche Tabuthemen im Vereinigten Königreich sind. Obwohl der Tod eine Unvermeidlichkeit für jeden Menschen ist, sprechen wir nicht gerne darüber. Wenn man es doch tut, hat man das Gefühl, dass andere es als ansteckend empfinden.“ (Let’s Talk About Loss 2024) Dieses Schweigen ist kein persönliches Versagen – es ist kulturell. Und es lässt Trauernde alleine.
Was Beths Rat an alle ist, die ein Projekt aus dem Herzen starten wollen
Beth French ist Gründerin und Gesicht von Let’s Talk About Loss – was sie sich einmal kaum vorzustellen wagte. Ihr Rat an alle, die selbst eine Idee haben, die sie nicht loslässt: „Wenn du eine Leidenschaft in deinem Herzen hast und ein Projekt starten willst, dann mach es. Stell einfach sicher, dass du genügend Unterstützung in deinem Leben hast, da Projekte des Herzens manchmal schwierig und zeitaufwendig sein können. Wenn du Familie und Freunde hast, die dich unterstützen, wirst du einen sehr guten Job machen und vielen Menschen helfen.“ (Let’s Talk About Loss o. J.)
Wusstest du? Let’s Talk About Loss glaubt, dass durch das Kennenlernen anderer, die Verlust erlebt haben, Geschichten und Kämpfe ohne Angst, Verurteilung oder peinliche Stille geteilt werden können. (Let’s Talk About Loss o. J.) Diese Überzeugung ist gleichzeitig das einfachste und das tiefgründigste Fundament der gesamten Organisation.
Quellen
Crowdfunder (o. J.): Let’s Talk About Loss – Crowdfunding. Verfügbar unter: crowdfunder.co.uk/p/lets-talk-about-loss
Let’s Talk About Loss (2024): Book Review: Lonely Planet’s Guide to Death, Grief and Rebirth. Verfügbar unter: letstalkaboutloss.org
Let’s Talk About Loss (o. J.): About. Verfügbar unter: letstalkaboutloss.org/about/
Mancunian Matters (2024): Let’s Talk About Loss: the bereavement group making sure ’no young griever grieves alone‘. Verfügbar unter: mancunianmatters.co.uk
Dougy Center (2021): Let’s Talk About Loss – Beth French. Verfügbar unter: dougy.org
Wenn du selbst gerade trauerst und dich die Themen in diesem Artikel berühren – du bist nicht allein. Bei Let’s Talk About Loss findest du auf letstalkaboutloss.org eine Gruppe in deiner Nähe oder Online-Unterstützung. In Deutschland ist die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 kostenlos und rund um die Uhr erreichbar.
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