Vier Stunden, die alles verändern: Der FREI DAY und die neue Schule
(Berlin/Deutschland) Was wäre, wenn Schülerinnen und Schüler einmal pro Woche selbst entscheiden dürften, woran sie arbeiten – und warum? Genau das ist die Idee hinter dem FREI DAY, dem bekanntesten Lernformat der Initiative Schule im Aufbruch. Über 400 Schulen in Deutschland erproben es bereits. Was dabei entsteht, ist mehr als guter Unterricht – es ist eine andere Vorstellung davon, wozu Schule eigentlich da ist.
Es ist ein Dienstagvormittag, irgendwo in Deutschland. Während in den Nachbarklassen der Stundenplan abgearbeitet wird, sitzt eine Gruppe Zwölfjähriger zusammen und plant ein Stadtbienenprojekt. Sie haben die Frage selbst gestellt, den Kontakt zur lokalen Imkerei selbst hergestellt, das Budget selbst kalkuliert. Die Lehrerin sitzt dabei – aber nicht vorne. Sie begleitet.
Das ist der FREI DAY. Mindestens vier Stunden pro Woche, in denen Schülerinnen und Schüler an selbstgewählten Projekten arbeiten – orientiert an den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (SDGs). Nicht als Thema, das durchgenommen wird. Sondern als echte Frage, auf die echte Antworten gesucht werden.
Die Idee hinter dem Format
Der FREI DAY wurde von der Initiative Schule im Aufbruch entwickelt, die 2012 von Margret Rasfeld und dem Neurobiologen Gerald Hüther gegründet wurde. Rasfeld, langjährige Schulleiterin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ), hatte dort bereits erprobt, was viele für utopisch hielten: Schule ohne 45-Minuten-Takt, ohne Frontalunterricht, ohne das Abrichten auf Prüfungen als einziges Ziel.
Der FREI DAY ist das destillierte Ergebnis dieser Erfahrung. Er folgt einer einfachen Logik: Kinder und Jugendliche haben echte Fragen zur Welt. Schule sollte ihnen helfen, diesen Fragen nachzugehen – nicht umgekehrt.
Die Projekte, die dabei entstehen, reichen von lokalen Ernährungsgärten über Medienkampagnen zu Klimagerechtigkeit bis hin zu Kooperationen mit Kommunen, Handwerksbetrieben oder Forschungseinrichtungen. Was sie gemeinsam haben: Sie sind nicht für eine Note gemacht. Sie sind für die Welt gemacht.
Wusstest du? Die 17 Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen wurden 2015 von 193 Staaten verabschiedet – als globaler Fahrplan für eine gerechte und nachhaltige Welt bis 2030. Im FREI DAY dienen sie nicht als Lernstoff, sondern als Kompass für selbstgewählte Projekte.
Was sich verändert – und was das kostet
Schulen, die den FREI DAY einführen, berichten übereinstimmend von einem Effekt, der sich schwer in Noten messen lässt: Schülerinnen und Schüler, die plötzlich wissen, warum sie etwas tun. Die morgens kommen, weil sie weitermachen wollen, nicht weil sie müssen.
Das klingt weich. Es hat aber handfeste pädagogische Grundlagen. Neurowissenschaftliche Forschung zeigt seit Jahren, dass intrinsische Motivation – also das Lernen aus eigenem Antrieb – nachhaltiger zu Kompetenzaufbau führt als externe Belohnung durch Noten (Deci und Ryan 2000). Der FREI DAY ist, in gewissem Sinne, angewandte Motivationsforschung.
Was das Format von Schulen verlangt, ist dennoch erheblich. Lehrerinnen und Lehrer müssen eine andere Rolle einnehmen: weniger Wissensübermittlung, mehr Begleitung. Stundenpläne müssen umgebaut werden. Schulleitung und Kollegium müssen mitziehen. Schule im Aufbruch bietet dafür Fortbildungen, Begleitprogramme und ein wachsendes Netzwerk von Schulen an, die voneinander lernen.
Die Initiative finanziert sich durch Spenden und Stiftungsförderung – unter anderem durch die Schöpflin Stiftung und die Crespo Foundation. Verbindungen zu Technologie- oder Industriekonzernen, die das Programm inhaltlich beeinflussen könnten, gibt es nicht. Rasfeld hat sich explizit gegen eine Schule positioniert, die Kinder für den Arbeitsmarkt „abrichtet“ – und zieht diese Grenze auch bei Kooperationen.
Über 400 Schulen in Deutschland sind inzwischen Teil der Bewegung. Eine Zahl, die wächst – leise, aber stetig.
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Quellen
Schule im Aufbruch gGmbH 2024. „Der FREI DAY – Lernformat für die Zukunft“. [online] Verfügbar unter: https://frei-day.org
Deci, E.L. und Ryan, R.M. 2000. „The ‚What‘ and ‚Why‘ of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior“. Psychological Inquiry 11(4). [online] Verfügbar unter: https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1207/S15327965PLI1104_01
Schule im Aufbruch gGmbH 2024. „Transparenz und Finanzen“. [online] Verfügbar unter: https://schule-im-aufbruch.de/ueber-uns/transparenz/
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